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Die Wahrheit · 1902-02-21 · Heft 8 (21.2.1902) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 8. Die Dakrkeil. Seite 9. seinen Beruf voll und ganz auszuühen. Ist er jedoch altersschwach geworden, so dass er seinen heiligen Dienst nicht mehr Derschen kann, so ist die Pension, die ihm geboten wird, so karg bemessen, dass er von derselben kaum zu leben vermag. Hat Einer jedoch das Malheur, der Vorbeter einer kleinen Gemeinde zu sein, so ist'er, so lange er noch rüstigist, seines Lebens nicht sicher. Das ihm vertragsmäßig garantirte Ein-- kommen steht in den seltensten Fällen im Verhältniße zu seinen Bedürfnißen. Und während die letzteren durch verschiedene Ereigniße, denen jede Familie ausgesetzt ist, sich fortwährend vermehren, bleibt sich elfteres fast immer gleich. Die Folge hievon ist, dass sich dieser Arme in Schulden stürzt, die er von seinem Gehalte niemals begleichen kann. Und der löbliche Vorstand, der für die standesgemäße Erhaltung seines Functionärs sorgen sollte, der schuld daran ist, dass der Vorbeter seiner Gemeinde seinen Verpflichtungen nicht Nachkommen kann, thut nichts, um ihn aus seiner Nothlage zu befreien. Und sind die Nöthen des Cantors am höchsten, so ist die Entlassung am nächsten. Als lebendiger Beweis für die Wahrheit dieser meiner Behauptung dient uns die plötzliche Entlastung unseres gottseligen Collegen Tiger, die ebenfalls aus diesem einzigen Grunde erfolgte. Dieser schreckliche Fall, über welchen in diesem Blatte wiederholt berichtet wurde, ist viel zu merkwürdig und beachtenswerth, als dass wir denselben mit Stillschweigen übergehen dürfen. Ein musikalisch gebildeter, ausgezeichneter Cantor wurde nach 16jähriger Thätigkeit von seiner Gemeinde plötzlich aus seinem Amte entlassen und mit seiner Familie brodlos gemacht. Der Mann starb aus Gram und Schmerz über das unverdiente Los, welches ihm zutheil wurde, und die zurückgebliebene Familie, bestehend aus einer Witwe mit vier unmündigen Kindern, ist nun, ihres Ernährers beraubt, der größten Noth und dem furchtbarsten Elend preisgegeben. Wenn ein solcher Fall bei der Karlsbader israelitischen Gultusgemeinde möglich war, wie ist es dann erst mit der Existenzsicherheit unserer Collegen in anderen kleineren Gemein- .den bestellt? Darum wäre es hoch an der Zeit, dass der Wunsch, welchen Herr Obercantor Singer am Grabe unseres armen Eollegen Tiger zum Ausdruck brachte, baldigst in Erfüllung ginge: dass nämlich alle Cantoren, ohne Ausnahme, sich un- I serem Bunde anschließen, damit wir mit vereinten Kräften! rin C a n t o r e n - H e i m gründen für brodlos gewordene! Entlegen, um ihnen die nöthige Hilfe angedeihen zu lassen; und ihnen insolange Wochengelder zu gewähren, bis es ihnen! gelungen ist, einen neuen Posten anzutreten. Eine derartige, - Liohlthätige Institution ist bei jeder Genossenschaft vorhanden, ich sehe daher nicht ein, warum gerade die nin den Launen der Cultusvorstände und des Schicksales überlassen sein sollen. Ich halte die talmudischen Grundsääe: ux s'rr dk L'nvrr msy csi?'*, 'v für unerschütterliche Wahrheiten, und deshalb war ich stets der Ansicht, dass die Cantoren zur Selbsthilfe greifen müssen, wenn sie die Zukunft der Gesammtheit sichern wollen. Der Cantorenbund möge ferner eine Pensionscasse in's 'Leben rufen, um aus derselben alle dienstesunfähig gewordenen Eantoren, die von ihrer Gemeinde entweder gar keine, oder nur eine geringe Pension beziehen, mit Monatsbeiträgen zu unterstützen. Endlich möge der Cantorenbund sowohl in Oesterreich als in Ungarn im Petitionswege um die Gleichberechtigung '-er Cantoren mit den jüdischen Seelsorgern jedes Landes Ansuchen. Es werden wohl Jahre vergehen, bis die Gesetzgebung in beiden Reichshälften unserer gerechten Forderung entsprechen wird, diese Voraussetzung darf uns jedoch nicht nbhalten, unsere Pflicht gegenüber unseren Berufsgenoffen zu erfüllen. Aisjim ölumenthal. Nisfim Blumenthal, der Nestor der russischen Cantoren, der in der Brodyer Gemeinde zu Odeffa durch 52 Jahre als vielgeseierter Obercantor und Reformator des jüdischen Gottesdienstes gewirkt hat, ist vorige Woche Donnerstag, den 13. d., nach mehrjährigem Siechthum im 95. Lebensjahre gestorben. Unter imposanter Theilnahme der jüdischen Bevölkerung wurde er Sonntag, den 16. d., wie ein Großer in Israel zu Grabe getragen. Man schätzte die begleitende Menge aus circa 50.000 Personen und Odeffa hat einen solchen Leichenzug schon lange nicht gesehen. Nähere Details folgen in nächster Nununer. Da» Kaddifchgebel. Von BeruharD Loewenttzal. (17. Fortsetzung.) Denn die Menschen sind ja so neugierig, sie begucken dann durch ihre Lorgnetten von allen Seiten unser zuckendes Herz, lächeln überlegen über das sich windende, krümmende Ding, das ihnen so neu erscheint, und das meistentheils ein Jeder einzeln in eben solcher Weise in seiner eigenen Brust trägt. Sie beschauen es, und wenn sie geschaut und genug belorgnettiert haben, dann betasten sie unser Herz, das wir so vertrauensseelig ihnen gezeigt haben und, entweder sie löten das schwer-kranke Wesen, oder sie machen es uns mindestens — schmutzig — unbrauchbar — um noch irgendwie zu fühlen.— zu empfinden — um noch — zu weinen". Die letzten Worte hatte Else nur stoßweise mit zitternder Stimme gesprochen, die feine Blasse ihres schönen Gesichtes erschien in der matten Beleuchtung des Gartens fast geisterhaft fahl. Sie blieb stehen und blickte ihn mit ängstlichfragenden Augen an. Sie schien in seiner Seele lesen zu wollen. In ihren stummen Blicken lagen deutlich die Worte: »Siehst Du, jetzt bin ich einmal aus mir selbst herausgegangen, jetzt habe ich Dir, wenn auch nur ein wenig, mein Her; gezeigt, und Du, wirst auch Du es nur neugierig begucken?" Leon schien zu ahnen, was in dieser großen Seele vorging. wortlos reichte er ihr die Hand. Es wurde ihm selbst so eigenartig ums Her; — er hatte das Gefühl des grenzloseften Mitleids, des Erbarmens für den Wehschrei dieses unverstandenen Herzens. Ihm war es, als müsste er sie sanft auf seine Brust drücken und feine Hände auf ihr Haupt legend, ihr ins Ohr raunen, leise, gan; leise nur: »Sie armes Ktnd, Sie großes armes Kind." — Er schwieg aber. Nach einer Weile erst, als die Empfindungen, welche die Worte der Sängerin in ihm hervorgerufen, sich einigermaßen gelegt hatten, sagte er, sich etivas vorbeugend, so dass er ihr deutlich in die Augen sehen konnte: „Ich möchte Ihr Freund sein, — glauben Sie mir!" Als ob ein Fata Morgan« vor ihr aufstiege, starrte die Sängerin ins Leere. — Ihr Blick war träumerisch in eine andere, weit entfernte Welt gerichtet. Im Saale hatte mau die Quadrille zu Ende getanzt, und um sich abzukühlen, eilte jetz Alles in den Garten. Bald war auch Else Munk wieder von einem größeren Kreis eleganter Lebemänner umringt, und der jugendliche Lieutenant v. Witzlingen meinte, seine dünne, näselnde Stimme fast bis zum Fistelton erhebend: „Entziehen sich vollständig unserer Gesellschaft, meine Gnädige, haben Quadrille auch nicht getanzt, collofsal vermisst worden — hätte gerne das Vergnügen gehabt, Sie zu führen — vergebens gesucht." „Sie haben noch den ganzen Abend, Herr Lieutenant v. Witzlingen, da schreiben Sie eine Einlage!" Sie reichte ihm die Tinizkarte, er kritzelte seine» Namen darauf. (FortsttzungKfclgt.)

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