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Die Wahrheit · 1902-02-21 · Heft 8 (21.2.1902) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 8. Die Wahrheit. für einr Zeit ausruhen, neue Kräfte sammeln, so wäre das schon ein großer Segen. Aber wo 'sollen die am ihre Arbeit Angewiesenen die nöthigen Mittel dazu hernehmen? Das Gehalt reicht ja eben nur aus, denAedürfnissen des Tages zu genügen. Es wird denn also gearbeitet, solange die Kräfte reichen, «der auch nicht reichen, und dabei sind die an Schulen -«ngestellten Lehrerinnen noch Königinnen unter den Bienen. Wie schlimm sind erst diejenigen Lehrerinnen dran, die von Drivatstunden leben müssen, von Haus zu Haus wandern, sich abhetzen, gegen geringes Entgelt schwachbegabten Kindern Helfen, die Schularbeiten nothdürftig zusammenzuschweißen. Erinnern wir nur an die große Mengeder Clavierlehrerinnen, Dias wird aus ihnen? Ich muß die Frage wiederholen, was wird aus ihnen? Bisher gab es nur wenig unversorgte <llte Mädchen in jüdischen Kreisen, aber sie werden in zehn, -in zwanzig Jahren in jeder Familie zu finden sein. Eiu großer humaner Zug geht durch unser Jahrhundert, Den wirtbschaftlich Schwachen soll geholfen werden. Es gibt ja Directe „Pensionäre" der Begüterten, die „sogenannten Schnorrer" die sich nichtsthuend auf die Hilfe ihrer Glaubensgenossen Derlaffen, und wie können die durch die Güte ihrer Brüder im Alter bequem leben! Jedoch, wo in ernster Arbeit alle Äräfte eingesetzt werden, um ja Niemand in der engern Familie Der Angehörigen und in der größeren der Glaubensgenossenschaft zur Last zu fallen, diese Kraftentfaltung auch ausreicht, solange eben die Kräfte ausreichen, da hat die Gesellschaft eine Aufgabe, die Pflicht, diesen edlen Helferinnen, den Lehrerinnen ihrer Kinder gegenüber ihre Humanität zu entfalten. Und zwar wird es diesmal Hauptaufgabe der Frauenvereine und Der Frauen sein, deren Herz erfüllt ist von Liebe zu ihren -arbeitenden, entbehrenden Mitschwestern, den Hebel ansetzen. Deutschland ist nach dieser R chtung bereits mit edlem Beispiele vorangegangen, und es wurden daselbst Lehrerinnenheime gegründet, von denen einige sogar die Toleranz üben, Lehrerinnen ahne Untersctied des religiösen Bekenntnißes freie Wohnung und in Krankheitsfällen ärztliche Behandlung zu gewähren. Auch in Oesterreich machen sich unter Mitwirkung der Lehrerinnen- Bereine ähnliche Bestrebungen geltend, die zum Theile schon Verwirklicht sind oder ihrer baldigen Verwirklichung entgegenfehen. Doch ebensowenig, wie in Deutschland, werden diese Anstalten in Oesterreich unseren jüdischen Lehrerinnen zu Gute kommen, und wenn sich ihnen auch die Pforten dieser allgegemeinen Lehrerinnen-Heime öffneten, den ersehnten Frieden und die erwünschte Ruhe fänden sie in denselben niemals, fchon darum nicht, weil sie sich nie als Jüdinnen fühlen Dürften. Darum ist es dringend geboten — und auch in Deutschland hat sich diese Notwendigkeit erwiesen — für jüdische Lehrerinnen und Erzieherrinnen, die in Bezug auf das Alter oder ftühzeitige Jnactivität, ebenso in Krankheit oder Aeconvalescenz gezwungen sind, eine Zuflucht zu suchen, ein jüdisches Heim zu errichten in schöner waldreicher Gegend, fern vom Getriebe der Großstadt, aber doch nicht losgelöst «on der Gemeinschaft, besonders nicht von der jüdischen Gemeinschaft. Wir wollen hiemit uur die publicistische Anregung gegeben Haben, Sache der jüdischen Frauenvereine ist es nun, zur Verwirklichung dieser Idee die Hände zu regen und eifernde Liebe zu entfalten für ihre im Dienste des Höchsten stehenden Schwestern, denen in einem solchen Heim wohlverdiente Rast gewährt werden soll. Zur goldeneu Hochzritsfeier des Erzherzog Rainer. Wenn irgend ein gemeinschaftlicher Gedanke sämmtliche Völker Oesterreichs vereint und verknüpft, so ist es die herzinnige Antheilnahme an den Geschicken ihres erhabenen, greisen ^Monarchen und höchstdessen Angehöriger, und wie sie in den drüben Tagen, da herbe Schicksalsschläge über das Haus Habs- Durg hereinbrachen, den bitteren Gram in seiner Gänze mitempfanden, so jubeln und frohlocken sie bewegten Herzens auf, wenn Freudentage den Anlass zu patriotischer Kundgebungen bieten. 7 Die am heutigen Tage stattfindende goldene Hochzeitsfeier des durchlauchtigsten Erzherzogs Rainer mit seiner erzherzoglichen Gemahlin hat nun der Bevölkerung der österreichischen Monarchie wieder reichlich Gelegenheit geboten, ihrer Treue, Liebe und Verehrung zum Throne und den ihm nahestehenden Persönlichkeiten würdigen Ausdruck zu verleihen. Schon seit Wochen wetteifern die Abordnungen zahlreicher Städte, Gemeinden und Vereine miteinander, dem hohen Jubelpaare aufrichtige Glückwünsche darzubringen, die den Herzen tausender guter Oesterreicher in rührender Innigkeit und Anhänglichkeit! entströmen, und wie immer bei derartigen Anlässen, wo es gilt, unverfälschte Loyalität für die Dynastie zu bekunden, haben auch zahlreiche jüdische Gemeinden und Körperschaften durch ihre Vertreter dem hohen Jubelpaare tiefempfundene Wünsche unterbreitet, die das erzherzogliche Paar in huldvoller Weise entgegen zu nehmen geruhte. Und wir Inden haben außerdem dem freisinnigen, edeldenkenden Erzherzog einen besonderen Dankeszoll abzustatteu für die unvergesslichen Worte, mit welchen er in einer feierlichen Sitzung der k. k. Akademie der Wissenschaften den Ansturm der Finsterlinge gegen Aufklärung und Fortschritt, gegen Wissenschaft und Humanität verurtheilte. Wie eine Erlösung klangen diese von so hoher Stelle ausgehenden Worte, und in dankbarer Erinnerung an dieselben blicken mit der Bevölkerung des gesammten Vaterlandes auch die Judeuschaft Wiens und alle jüdischen Bürger des Reiches voll Liebe und Verehrung zu dem gefeierten Jubelpaare auf, und wenn an dem dem Jubeltage folgenden Sabbathe in den Gottes¬ und Andachtshäuser der jüdischen Gemeinden das übliche Gebet für den allgeliebten, glorreichen Landesvater verrichtet wird, da werden die Andächtigen auch für das durchlauchtigste erzherzogliche Paar von dem Wunsche erfüllt sein: L2N8 ‘psv) P)D' 'N D. Skutetzky, Wien. * * * Donnerstag, den 12. Februar wurde vom Erzherzog eine Deputation des Tempel- und Synagogenbauvereines für den 4. und 5. Wiener Bezirk empfangen. Die Deputation, geführt vom Obmanne des Tempelvereines, Herrn Adolf Hoffmann, bestehend aus dem Vereinsrabbiner Dr. Reich, dem Obmanne des Synagogenbauvereines, Herrn Adolf Lichtblau, und den Schriftführern der beiden Vereine, Herrn Dr. Max Stransky und Herrn Franz Frankl, wurde um halb 12 Uhr vom Oberhofuieister Excellen; Grafen Rosenberg zu Sr. kais. Hoheit geleitet. Obmann Hoffmann überreichte die reich ausgestattete und künstlerisch ausgeführte Adresse mit der Bitte: Sr. kaiserl. und königl. Hoheit wolle diese huldvoll entgegennehmen. Hierauf hielt Rabbiner Dr. Reich eine kurze, inhaltsreiche Ansprache, in welcher er betonte, dass die Adresse auch in der heiligen Ursprache unseres Volkes geschrieben sei, welche aus tiefstem Herzensquell komme und zu den Herzen der kaiserl. und königl. Hoheit sprechen möge. Mit Herzenswünschen für das fernere Wohlergehen des fürstlichen Paares schloss die Rede, welche auf Se. kaiserl. und königl. Hoheit sichtbar tiefen Eindruck machte. Hierauf richtete Sr. kaiserl. und königl. Hoheit n jedes einzelne der vorgestellten Mitglieder der Deputation hulavolle Fragen. Obmann Lichtblau betonte, dass in den beiddn Bezirken sehr viele Glaubensgenossen als Industrielle und Hanedwerker thätig sind. Dr. Stransky, welcher die Militär-Jubiläumsmedaille trug, antwortete auf Befragen, dass er als k. k. Reservearzt der Armee angehöre, Herr Frankl, dass er als Industrieller und Exporteur im Bezirke ansässig sei. Die Deputation wurde dann von Sr. kaiserl. und königl. Hoheit mit den huldvollen Worten entlassen: „Ich danke Ihnen sehr, ich habe mich sehr gefreut, die Herren empfangen zu können, und werde die schöne Adresse als werthvolle Erinnerung betrachten." Die Adresse selbst besteht aus einem reich ornamentirten Titel-

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