Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sekte 5. Nr. 11 Vir Vahrheit. kaum ein Wort, der Erwiderung finden. Wir mussten den Eindruck der mit hoher Würde und Einfachheit vorgetragenen Gedanken erst ruhig wurzeln lassen. Und das merkte der ehrwürdige Mann, denn auch er schwieg und benützte die Gelegenheit, seine Cigarre auss Neue in Brand zu setzen. „Ans solche Art" bemerkten wir endlich, „wäre nur vom traditionellen Judenthum sür die Zukunft Dauerndes und Großes zu erwarten." „Gewiss", mein Herr! Alles andere lässt sich weder wissenschaftlich noch geschichtlich halten oder ehrlich begründen. Die gewaltigen Glaubenshelden sind aus den Reihen unserer frommen, unerschütterlichen Vorfahren hervorgegangen." „Was bezeichnen diese Striemen auf Euren Händen, wird man fragen; und die Antwort lautet: Es sind die blutigen Spuren der Schläge, die ich im Hause meiner Freunde erhalten habe", so lautet ein Satz des Propheten Zacharias. Der Midrasch knüpft daran folgende Betrachtung. Es ist das Märtyrervolk Israel, das an seinem Leibe schwer verwundet, diese Worte spricht. Wenn man fragt: warum werdet Ihr gegeißelt, dann empfängt man die Antwort: weil ich den Uebertieserungen meines Hauses treu geblieben bin, das Gebot der Tefillin nicht übertreten wollte. Warum werdet Ihr gefoltert, gemartert? Weil ich Beschneidung, Sabbath nicht aufheben und übertreten wollte. „Mit Genugthuung zeigen wir die Geißelhiebe, die Andersgläubige und auch Glaubens- und Stammesgenossen uns versetzt haben. Wir haben uns ihrer nicht zu schämen. Es sind Wunden, Narben, die wir.mit Stolz zeigen und tragen. Niederschmetternd kann nur die Wahrnehmung sein, dass dem von uns erzogenen Geschlecht, welchem wir neben dem traditionellen Judenthume die Segnungen moderner Bildung zutheil werden ließen, dieser Segen zum Fluche wird; dies ist dann der Fall, wenn sie treulos den Weg verlassen und verlustig jedes Ideals, für die unumstößlichen Wahrheiten unseres erhabenen Glaubens kein Herz, kein Gefühl mehr haben. Aber der Streiter für dieses Ideal darf nicht verzagen. Er muß es sich genügen lassen an dem Bewusstsein, nach seiner Kraft gearbeitet, geschaffen zu haben. Mit diesem Bewusstsein werde ich einmal meine Augen schließen können; denn ich kann mir sagen: das Judenthum der Niederlande wird mir niemals den Vowurf machen können, dass ich zu seiner Kräftigung und Erhaltung nichts beigetragen hätte." „Und das Judenthum der übrigen Staaten Mitteleuropas, hochwürdiger Herr, halten Sie es sür gut geleitet, für lebenskräftig?" So weit die Berichte zu uns dringen, scheint es nicht zum Besten bestellt zu sein. In Deutschland und Oesterreich beispielsweise fehlt es vollkommen an unbedingt anerkannten führenden Geistern, an Männern, deren Wort und Rath von Allen gewürdigt, befolgt würde. Die großen, wahrhaft frommen Organisatoren sind in verhältnismäßig kurzer Zeit dahingegangen und haben kaum die Hälfte ihrer Arbeit vollbracht. Es herrschen, scheint es, Verwirrung, Zwietracht und Planlosigkeit iu großen Kreisen. Die Verwüstungen, welche die uferlosen Reformbestrebungen angerichtet haben, sind nur schwer auszubessern. Die Ruinen des alten Judenthums werden durch die prunkendsten Bauten nicht ersetzt. Die Wiederbelebung muß von Grund wieder beginnen. Die Erziehung der Jugend muß aus unerschütterlich fester, tiefgründiger, echt jüdischer Basis ruhen. Lehrer und Rabbiner müssen von den reinste», höchsten Idealen erfüllt und getragen sein. Alle religiösen Institutionen müssen unbedingt solid und wohlorganisirt sein; ein großer, ernster, jeder Phrase und Oberflächlichkeit, ja dem trügerischen Scheine «bholder Zug durch die jüdischen Gemeinden, namentlich die Großgemeinden gehen. Deren geistliche Leiter, Führer und Lehrer sollen leuchtende Beispiele solcher Art sein, wie Jethro dem Mosche empfohlen hat. Die Pflege der jüdischen Wissenschaft und. Litteratur muß in den jüdischen Gemeinden eine Stätte finden, wo würdige, wahrhaft fromme Männer im Geiste der Großen vergangener Tage wirken und lehren." „Empfangen Sie, hochwürdiger Herr, herzlichen Dank, für Ihre Belehrungen", sagten wir, „unvergesslich wird mir die Stünde -sein, in der es mir vergönnt war. Sie zu sehen und zu hören. Gestatten Sie mir nun, einen Blick in Ihre gewiss kostbare Bücherei zu werfen." Gerne wurde dieser Wunsch erfüllt. Wir waren erstaunt. Nur classische Werke der verschiedenen Litteraturen fanden wir. Herrliche Exemplare der beiden Talmude, der Werke Alsasi's und Maimnnis', von denen die kostbarsten Editionen den vordersten Platz einnehmen. Von der gewaltigen Responsenlitteratur fast nichts. Hingegen sämmtliche Classiker der Halachah, der Schriftauslegung, der jüdischen Philosophie und Geschichte, sowie auch der größten Werke fremder Litteraturen in berühmten Editionen. Die Bücherei von derselben Clafficität, wie der Besitzer. Wir ließen uns erzählen, dass auch die Werke des Amsterdamer Rabbi, denselben Stempel an sich tragen, namentlich sein großes Talmudwerk, das kritische Abhandlungen des Palästinensischen und Babylonischen Talmud enthält, von welchem bereits mehrere Bände erschienen sind und soeben zwer weitere Bände sich unter der Presse bestuden. Wir verabschiedeten uns, wurden aber kurz vorher der: Familie vorgestellt. Es war unterdess 10 Uhr geworden. Für Amsterdam noch immer Besuchszeit. Voll ernster Gedanken verließen wir das Rabbinerhans und schritten durch das Ghetto^ das sich uns in nächtiger Stunde mit abenteuerlichen Gestalten bevölkerte. Wir glaubten Boas, Noemi, Orpa und Rutkd zu sehen. _(Fortsetzung folgt.) Äus Karlsbad. Den Juden Nordböhmens wird es in der jetzigen Zeit, in welcher unser öffentliches Leben vom Antisemitismus durchtränkt ist, außerordentlich schwer gemacht, interne Angelegenheiten der Gemeinden, der Schule u. s. w. öffentlich zu besprechen, da die antisemitische Schurutzpresse aus derartigen Publikationen immer Nutzen ziehen sucht; allein es gibt mitunter Verhältuiße, deren leidenschaftslose Besprechung im Interesse der Allgemeinheit zur Nothwendigkeit wird, und ein solcher Fall ist beispielsweise der Unterricht in der Religionslehre in den Karlsbader Schulen., soweit derselbe die israelitischen Kinder betrifft. In den Karlsbader Schulen wird der isr. Religionsunterricht von drei Lehrern ertheilt, und zwar im Gymnasium vom Rabbiner Dr. Ignaz Ziegler, in der Bürger- und Volksschule vom Gemeindesecretar R. Sonneberg und Herrn S. Thieberger, welcher seit etwa 3 Jahren iu Karlsbad wirkte Alle drei Herren erfreuen sich in der Gemeinde allgemeiner Achtung, stehen aber gleichzeiig im Rufe großer Strenge in Bezug aus die Classisicierung ihrer Schüler. Bei dem Rabbiner ergibt sich jedoch die Thatsache, dass seine Zöglinge ihm trotz seiner angeblich strengen Classifizierung in aufrichtiger Verehrung ergeben sind. Er kennt wohl keine ungerechtfertigte Nach-- sicht, bekundet jedoch gegenüber allen seinen Schülern vornehme Umgangsformen und liebevolle Behandlung, so dasA man ihn eher einen gerechten als einen strengen Lehrer neunem kann. Anders ist dies hinsichtlich des Unterrichtes in unserer Volks- und Bürgerschule. Der Umstand, dass die erwähntem Religionslehrer ein tadelloses Privatleben führen, veranlasst: die hiesigen Gemeindemitglieder seit Jahren stillschweigend einem Zustand zu erdulden, der manchen israelitischen Familien schow vielen unnöthigen Verdruss bereitet hat. Es ist eine allgemeine Klage, dass das Vorgehen der isr. Religionslehrer beim Unterrichte ein viel zu schroffes ist, dass die Kinder unersrenndliche Redensarten zu hören bekommen, die mit einer guten Erziehung nicht vereinbar sind, uitd dass sogar einer der Lehrer, der überaus nervös ist, von dem in der Schule der Neuzeit sonst nicht: mehr üblichen Züchtigungsrechte Gebrauch macht. Schließlich» Wird bei den Elassificierungen ein derartig strenger Maßstadr. angelegt, dass der Mehrzahl der Kinder die Zeugmße verdorben werden, und die Eltern unaufhörlich die diesbezüglichem Lamentationen der Kinder anhüre» müssen. Die Erfahrung lehrt, dass man das Urtheil von Kindern^