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Die Wahrheit · 1902-03-07 · Heft 10 (7.3.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit. Nr. 10 Wertrauliche Sitzung. Zu der auf.die öffentliche Sitzung folgende» vertraulichen Sitzung gelangten zunächst Stiftungs-Verleihungen gemäß den Einträgen des Vertreter-Collegiums zur Erledigung: Die Ertragrriße des Dr. Salomon Hayum Goldschmidt'schen Legates pro ^1902 im Betrage von rund 47.000 Kronen werden im Sinne Her widmungsgemäßen Anordnung, wonach „die jährlichen Eiu- Mnfte unter verschiedene israelitische Wohlthätigkeits-Jnstilute der Stadt Wien, vorzugsweise Lehranstalten" zu vertheilen sind, «iner Reihe besonders förderuugswürdiger, jüdisch-confessioneller Unterrichts- und Wohlthätigkeits-Institutionen der hiesigen Cultusgemeinde zugewendet. Aus den Stistungszinsen der Dr. M>olf Sachs'schen Stiftung für Herz- und Aortakranke werden Mer das von Herrn Docenten Dr. Grünfeld namens des Eomitös für diese Stiftung und conform den Beschlüssen des Vertreter-Collegiums erstattete Referat an 7 Competenten ganze Stiftplätze per je 600 Kronen und an 20 stiftbrieflich geeignete Versauen monatliche Unterstützungen im Gesammtbetrage von -400 Kronen zuerkannt. Aus der Dr. Adolf Sacks'schen Stiftung für Techniker werden über Referat und Antrag des Herrn Vaurath Stiaßny, im Sinne der Anträge des Comitös für diese Stiftung und des Vertreter-Collegiums, 14 Stipendien per je -600 Kronen an Hörer österreichischer technischer Hochschulen für die Tauer des laufenden Studienjahres verliehen. Ferner wer- «rus der Qsias H. Schorr'schen Stiftung für Rabbinats- und schrämtecandidaten 14 Stipendien per je 600 Kronen conform Hem Gutachten des Professoren-Collegiums der Wiener israelitisch theologischen Lehranstalt an Hörer dieser Hochschule für das -laufende Studienjahr verliehen. Für einen Bethausverein und zwei Bibelschulvereine werden Subventionen bewilligt. Weiters wird die Uebernahme der 'Marie Gerstmann'schen Jahrzeit-Widmung für die israelitische Versorgungsanftalt mit dem Capitale von Nom. 400 Kronen beschlossen. Nach Erledigtlng von Personalien wird die Sitzung um Halb 2 Uhr mittags geschloffen. Aeber dr« hebräische« Unterricht an den Oberrlassen -er Gymnasien und Realschulen. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink. IX. Vers 4: „Die Prosten in den Schwellen erbebten vor Her erdröhnenden Stimme, und das Haus ward von Rauch erfüllt," — mit solch furchtbarer Gewalt machte sich der Nachhall dieser Morte in der Seele des Propheten geltend. Es ist aber dabei keineswegs an einen äußerlichen Vorgang, der auch Anderen wahrnehmbar wäre, zu denken. Der Prophet ist vielmehr von den Thatsachen, Hie in seinem Geiste Vorgehen, dermaßen erfüllt, dass er sie so lebendig wie die greifbare Wirklichkeit erfasste. Ja, mau kann «och weiter gehen. — In dem weihevollen Augenblicke prophetischer Verzückung ist die Welt für seinen Geist überhaupt nicht vorhanden und für ihn nur das, was als Eingebung ihn erfüllt — Wü klichkeit. Im Zustande der Ohnmacht hört ja auch Has Vorhandensein der Welt für unsere Sinne auf. An die Stelle der Leere, die uns in diesem Falle einuimmt, tritt beim Propheten eben die — Erleuchtung. In jenem Augenblicke gerade -erfüllte Rauch das Heiligthum. Es hatte wohl damals gerade Her Priester das Räucheropfer dargebracht. Im Vergleiche mit jener himmlischen Huldigung nahm sich diese irdische recht wie Eine „Verdunkelung" von Gottes hehrem Wesen aus. Nun bricht Her Prophet, wie von einem tiefen Schmerze überwältigt, in Heu Schrei aus: „Wehe mir, denn ich.bin vernichtet! — weil "ich ein Mann unreiner Lippen bin und ich unter einem Volke Rur reiner Lippen wohne, wo doch den König, den Herrn der -Heeresschaaren, meine Augen gesehen haben." (V. 5) Was war Es denn eigentlich, das den Propheten gerade in senem Augenblicke der Weihe von dem Schmerze seiner unreinen Lippen so peinlich betroffen machte? Was ließ ihn gar mit der Behauptung, dass sie allesammt an demselben Uebel kranken, zum Ankläger seines Volkes werden? — Das Volk war doch eigentlich an diesem rein persönlichen Vorgänge vollständig unbetheiligt. Wie wenige, — vielleicht kein einziger unter demselben — mögen diesen Schmerz thatsächlich mit dem Propheten getheilt haben! Aus dem, was bisher ausgeführt worden, ergibt sich jedoch der Sinn ohne weiteres. Der Prophet Hatte soeben in den großen grellen Gegensatz zwischen der himmlischen Weise, Gott zu huldigen, und der ihr gegenüber so tief in den Schatten tretenden irdischen Art — hineingeleuchtet. Er mochte wobl auch im Augenblicke der Erleuchtung das Verlangen in sich gefühlt haben, seine Stimme in den Jubelchor jener Himmlischen zu mischen. Allein seine Zunge versagte hierbei ihren Dienst. Das erweckte eben jenen Schmerzensschrei bei ihm. Er beklagte in demselben nicht blos die eigene Unzulänglichkeit, sondern die seines Geschlechtes überhaupt. Freilich der großen Menge mögen solche Gefühle noch nie zu Bewusstsein gekommen sein. Aber was dem Propheten im Geiste als Erleuchtung aufgegangen war, das wandelte sich in seinem Herzen $u Schmerz. „Da flog zu mir einer von den Seraphim und hatte eine Kohle in der Hand, die er mit einer Zange vom Altäre genommen (V.6.) und ließ sie meinen Mund berühren und sprach: „Siehe, in dem dies hier Deine Lippen berührt, ist Dein Fehl gewichen und Deine Sünde gesühnt". — (B. 7.) Welche Sünde hatte der Prophet denn begangen, um derentwillen er etwas abzubüßen hatte? — Sie bedeutet wohl nichts anderes, als das Gefühl der Unwürdigkest, von dem er sich gepeinigt sah. Fühlte er sich doch so tief unglücklich, dass er Gott nicht nach Weise der Himmlischen verherrlichen könne. Aus ihrem Kreise sollte ihm die rechte Belehrung kommen. Dieselbe weist ihn entschieden in seine menschlichen Schranken zurück. Er solle nicht in Bereiche vorzudringeu trachten, die ihm seiner ganzen Natur nach unzugänglich sind. Als Mensch solle er Gott auf menschliche Weise verherrlichen. Dem Propheten war aber auch der Sinn dieser Ermahnung keineswegs entgangen. Als der himmlische Ruf erscholl: „Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen wollen?" — hatte er sofort sein: „da bin ich, sende mich", bereit. Ein höchst merkwürdiger Umschlag der Stimmungen. — Eben war er noch bis zur Verzweiflung verzagt. Er erlag nicht blos dem Gefühle seiner eigenen persönlichen Unzulänglichkeit, sondern noch mehr erdrückten ihn die Mängel des menschlichen Geschlechtes überhaupt. Die letzteren umsomehr, als über dieselben kein Vorsatz, keine Anstrengung der Welt hinwegzuhelfen vermag. Die Erkenntnis, welche das Eingreifen des Seraphs mit der Fenerkohle ihm vermittelte, hatte diese freudige Entschlossenheit in ihm erweckt. Für uns, die wir den gesammten Vorgang überschauen, liegt darin die Erkenntnis erschlossen, dass kein Lob noch Sphärengesang, keine Art der Hnldigung in der ganzen weiten Welt derjenigell gleich kommt, die eine Seele darstellt, die für Gott gewonnen, in der sein Geist gezündet hat. Dies zu vollbringen, ward der Prophet gesendet. Diese Ausgabe zu volls ühren, dazu hatte sich der Prophet nunmehr erboten. Er sollte sich jedoch von Anfang an keiner Täuschung über ihre Natur und den Erfolg, der ihm in Aussicht stand, hingeben. „Gehe und sage diesem Volke: Höret nur immer — aber sehet nicht ein, sehet nur immer — aber erkennet nicht. Verfettet ist das Herz dieses Volkes, seine Ohren erstarrt, seine Augen verklebt, damit es nicht mit seinen Augen sehe, mit seinen Ohren höre und sein Herz einsehe — und es sich bekehre, auf dass ihm Heilung werde." (B- 8. u. 9.) Welche Kunde lvar es, die der Prophet seinem Volke überbringen, und welche Erscheinung sollte er ihm denn zeigen? Es wird uns nichts von alldem gesagt. Nichts destoweniger kann der Sinn seines Auftrages irgendwie zweifelhaft sein. Die Botschaft, die er bringen, war eben das „dreimal heilig" und die Erscheinung, die er zeigen sollte war: „die Fülle der ganzen Erde gereicht zu Gottes Ehre". — Also von dieser Seite aus sollte er die Erkenntnis Gottes predigen, wie die Erkenntnis der Welt in einem neuen Lichte zeigen.

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