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Die Wahrheit · 1902-02-28 · Heft 9 (28.2.1902) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ais Wahrheit Redaction und Administration: Wien, H/i- Novaragaffe 27. K. k. österr. Postsparcassa Check-Conto Nr. 846.251. Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements» und Jnserationsbeträge sind in Wien zahlbar. nabhängige Heiischrift für jüöifche Interessen. Erscheint jeden Freitag. ßtotto: .,vas 8iege1 Gottes ist Wahrheit!“ Beprssprers: Ganzjährig. .; . Ä. 12.— Halbjährig . . . . K. 6.— I Für Cultus beamte: Ganzjährig .... K. 10.— t | Für Ausland: j Ganzjährig . . . . S Mark. | 6 Rubel oder 16 Fcs.! Nr. 9. Wien, 88. Februar 1902 Inhaltr Hilfsverein für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien. — Ritualmord und Eid. — Remniseencen aus dem Leben Dr. Adolf Jellinek's s. A. — Erzherzog Rainer-Jubiläum. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Hilfscasse fürisrael. Cantoren und Cultusbeamte in Deutschland. — Nifsim Blumenthal. — Verschiedene Nachrichten. Hilfsverein für üie nothleidende jüdische Levölkerung in Galizien. Um das unermessliche Elend der Inden in Galizien durch Schaffung von Arbeits- und Erlmrbsgelegenheiten zu lindern, hat sich gerade vor einem Jahres hier in Wien der „galizische Hilfsverein" cvnstituirt. Die große Aufgabe, die er sich gestellt, ist ein sociales Hilfswerk ersten Ranges und zu ihrer Bewältigung bedarf es reicher Mittel und zahlreicher Hände. Darum wendet sich die Leitung des Vereines, an dessen Spitze der derzeitige Präsident der „österr. israel. Union", Herr Maximilian Paul-Schiff steht, an die breiteste indische Oeffentlichkeit und fordert in nachfolgendem, von hervorragenden Persönlichkeiten gezeichneten Aufrufe zur Förderung und Unterstützung des galizischen Hilfswerkes auf. „Glaubensgenossen! Eine halbe Million verhungernder galizischer Inden rufen Euch an um Hilfe! Das unbeschreibliche Elend, in welchem ein großer Theil unserer galizischen Glaubensgenossen dahinsiecht, hat in den letzten Jahren auch jene Schichten ergriffen, welche bis dahin im Kleinhandel oder im Handwerk ihr kümmerliches Brod fanden. Abgesehen von den allgemeinen, den ökonomischen Rückgang Galiziens überhaupt bedingenden Ursachen wirken auf das Erwerbsleben der Juden noch besondere Umstände schädigend ein. Der aussichtslose Concurrenzkampf mit den über das ganze Land sich ausbreitenden Consum- und Handelsvereinen; die Erschwerung und wesentliche Vertheuerung der Propinationspachtungen; die gesetzliche Sonntagsruhe, die trotz gewisser zu Gunsten der Juden creirter Ausnahmen vielfach für solche, die auch strenge Sabbathruhe halten, den Verlust eines zweiten Arbeitstages in der Woche bedeutet; die Monopolistrung des Salzoerkanfes in Galizien; die Einschränkung des zumeist von Juden betriebenen Fuhrwerksgewerbes durch den Ausbau verschiedener Localbahnen; die vielfach vorkommende Ausschließung der Inden von öffentlichen Lieferungen und Arbeiten; ihre fast ausnahmslose Hintansetzung bei allen öffentlichen Anstellungen und Dienstverleihungen und ähnliche Vorgänge mehr haben in der letzten Zeit tausende Existenzen vernichtet und unzählige Familien an den Bettelstab gebracht. Nicht minder nachtheilig wirkt die hartnäckige culturelle Rückständigkeit der galizischen Juden auf dem flachen Lande auf ihre Erwerbsfähigkeit. Vom Hunger getrieben, wandern die Nothleidenden, Brod und Erwerb suchend, in Schaaren ans den Dörfern nach den Städten, das Elend der dort Ansässigen vermehrend, um! schließlich mit diesen in Roth und Krankheit zu verkommen. So ist heute ein namhafter Theil der gesammten i Judeuschast des Erdballes in Galizien den schrecklichsten Folgen j einer permanenten Hnngersnoth preisgegeben, die in keinem! anderen Lande und bei keiner anderen Ration der Welt l ihresgleichen findet. Wenn nicht bald systematisch Hilfe von > Außen kommt, so ist eine weitere Verschlimmerung unver-! meidlich — eine Verelendung, die in ihren Folgen unmöglich i auf die galizischen Inden allein beschränkt bleiben könnte, I die vielmehr nothwendig auf weitere Kreise übergreifen muß. j Der Größe der Gefahr, die nicht blos der jüdischen j Bevölkerung Galiziens, sondern diesem ganzen Lande und! indirect ganz Oesterreich-Ungarn droht, muß die Größe der! Hilfsaction entsprechen, an der die Judenschast der ganzen I Welt theilznnehmen berufen ist, und an der, wie uns in j Aussicht gestellt ist, insbesondere die Glaubensgenossen in! Deutschland und Amerika werkchätig theilnehmen werden, j Aber wir österreichische Juden müssen als nächstbetroffene, j als Mitbürger bei dieser Hilfsaction vorangehen.! Unter der Patronanz hervorragender Männer, sowie i des Verbandes der österr. Humanitätsvereine B'nai B'rith,! hat sich bereits anr 24. Februar 1901 in Wien der „Hilfsj verein für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien"' j gebildet. In allen größeren Gemeinden Oesterreichs sollen I nun Zweigvereine gebildet werden, und dann werden einflussreiche Männer in Europa und Amerika unserem Beispiele! folgen, um so Hand in Hand mit uns das elementare Uebel j zu bekämpfen. j Die Aufgaben, zu deren Lösung der Hilfsverein berufen j sein soll, sind mannigfacher Art, und von den Mitteln, welche dem Vereine zu Gebote stehen werden, wird es abhängen, nach welcher Richtung sich die Hilfsaction zu bewegen haben wird. Es gilt insbesondere, die immer mehr zunehmende Erwerbslosigkeit zu bekämpfen, die eine große Zahl galizischer Juden zwingt, ihre Heimat zu verlassen und als in der Welt umherziehende Bettler der jüdischen Gesammtheit zur Last zu fallen. Es gilt, die Heranwachsende Generation zu productiver Arbeit zu erziehen! Die Jugend dem Handwerke oder deul Ackerbau zuzuführen, wäre die beste Garantie für die Zukunft. Es sglir ferner, die vorhandenen Ansätze in

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