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Die Wahrheit · 1902-03-14 · Heft 11 (14.3.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 11 (14.3.1902)
Date
1902-03-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 11. Sicherheit, mit der ihn Jellinek entlarvte, so anmaßend, dass sich dieser wirklich veranlasst sah, den Diener Franz zu rufen, um den sauberen Gesellen vor die Thüre zu setzen. Uebrigens erkannte auch Kaplan in dieser Person den gleichen Schwindler, der sich vor Kurzem im Hause eines jüd. Mäcens als Sänger vorgestellt hatte und in Folge einer Nasenpolypen berufsuufähig geworden sein wollte. Aber nicht immer konnte Jellinek gegenüber dem Andrang unwürdiger Leute eine solche Entschiedenheit an den Tag legen, wie im erwähnten Falle. War der Hilfesuchende iiu wenig im Talmud unterrichtet, beherrschte er in gewissem Grade die hebräische Sprache, so konnte er der Gunst, ja in vielen Fällen sogar der Freundschaft des großen Mannes sicher sein. Denn das war eine der schönsten und edelsten Eigenschaften Jellineks, welche ihn als Juden besonders schmückte, 'dass er für ein bischen jüdisches Wissen, das er in Jemand entdeckt zn haben meinte, sich aufzuopfern im Stande war. Was Wunder, wenn dann unter dem herrlichen Weizen sich auch ziemlich viel Spreu vorfand! Es konnte nicht ausbleiben, dass Unwürdige sich an Jellinek herandräugten, und er, der Entscheidug eines Talmudlchrers folgend, der entschied zhz iwr dieselben reichlich unterstützte! Dass solche Halunken später seinen Namen missbrauchen werden, war vorauszusehen. So unterstützte er einst einen russischen jungen Mann, der sich dem Rabbinatsstande widmen wollte. Derselbe hatte eine kleine Erzählung in hebräischer Sprache veröffentlicht, und dies war, ttotzdem diese Erzählung nicht nur im.schlechtesten Hebräisch geschrieben war, sondern auch auch nach Form nnd Inhalt unter aller Kritik stand, bei Jellinek die beste Empfehlung. Da man aber bekanntlich durch fleißiges Kartenspiel im Kaffeehause weder Rabbineruock Doctordiplom erlangen kann, so konnte es nicht ausbleiben, dass der betreffende junge Mann nach mehr denn vierjährigem Verbleiben in . Wien der herrlichen Millionenstadt an der schönen blauen Donau mit Hinterlassung einer ziemlich.'großen Schuldenlast auf immer Valet sagen musste. Und Dr. Jellinek hatte das Nachsehen, die Schulden für seinen Günstlig bezahlen zn müssen, während dieser nachher als englischer Missionssöldling keinen sehr schweren Daseinskampf geführt haben soll. Ist diese weitgehende HerzenZgüte und Liebe zum Judenthum, weil unter ihrem vor Sturm und Gewitter schützenden Arm gar oft so manches Dornröschen gedeihet, ein Fehler, der Schaden für das Judenthum zur Folge h.tt? Ich antworte aus diese Frage mit einem entschiedenen und kräftigen .Nein"! Denn wie der Vorzug der Schule darin besteht, dass durch sie Talente entdeckt, gefördert und ausgebildet werden, während dort, wo sich der zarten Jugend keine Gelegenheit bietet, Schulen zu besuchen, viele Talente im Keime erstickt werden; so ist auch der moralische Vortheil auf Seite desjenigen gelehrten Mannes zu finden, der nicht bis an die Zähne zugeknöpft einhergeht, sondern vielmehr mittheilsam und zugänlich ist und um sich einen Kreis gelehriger, seinen Worten mit Aufmerksamkeit lauschender Jünger bildet. Es ist wol wahr, dass dem Gelehrten hieraus mancher persönliche Nachtheil erwachsen kann, doch was zählen diese kleinlichen persönlichen Nachtheile gegenüber den moralischen Vortheilen, die hiedurch für die Allgemeinheit erzielt werden? Jellinek hat auch seitens vieler jüd. Gelehrter, die vielleicht das, was sie jetzt sind, nur durch ihn geworden sind, viel Undank geerntet. Allein er stand auf eine»! so hohen Piedestal, dass er ftch über all die Kleinlichkeiten hinwegfetzte und trotz mancher bösen Erfahrung unverdrossen Talente förderte, wo er sie nur zu finden meinte. Wie er überhaupt in all seinem Thun und Lasten originell, ja genial war, so war er es auch in der Entdeckung von Talenten für Anbauüug und Befruchtung der jüdischen Wiffenschaft. So ist es Jellineks Verdienst, die Aufmerksamkeit auf den zu früh der talmudischen Wiffenschaft enttiffeuen Rabbinowitsch, den berühmten Verfasser des tnsso’jmpi gelenkt zu haben. Derselbe kam nämlich als armer, verwahrloster russischer Emigrant: nach Wien und erregte durch die Virtuosität, mit der er derr ganzen Talmud beherrschte, die Bewunderung Jellineks. Die-" ser empfahl Rabbinowitsch dem gottseligen Märzbacher in München, von dem man sagen konnte, er war wS ns». Denn Märzbacher, der ein Studiengenosse Jellineks war unst ebenfalls dem Rabbinerstande sich widmen wollte, entsagte diesem Berufe, heirathete, wurde Bankier und' erwarb sich ein schönes Vermögen, das er zum großen Theile behufs- Anlegung einer in ihrer Art vielleicht einzig existierenden großen jüd. Bibliothek, heute noch unter den Namen „Märzbacher'ische Bibliothek" bekannt, verwendete. Andererseits förderte er auch materiell strebsame junge Leute, die sich für-die Wissenschaft - des Judevthums interessierten. So entstand dann durch die wirksame Empfehlung Jellineks, durch die Fördederung Märzbachers und durch den Fleiss und die Classicität Nabbinowitsch der auf 24 Bände angelegte anaio ’pnpi, von dem nur 16 Bände erschienen sind. Vor zwei Jahren ist von Dr. H. Ehrentreu, München, der 17. Band erschienen^ da ein jäher Tod den Verfasser im besten Mannesalter hinweggerafft hat. Und was wären denn Lector Weiß und Lector Friedmann geworden, wenn nicht Jellineks Schutzgeist sie unter seine Fittige genommen hätte? Ich will hier, Gott behüte^ keineswegs den Ruhm des Verfassers des epochalen Werkes- 'nenn in in„ verdunkeln. Jedoch Talent allein ohne Förderung und Anleitung verkümmert. Lector Weiß war schon in ^seiner Jugend ein berühmter Talmudkenner, ein guter hebräischer Stylist; dass er aber auch Meister geworden isr auf dcm Gebiete der jüdischen Geschichtsforschung, dass er die jüdische Litteratur mir feinem unvergänglichen fünfbändigen Werke nrnni in in bereichern konnte, das hat man dem unvergesslichen Jellinek zu verdanken. Ebenso verhält es sichmit dem jüd. Schöngeist, dem ausgezeichneten Agadiften, Lector Friedmann. Jellinek und die erwähnten zwei Lectoren sind eigentlich die einzige Entstehungsgeschichte des Wiener Bethhamidrasch in der Tempelgasse. Dr. Jellinek sah in Weist und Fricdmann zwei aufgehende Sonnen am Horizonte des- Judenthums. Sie bedurften nur der Förderung.. und der- Leitung auf die Bahn echten wissenschaftlichen Forschens. Da kam Jellinek, gründete ein Belhhamidrasch, veranlasste, dass die zwei Männer an der genannten Anstalt als Lectoren angestellt werden — und die große That war vollzogen. Nun schläft Dr. Jellinek den Schlaf des Gerechten^ der Mann aber, der wie Jellinek Talente erfinden, entdecken und fördern, mit der ganzen Wärme seines Geistes und mit der- Gluth seines jüdisch fühlenden Herzen für sie eintreten soll, auf dass sie richtig vertheilt werden, um nicht geistig zu verkümmern — muß erst dem gegenwärtigen Judenthum wiederneu erstehen. Dr. K a u f m a n n. Gemeinde- und Vrreinsbote. Wirn. Der Präsident der Wiener Cultusgemeinde, Herr kais- Ralh Heinrich Klinger, ist von seinem Erholungsurlaube zurückgekehcd und hat die Leitung der Präsidialgeschäfte wieder übernommen. Wirn. Zn einer der letzten Sitzungen des Polenclubs wurde gelegentlich einer Discuffion über das Unterrichtsbudget von mehreren, insbesondere den geistlichen Mitgliedern eine intensivere Pflege des Religinokunterrichtes an den Mittelschulen verlangt. Abgordntter- Domherr Graf Komarowski erklärte, dass er als.Geistlicher und Katholik: den Standpunkt einnehme, jede Religion sei besser als keine. Nachdem die Mittelschulen für alle Confessionen bestehen, so müsse auch dein jüdischen Religionsunterrichte die gebührende Aufmerksamkeit zugewendet werden. Dieser Unterricht werde jedoch durch den Mangel an geeignetenausgebildeten Lehrkräften beeinträchtigt. Es sei Sache und Pflicht des Polenclubs, sein Bemühen auf eine bessere Ausbildung der jüdischen Religionslehrer zu richten und denselben dann auch eint entsprechende- Stellung.zu verschaffen.

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