Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Dte Wahrheit. Nr. 9 humorvolle» Bemerkungen Dr. Jellineks, deren Ohren- und Augenzeuge ich drei Jahre war, hier niederschreiben. Das Wenige, was ich hier vorbringe, will nur den Zweck erreichen, dass das Andenken Dr. Jellineks, das aus dem Herzen der Wiener jüd. Bevölkerung zu früh geschwunden zu sein scheint, wieder ei» wenig ausgefrischt werde. Es wäre sehr traurig, wenn Lu einer Zeit, in der man einen Mann, welcher jüd. Gelehrsamkeit, hohes allgemeines Wiffen, hervorragende Kanzelberedtsamkeit und ein edles, nach Hohem strebendes Herz in sich vereinigt, mit der Laterne suchen muß, des Genies eures.Jellinek nicht mehr gedacht wird. Geschehen ist aber dies in Wien, im Jahre 1902. Dr. Kaufmann. Erzherzog Rainer-Jubiläum. Der Vorstand der isr. Cultusgemeinde Wien, welcher anlässlich der goldenen Hochzeit Ihrer k. u. k. Hoheiten, des Herrn Erzherzog Rainer und 'der Frau Erzherzogin Maria, eine Huldigungs- und Glückwunschadreffe ubereicht hatte, wurde von Seiner kaiserl. und königl. Hoheit dem Herrn Erzherzog deputativ in Audienz empfangen. Die Deputation bestand -aus den Herren: Oberrabbiner Dr. M. Güdemann und den beiden Bice- Präsidenten Dr. Alfred Stern und Dr. Gustav Kohn. Vice-Präsident Dr. Alfred Stern hielt folgende Ansprache: „Euere kaiserl. u. königl. Hoheit! Als erster Vice-Präsident der israel. Cultusgemeinde Wien — unser Präsident weilt seit vielen Wochen krankheitshalber im fernen Süden — erlaube ich mir im Vereine mit unserem Oberrabbiner, Herrn Dr. Güdemann, und mit meinem Eollegen im präsidio, dem Landesschulrathe Dr. Gustav Kohn, die ehrfurchtsvollen herzlichsten Glückwünsche unserer Gemeinde anlässlich des Jubelfestes der goldenen Hochzeit Ew. kaiserl. u. königl. Hoheit und Ihrer durchlauchtigsten Frau Gemahlin zu unterbreiten. Wir haben unseren herzlich innigen Glück- und Segenswünschen für Ew. k. u. k. Hoheit und die durchlauchtigste Frau Erzherzogin in einer Adresse Ausdruck gegeben und wir danken tiefergebenst für deren huldreiche Annahme und dass es uns gestattet wurde, unsere Glückwünsche auch mündlich vor Ew. kaiserl. Hoheit vorzutragen. In unwandelbarer, inniger, unerschütterlicher Treue, Liebe, Hingebung zu unserem angestammten, erhabenen Herrscherhause nehmen wir stets herzlichsten Antheil an allen freudigen und betrübenden Ereignißen in Schoßte der a. h. Dynastie. Die freudigen Ereigniße sind für uns Lichtblicke in mancher dunklen schweren Stunde, welche wir österreichische Israeliten dermal in unserem theuren Vaterlande zu durchleben haben. Und so war es für uns ein wahres Herzensbedürfnis, anlässlich eines nach dem Ausspi uche Seiner Majestät unseres allergnädigsten Herrn und Kaisers in der a. h. Dynastie einzig dastehenden Freudenfestes auch unseren Jubel, unsere Festesfreude, unsere heißen Glück- und Segenswünsche für Ew. k. Hoheit und Ihre durchlauchtigste Frau Gemahlin in und mit den Stimmen aller unserer Mitbürger zu vereinigen. In Ew. k. Hoheit verehren wir aber auch den hohen Protector, den erleuchtenden Mann der Wissenschaft. In Ew. k. Hoheit, als einstmaligen Ministerpräsidenten, verehren wir auch den Initiator jener Gesetze aus damaliger Zeit, mit denen der auf uns Israeliten lastende Bann gebrochen, die staatsbürgerliche Gleichstellung auf dem einen und anderen Gebiete uns gewährt, aus den übrigen Gebieten angebahnt wurde, die staatsbürgerliche Gleichstellung, welche dann in den von Sr. Majestät unserem allergnädigsten Kaiser huldreichst verliehenen Staats-Grundgesetzen ihren gesetzlichen Abschluss gefunden hat. Und so ist es auch pflichtschuldigste Dankbarkeit, welche wir für Ew. k. Hoheit empfinden und nie vergessen werden. In allen unseren Gotteshäusern, in welchen allsabbatlich vor geöffneter Bundes lade wir Lie Gebete für das Wohl unseres erhabenen Monarchen und die Mitglieder der a. h. Dynastie verrichten, wurde an diesem Sabbate Ew. k. Hoheit und Ihrer durchlauchtigsten Frau Gemahlin noch insbesonders gedacht, und haben wir unsere heißen Gebete zu Gott emporgesendet,! Er möge das erlauchte Jubelpaar noch lange, lange erhalten; Er möge! -auf dasselbe alle Segnungen des Himmels noch viele, viele Jahre in : reichster Fülle uiederströmen lassen.'^ Anschließend hieran bat Ober-Rabbiner Dr. Güdemann um die Erlaubnis, sich behufs des Segensspruches bedecken zu dürfen und nach huldvoller Gewährung dieser Bitte sprach er den priesterlichen Segen, welchen der Erzherzog sichtlich gerührt empfieng. Seine kaiserl. und königl. Hoheit erkundigte sich über die Größe der Gemeinde, über ihre Organisation und bemerkte: «Ja, Sie haben in den letzten Jahren manche schwere Stunde gehabt, wirklich ungerechtfertigt; wir beten Alle zu Einem Gotte, und wir sind alle Oesterreicher, ohne Unterschied der Confeffion und. Ration; nur Einigkeit macht stark, und wir Oesterreicher brauchen die Einigkeit." Unter neuerlichen in eigenem Namen und Namens der Erzherzogin ausgesprochenen warmen Dankesworten wurde die Deputation hieraus huldvollst entlassen. * * * Bei der Cultusgemeinde war inzwischen vom Obersthofmeister des Erzherzogs Rainer nachstehendes Telegramm eingetroffen: Ihre k. u. k. Hoheiten die durchlauchtigsten Herr Erzherzog und Frau Erzherzogin Rainer beauftragen mich Höchstihren wärmsten Dank für freundliche Glückwünsche auszudrücken und Adresse. Obersthofmeister Rosenberg G. M. * * * Anlässlich der goldenen Hochzeit Sr. kaiserl. und königl. Hoheit des Herrn Erzherzogs Rainerund dessen durchlauchtigster Gemahlin Erzherzogin Marie wurde am Samstag, den 22. d. M. in allen Bethäusern der israelitischen Cultusgemeinde sowohl bei dein allgemeinen als auch beim Jugendgottesdienste vor offener Bundeslade in das Gebet für den Landesvater der Segen für das hohe Jubelpaar eingeschaltet. * * * Der Festgottesdienst des Tempel- und Synagogenbauvereines für Wieden und Margarethen anlässlich der goldenen Hochzeit des Herrn Erzherzogs Rainer, welcher am 20. d. M. im Vereinstempel stattfand, gestaltete fick zu einer imposanten Feier, welche in Anwesenheit der beiden Vicepräsidenten der israelitischen Cultusgemeinde, der Herren Doctor Alfred Stern und Landesschulrath Dr. Gustav Kohn, und einer großen Anzahl von Mitgliedern des Cultusvorstandes, unter Anderen der Herren Architekten Fleischer, Baurath Stiaßny, kaiserl. Rath Wilh. Pollak, Hermann Eltbogen und dem I. Secretär kaiserl. Rath Dr. Lieben, ferner fast fämmtlicher Vorsteher der Tempelvereine Wiens, der Herren Seligmann, Gottlieb Bettelheim, Goldschmidt, Dr. L. Streßner, Schnepf, Philipp Nußbaum, Hoflieferant Beck, Doctor Engel, S'raßberg und Moritz Bauer stattfand. Aus Baden war eine Deputation, bestehend aus Herrn Rabbiner Dr. Reich und Vorsteher Dr. Naab erschienen. Als Ehrengäste fanden sich ein: Dr. Josef Bloch, Ortsschulrath S. Heit, Obercantor Bauer, Landesgerichtsrath Dr. Fischer, ein Vertreter der Bezirksvorstehung Wieden u. v. A. Präcise halb 6 Uhr erschienen Se. Excellenz FML. Baron von Jonak in Vertretung Sr. kaiserl. und königl. Hoheit des Herrn Erzherzog Rainer und ein Oberst des Generalstabes in Vertretung der k. k. Landwehr. Obercantor Simon Dünmann brachte im Vereine mit dem vorzüglich geschulten Chore des Mariahilfer Tempels eine von ihm selbst componirte, vom Vereinsschristführer Franz Frankl verfasste Jubelhymne unter der meisterhaften Orgelbezleitung des Herrn Prof. Herz zur Aufführung, welche alle Zuhörer mächtig ergriff. Die hierauf vom Vereins Rabbiner Dr. Reich gehaltene Festrede zeichnete sich ' durch jene Klarheit und Gedankentiefe aus, welche unserem Rabbiner als hervorragendem Gelehrten und Talmudisten eigen ist. Das daran schließende Gebet für den Landesvater und das erzherzogliche Jubelpaar schloß mit der Absingung der Volkshymne. Am Schluffe der allen Theilnehmern gewiss unvergesslichen Feier beglückwünschte Se. Excellenz Herr FML. Baron von Jonak den Obmann des Vereines mit den Worten: „Ich bin tief ergriffen von dieser schönen, patriotischen Feier, und ich werde nicht ermangeln, Ihren kaiserl. und königl. Hoheiten genauen Bericht darüber zu erstatten". Der Tempel selbst prangte in reichem Festschmucke, welchen der k. k. Hoftapezierer, Herr Sigmund Jaray, in zuvorkommenster Weise kostenlos beistellte, die Deeorirung und Anordnung führte Hoftapezierer, Herr Gustav Bamberger, unterstützt vom Vorstandsmitgliede des Vereines, Herrn Adolf Löwy, ebenfalls kostenlos durch. Den reichen Teppichbelag stellte Vorstandsmitglied Josef Berger zur Verfügung. Ein Festmahl vereinigte Abends den gesammten Vereinsvorstand und seine Frauen in Diamant's Restauration, dem eine Anzahl geladener Festgäste beiwohnten. y-xtfexi&iSKKaik