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Die Wahrheit · 1902-02-21 · Heft 8 (21.2.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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r* Ar. 8. tcstttr.-ungnr. Canloren-Zeitnng Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Zur Organisation der jüdischen Cantoren. Das Abschiednehmen bleibt unter allen Umständen ein ernster Moment, der eines gewissen Bodensatzes von Bitterkeit nicht entbehrt. Doch müssen wir festhalten, dass nach Beendigung der umfasienden Arbeiten des allgemeinen CantorentageS mit seinen Pro- und Contrareden und . hiedurch geläuterten Ansichten ein wohlthuendes Gefühl der Befriedigung unsere Herzen erfasste, als wir nach den Arbeits- und Festestageu endlich zum Abschiednehmen gelangten und die Kollegen allesammt, ausgerüstet mit dem Arbeitsprogramm, für u n fe r.e allgemeinen Interessen wirken zu wollen, heimziehen sahen nach der Stätte ihrer amtlichen Wirksamkeit. Unsere ans die Redlichkeit und Ehrbarkeit der yeimwärtsziehenden College» sich stützende Hoffnungsfreudigkeit erfuhr, wenn möglich, noch gewissermaßen eine Steigerung, als wir nach Kundgebung der verliehenen Vertrauensmänner-Mandate und der gleichzeitig gestellten Aufforderung zur Beitrittserklärung in den „Allgemeinen Cantoreubund" von bedeutsamer Seite, wie beispielsweise vom Herrn Collegen Jaco bsohn in Leipzig, Antworten erhielten, die uns gewissermaßen die Morgenröthe des freiheitsverkündeuden TageS für unsere cautorale Gemeinschaft erwarten ließen. Herr College Jacobsohn, Leipzig, schrieb uns am 6. November 1901 u. a.: ..Wie Ihnen bekannt, habe ich die Bildung ■ i li c r „C a n t o r e n - S e c t i o u" innerhalb des BerbandeS deS israel. Lehr er verein es i m D e u s ch e n Reiche angeregt. Ich habe nun das Referat für die Verbandssitzuug, zu welcher ich d eputirt bin, üb ernommen und werde so Gelegenheit h ab en, n a ch dieser H insich t b e st i m m t e V o r s ch l ä g e zu machen; dass ich dabei den Auschluss der deutschen Collegc.u andre Bestrebungen des „AllgemeinenCani o r e n - V e r b a n d e sempfehlen werde, brauche ich kaum zu erwähneu." Rach solchen, von Schaffensfreudigkeit für die gemeinsamcauroraten Interessen durchglühten Eröffnungen sahen wir dem Herannahen dieses Verbandstages jüdischer Lehrer im Deutschen Reiche mit großer Spannung entgegen. Soeben erhallen wir einen Sitzungsbericht der in Rede stehenden Lehrer- Lercuisversammluug und sind nicht wenig erstaunt, bei Punkt H „Bildung einer Cantorem Sektion im Rahmen des Verbandes, Rcstrenl Jacobsohn-Leipzig^ — nicht allein den Eintritt tu den Allgemeinen Cantoren-Verbaud mit keinem einzigen Worte angedemet zu sehen, ja sogar durch den Wortlaut des Hi.rru Referenten: „Zu befürchten sei auch die Hi trübe rziehungzu anderen jetzt a n ge st rebten Vereinigungen," gerade eine Verwarnung vor diesem vom Herrn Referenten uns in Aussicht gestellten Eintritt in den Allgemeinen Cantoren-Verband zu erblicken. — Wir stehen vor einem Räthsel und sind wirklich außer Stande, dieses Borgt hen logisch zu erfaffen. Die erprobte Ehrenhaftigkeit des uns seit Jahren rühmlich bekannten Collegen und Freundes Jacobsohn lässt uns mit Sicherheit aunehmen, dass dieser scheinbare Zwiespalt von Zusage und Ausführung offenbar ein feiner Schachzug zu Gunsten der fraglichen Angelegenheit fei, deffen baldige Lösung uns nur die Verwirklichung unserer gemeinsauien Bestrebungen bringen wird und muss. — Denn, was wir wollen, „Eine gemeinsame imposante Vereinigung jüdischer Cantoren zu Gunsten des jüdischen Cantorates," das dürfte wohl von keinem Collegen, so hoch oder tief er auch stünde, und ob er in Deutschland oder Oesterreich-Ungarn lebt, angesochten werden. Wir sehen mit Beruhigung der weiteren Entwicklung unserer für uns Cantoren heiligen Angelegenheit entgegen und sind entschlossen, falls, was wir allerdings nicht zu fassen im Stande sind, unsere den Interessen des Cantorates der ganzen Welt dienenden Bestrebungen in Deutschland nicht den gleichen Resonanzboden finden sollten, die begonnenen Arbeiten im Vereine mit unseren Collegen in Oesterreich-Ungarn fortzusetzen und mit Hilfe Gottes auch zu beenden. Bezüglich der von Herrn Jacobsohn weiters an gepriesenen Lehrer-Cantor-Bedeutung gedenken wir demnächst unsere Anschauung kund zu thun. Der Vorstand des „Oesterr.-ungar. Cantoren-Vereines.^ Für die nächste Zeit ist ein erfreulicher Forschritt in der Organisation durch den corporativen Anschluss der mährischen Cantoren zu erwarten. Der Vorstand des mährischen Cantoren-Vereines versendet folgendes Circular: Geehrter Herr College! Zu der am Sonntag, den 2. März l. I., 5 Uhr Nachmittags, im Sitzungssaale der israel. Cultusgemeinde (Basteigasse 1, 2. Stock) in Brünn stattsindenden Generalversammlung werden Sie hiemit höflichst eingeladeii. Tagesordnung: 1. Jahres- und Rechenschaftsbericht. 2. Antrag des Vereinsvorstandes behufs Anschlusses an den zu gründenden Oesterr.-ungar. Cantorenbund. 3. Beschlüsse laut § 9. 4. Freie Anträge. Ihre Anwesenheit ist dringend erwünscht, indem sehr wichtige Standessragen zur Besprechung gelangen werden. Brünn, am 16. Februar 1902. Der Schriftführer: Der Obmann: I. Steiner. I. Keller. Abend gesellige Zusammenkunft und Concert, Altbrün-- nergasse 20, Restaurant Donath, 1. Stock. * * * Aus Berlin wird uns mitgetheilt, dass auf der dorr jüngst ftattgehabteu Generalversammlung der „Hilfscasse der jüdischen Kultusbeamteu" die Gründung einer „Cantoren- Section^ innerhalb des Vereines beschlossen und Obercantor Friedmann-Berlin zum Obmann derselben gewählt wurde. Die Moral des Todes. Ein ernstes Wort zur rechten Zeit. Von Aacov Wachmann, Budapest. „Le roi est mort viye le roi!*‘ riefen die Franzosen in der monarchistischen Zeit aus, so oft ein König das Zeitliche segnete und ein anderer au seiner Stelle eingesetzt werden sollte. Dieser Ausruf charakterisirt die Gleichgiltigkeit, mit welcher die Söhne Frankreichs über das Ableben ihres Herrschers zur Tagesordnung übergingen. Die jüdischen Cantoren werden bei Lebzeiten wohl nicht fürstlich honorirt, aber nach ihrem Dahinscheideu wie die französische Könige behandelt, indem man ihrer recht bald vergisst. Allein dieses Bewusstsein würde keinem jüdischen Cantor Kummer bereiten und er würde sich auch hierüber kein graues Haar wachsen lassen, wenn er zumindest in Ruhe sein Dasein genießen könnte. Aber auch das ist nicht der Fall. S.lbst derjenige Cantor, der in.-emer großen Gemeinde angestellt ist^ hat nur so lange schl Auskommen, als es ihm möglich ist^

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