Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Die Wahrheit. Seite 5. mus, dem der Unvergessliche -nicht sehr hold gewesen sein soll, diese Vertuschnng in die Schuhe zu schieben. Es ist allerdings wahr, dass der selige Jellinek, so sehr er dem seinerzeit als jüd.-nationalen Messias gefeierten, hebräischen Schriftsteller Peter (Perez) Smolenski hilfreich unter die Arme griff, dessen Ideen über Ziel und Zweck des Judenthums nicht theilte, und einzig und allein aus dem Grunde nicht theilte, weil er sie utopistisch fand, worin auch der Grund zu suchen ist, warum der Mann, dessen Herz so warm für das Judenthum und für all dasjenige, was mit demselben im Zusammenhang steht, schlug, dem ersten jüd.- nationalen Studentenverein Oesterreichs, dem Vereine „Kadimah* keinerlei Interesse abgewinnen konnte. Trotz alldem wäre es sehr gewagt, den seligen Dr. Jellinek als Antizionisten stempeln zu wollen. Seine Gegnerschaft zu Smolenski fand Nahrung in den damaligen Zeitverhältnißen, aus welchen die unglückliche liberale Partei herauswuchs, diejenige Partei Oesterreichs, welche, als sie am Ruder war, für ein bischen Deutschthum alle jene schönen Ideen der Freiheit und Duldung, der Bekämpfung der Reaktion und des Obscurantismus, welche ihr politischesf Programm schmückten, an den Nagel hieng. Der berühmte jüd. Kanzelredner, der zu allen diesen führenden Persönlichkeiten Oesterreichs in Beziehung stand, erblickte in dem Auftauchen einer extrem jüd. nationalen Bewegung in Oesterreich etwas Gefahrdrohendes für das österreichische Judenthum. Bedenkt man, mit welcher Hast jede zu Zweideutigkeiten und Mißverständnissen Anlass gebende jüdische Bewegung von antisemitischen Kreisen und der antisemtischen Presse aufgegriffen wurde, um sie zur Erreichung ihre hässlichen Ziele aüszubeuten, so wird man Jellineks Verhalten gegenüber den Jüdisch-Nationalen nicht so hart beurtheilen. Man würde aber auch sehr fehlgehen, wollte man die Thatsache, dass man über Jellinek selbst an seinem Gedächtnistage, wie es auch in diesem Jahre geschehen ist, so wenig spricht und schreibt — meines Wissens hat sich keine einzige jüdische Feder gerührt, am jüngsten Jahrestage Jellineks, das Andenken des Mannes zu feiern, der in Wort und Schrift soviel zur Verherrlichung des Judenthums beigetragen hat — den Zionisten in die Schuhe schieben, da das Gegentheil von dem wahr ist; denn im Wiener officiellen Organ der Zionisten erschien seinerzeit ein Artikel über Dr. Jellinek aus der Feder des Dr. S R. Landau, in welchem dem Großen in Israel nicht nur Gerechtigkeit widerfuhr, sondern auch das Denken jenes genialen Mannes in das richtige Licht gestellt wurde. Doch das kann einmal nicht geleugnet werden, dass es in Wien gewisse Kreise gibt, die es sich sehr angelegen sein lassen, nicht nur den Ruhm des unvergesslichen Jellinek zu schmälern, sondern ihn überhaupt ganz vergessen zu machen. Dass dies nicht die zionistischen Kreise sind, ist jedem mit den Wiener jüd. Verhältnißen Vertrauten wohl bekannt. Es sei mir daher gestattet, da ich ohnehin im Begriffe bin, eine ausführliche Lebensbeschreibung über Lehre und Leben Jellineks in einer Monographie zu veröffentlichen. Einiges über ihn auch in diesem geschätzten Blatte mittheilen zu dürfen. Seine erste Bekanntschaft machte ich, wie jeder Jude, der einen guten Kanzelredner gerne hört, im Tempel der Inneren Stadt. Es war dies an einem Sckemini-Azereth- Feste. Nie werde ich den Eindruck vergessen, welchen Jellineks Rede, den ich zum ersten Male hörte, auf mich machte. Ich war ganz ergriffen, dachte fortab an nichts Anderes als an des Judenthums heilige Ideale, wiewohl ich mich damals ernstlich mit der Frage hätte beschäftigen müssen, auf welche Weise man einer Hungerkur am ehesten entgehe. Diese Schemini-Azereth-Predigt Jellineks war aber auch für meinen Lehensberuf entscheidend. Wiewohl ich es mir schon in meiner frühesten Jugend vorgenommen hatte, alles daran zu setzen, um Rabbiner zu werden, wurde ich doch, als ich nach Wien kam und wahrnahm, welche Hinderniße sich diesem meinem Entschlüsse in den Weg stellten, in meinem Vorhaben schwankend, um einen leichteren, nicht so dornenbesäeten Lebenspfad zu wählen. Doch Jellineks Predigt ließ mir keine Ruhe, wühlte mein ganzes Innere in mir auf, so dass ich mir sagte: Entweder oder! Siegen oder unterliegen. Mein Entschluss war gefasst. Ich gieng zum greisen Lector I. H. Weiß, der damals am Wiener Beth-hamidrasch' für Rabbinatscandidaten Rabbinica docirte, und meldete mich als Hörer des Beth-Hamidrasch an. Da der selige Dr. Jellinek nicht nur Gründer, sondern auch Präsident des Wiener Beth-Hamidrasch war, so konnte es nicht ausbleiben, dass ich früher 'oder später zu dem großen Meister in Beziehung treten mnsste. Eines Tages erhielt ich in Folge eines Schreibens Dr. Jellinek's von Lector Weiß den Auftrag, Jellinek zu besuchen. Als ich mich, es war dies an einem kalten Wintertag, bei Jellinek einfand, befühlte er meine Kleider und frug^mich in seiner zwar barschen aber von väterlicher Liebe zeugenden Weise, die er besonders Jenen gegenüber übte, welche einen harten Kauipf ums Dasein zu führen hatten: »Warum tragen Sie nicht an solch kalten Tagen einen Winterrock? Sie könnten sich doch eine empfindliche Erkältung zuziehen!* „Was machen, wenn ich keinen habe?" war meine Gegenfrage. „Franz!" rief Jellinek seinem Hausdiener, zu, „gehen Sie mit diesem jungen Mann in das Geschäft des Herrn H. und sagen Sie ihm, dass er für meine Rechnung demselben 6 Winterleibchen und 6 Winterhemden ausfolgen solle 1" Als ich mein erstes litterarisches Debüt feierte, ließ mich Dr. Jellinek abermals durch Lector weiß zu sich bestimmen und trug mir auf, im Tempel des IV. und V. Wiener Bezirkes am Versöhnungstage zu predigen. Welche Verwirrung damals in meinem Kopfe entstand, kann ich mit der Feder nicht schildern. Kurzum ich predigte und erzielte mit meiner ersten Predigt einen nie erwarteten Erfolg, was auch zur Folge hatte, dass solange ich in Wien meine Studien betrieb, im Tempel zu Margarethen und Wieden kein Rabbinats- .bewerber zugelassen wurde, und ich allein daselbst die Functionen eines Predigers versehen musste. Das Interessante an der ganzen Sache ist, dass sich Jellinek über meinen Erfolg mehr freute, als ich selbst. Dass die große Zukunft, die er mir infolge dieses Erfolges prognostizierte, sich nicht eingestellt hat oder besser gesagt, nicht eingerroffen ist, ist bekanntlich nicht seine Schuld. Eines Tages gab er mir beit aia nt? byz via«?, der eine Art Biographie des Israel aus Miedziboz (geb. 1698 gest. 1. Juni 1759), genannt Bal Schem-tow enthält, ins Deutsche zu übertragen, bei welcher Gelegenheit er mich frug, ob ich die jüd. Zeitrechnung in die des Gregorianischen Kalenders umzurechnen wisse. Als ich das mir den^ Worten bejahte, dass die Zahl 240 hinzu addirt werden müsie, meinte Jellinek: Ich gebe Ihnen mnemotechnisches Mittel an. Denken Sie immer an den Psalmvers: d'w bz by 'a'i. Hat Dr. Jellinek Sinn und Verständnis für die Vorzüge und edlen Eigenschaften seines Volkes gehabt und war er im tiefsten seines Innern davon überzeugt, dass die „Seele seines Volkes aus edlem Stoffe gezimmert sei", so war er andererseits auch genug objectiv, ein offenes Auge für die Fehler seiner Glaubens- und Stammesbrüder zu haben. Ihr Mitgefühl, sagte Jellinek, drücken sie in einem Worte aus, das der Inbegriff einer mitleidsvollen, tief mitfühlend m Seele ist; es ist dies ein Wort, das einen Begriff von Mitleid giebt, worüber keine Nation der Welt in ihrem Sprachschätze verfügt. Es ist dies das Wort ,,N e b b i ch". Aber auch die Streit- und Zanksucht seines Volkes pllegte er in seiner witzigen Weise zu characterisieren. So sagte er einmal iw Gegenwart mehrerer Lehrer und Rabbinatscandidaten, die sich gelegentlich bei ihm einfanden: cm map w. Wo zwei Hebräer Zusammentreffen, streiten sie schon miteinander. Es würde den Rahmen dieses Blattes weit überschreiten, wollte ich all die geistreichen Apercus, die schlag fertigen Witze, die bei verschiedenen Gelegenheiten gemachte