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Die Wahrheit · 1902-03-07 · Heft 10 (7.3.1902) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10. vie Wahrheit. Seite 5. kulturellen Mission des Judenthums. Der Religionsunterricht \ soll nicht zum Ballast, zum angeseindeten Gegenstände werden, \ sondern erhebend, belehrend und erbauend auf die Schüler i Wirken. Herr Dr. Spitzer, so fährt der Redner fort, hat ganz! Recht, wenn er sagt, dass der Religionsunterricht, wie er in ' den letzten 20 Jahren geübt wurde, Gift für das Judenthum! sei, und ich kann dies nur bestätigen. Ich gebe ja zu, dass diejenigen im Rechte sind, die mehr jüdisches Wissen fordern, aber was i kann man den Kindern in ein oder zwei Stunden wöchentlich bei- ) bringen? Diese geringe Zeit kann man unmöglich zum Sprachi studinm verwenden, so wichtig dies auch wäre. Da müssen! eben die private Bibelschulen nachhelfen. Die jetzige Art und i Weise des Unterrichtes ist nicht der Weg, die Jugend in Liebe für die angestammte Religion zu erziehen! Mau wird mich gewiss auf die vortrefflichen Instructionen verweisen. Jawohl, nicht nur die neuen Instructionen sind vorzüglich, auch die alten waren es schon, aber gehalten werden sie nicht, sie stehe» nur auf dem Papier, ohne von den Lehrern befolgt zu werden. Lesen Sie die Jnspectionsberichte, meine sehr geehrten Herren, dann werden Sie sehen, woran unsere Religionsschule krankt. Zur Abstellung der in denselben angeführten Klagen ist aber gar nichts geschehen. Nicht der Lehrplan, sondern die Lehrer und die mangelhafte Controlle sind an den schlechten Resultaten des Religionsunterrichtes schuld. Schaffen Sie die nöthigen Lehrkräfte und die überwachenden Persönlichkeiten, dann wird diese, Eltern und Kinder gleich schwer bedrückende Frage endlich verstummen, und bevor dies geschehen, können wir Vorstände nicht oft genug den Finger aus diesen wunden Punkt drücken. Zum Schlüsse plaidirt Redner für die Annahme des Referenten- Antrages. Vicepräsident Dr. Gustav K o h n sieht sich zu einigen allgemeinen Gegenbemerkungen genöthigt. Den Einen wird zu viel, den Anderen wieder zu wenig hebräischer Unterricht erlheilt; schon daraus gehe hervor, dass vom Vorstande in dieser Frage der Mittelweg eingeschlagen werden musste. Vor 20 Jahren hat Vorstand eingesehen, dass es unbedingt nothwendig ist, den hebräischen Unterricht wieder einzuführen, und es wurde ihm ein bescheidener Raum in den Lehrplänen für den Religionsunterricht zugewiesen. Die Ausführungen Dr. Spitzers kölure er nicht billigen, da der Religionsunterricht kein ^Sprachunterricht ist. Es sei allerdings richtig, dass in zwei Stunden der Woche nicht viel gelehrt werden könne, doch sei die Ansicht vorherrschend, dass die Kinder, wenn sie auch weniger lernen als wir gelernt haben, heute viel mehr lernen und wissen als vor 20 Jahren, was umsomehr hervorzuheben sei, als sich seither der Kamps zwischen .Schule und Haus oft unangenehm gestaltet hat. Redner könne auch nicht zugeben, dass die Religionslehrer nicht ihre Pflicht erfüllen. Früher wurde wirklich zuviel verlangt, aber die Reduktionen waren so reichlich, dass jetzt kein Anlass zur Klage nach dieser Richtung vorliegt. Was das Memoriren anbelange, so müsse betont werden, dass sich dasselbe aus einige wenige Stücke beschränke, wie Schema Jisroel, Keduscha, Birchas hatauro und andere Benedictionen. Alle Monirungen bezogen sich daraus, dass die Instructionen nicht befolgt werden. Betreffend den Religionsunterricht an Mittelschulen sei zu bemerken, dass die im abgelausenen Jahre unter Zuziehung von Schulmännern ausgearbeiteten Instructionen für Mittelschul-Religionslehrer dem k. k. n.-ö. Laudesschulrathe zur Genehmigung vorliegen; ist diese erfolgt, dann werden die Instructionen wie jedes andere Schulgesetz an die Directionen der Mittelschulen hinausgegeben, welche sodann ebenso wie der Religionsschul-Jnspector über die vorschriftsmäßige Ertheilung des Religionsunterrichtes zu wachen haben werden. Im nächsten Schuljahre lvird es gewiss keine Klagen geben. In der Volksschule kommen sie überhaupt nicht mehr vor. Wir haben ca. 90 Religionslehrer, dass nicht alle Capaziläten sind, ist leicht erklärlich. > Cultusvorsteher Salo Cohn anerkennt die Berechtigung! -er von beiden Seiten ausgestellten Forderungen. Zur Befriedigung derselben würde es ihm richtig erscheinen, dem Religionsunterricht sowie seinerzeit an den preußischen Gymnasien einzurichten. Die heute zu Tage getretenen gegentheilißen Ansichten wird man nie unter einen Hut bringen, daher die Mittelstraße gehen müssen. Darum empfiehlt Redner die Annahme des Referenten-Antrages. Cultusvorsteher Dr. Spitzer verweist darauf, dass gerade in Deutschland in gebildeten Kreisen eine größere Kenntnis, der hebräischen Litteratur herrsche, und beispielsweise rühre die beste hebräische Grammatik von einem Christen (Gesenius) herv Die von Baurath Stiaßuy gewünschte Einfügung des l. Capitels Ezechiels in den Lehrplan könne er nicht billigen, dar dieses Capitel, das eine der kühnsten Visionen darstellt, für die Jugend nicht verständlich ist. Schlusswort des Aeferenleu. Referent Schuldirector Simon gibt in seinem Schlussworte seiner Geuugthuung darüber Ausdruck, dass der Cultus-- vorstand heute Gelegenheit genommen habe, eine so eingehendem Unterrichtsdebatte zu pflegen. Im Allgemeinen sei er nicht gewohnt, dass der Thauroh so hervorragende Beachtung geschenkt werde. Zum vorliegenden Gegenstände übergehend führt der der Redner folgendes aus: Wenn irgend eine schwere Arbeit gut verrichtet werden soll, dann müssen die Arbeiter für dieser! Arbeit herangebildet werden, und da haben wir in unserer Cultusgemeinde eine ganz furchtbare Lücke. Wir haben keinem Lehrerbildungsanstalt, und wenn einige Lehrer ohne dieselbe doch Gutes leisten, ist dies nicht unser Verdienst. Die Schaffung einer solchen Anstalt, welche den Religionslehrern auch alL Sammelpunkt und Fortbildungsstätte dienen könnte, sei eine dringende Nothwendigkeit. Was die Klagen über den Unterricht in der hebräischen Sprache betreffe, so stehe ausdrückliche in den Instructionen, dass eine mangelhafte Kenntnis derselben auf die Classification keinen Eiufluss nehmen dürfe: auch der grammatikalische Unterricht solle nur auf praktischem Wege ertheilch werden, und wenn Ausnahmen Vorkommen, und sie kamen wirklich vor, so sind die Instruktionen nicht richtig gehandhabd. worden. Was die Geographie des heiligen Landes anlange» müsse bemerkt werden, dass ihre Behandlung ohnehin eine ans», führliche sei. Dass der Unterricht im Geilte der Lehrpläne u»^ Instructionen ertheilt werde, darüber müsse von einer tüchtigen Jnspection gewacht werden. Controlle ist die beste Bürgschaft für Gewissenhaftigkeit. Also fachlich gebildete Jnspectoren und Lehrerbildungsanstalten sind unbedingt nothwendig, dann wird es mit dem Religionsunterrichte im Allgemeinen besser bestellt sein. Der vorliegende Lehrplan verlangt gewiss nicht;i* viel. Es kommt nur daraus an, dass man den Mädchen Anregungen gibt, sich mit Interesse in das Wesen des JudenthumL. zu vertiefen, dass sie Kenntnis erhalten von unserer Geschichte,^ unserer glorreichen Vergangenheit, dass sie eine Ahnung Habens von den Schönheiten der hebräischen Sprache. Die Anregungen betreffs des evften Capitels Ezechiel | können nur von einem Künstler ausgehen; je größer der> Künstler, desto größer der Jrrthum. Die Forderungen Drm, Spitzers bewegen sich nicht ans dem Boden der Realität, da-, wir uns wohl hüten werden, von dem Wenigen, das uns durch-, die Staatsgrundgesetze gewährt wird, etwas nachzulassen.Confessionelle Schulen können nur als Privatschulen gedacht werden.. Die Umgestaltung der öffentlichen Schulen in consessionelle wäre ein Unglück für das Judenthnm, und wer sich darüber freuen würde, dessen Name ist nicht werth, hier ausgesprochen, zu werden. (Stürmischer Beifall.) Cultusvorsteher Salo C o h u beantragt mit Rücksicht aup die ausgezeichneten Ausführungen des Referenten die an blov-- Annahme des Lehrplanes. Der Atttrag findet allseitige Untere stützuug und wird die Vorlage en bloc unverändert augeuout*. men, woraus der Vorsitzende die öffentliche Sitzung schließt.

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