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Die Wahrheit · 1902-02-21 · Heft 8 (21.2.1902) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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\ Redaction «nd Administration: Wien, II/,. Novaragasse 27. K. k. Ssterr. Postsparcassa Lheck^Loitto Nr. 84(i.2öl. Inserate 20 Heller.per Noiipereillle-Zeile. Abonnements- und InserationSbeträg« sind in Wien zahlbar. ahryeit Seiischrist für jüöische Interessen. Erscheint jeden Freitag. Motlo : .,Das Siegel Gottes ist "Wahrheit!“ ' Bezugspreis: j Ganzjährig.... m. 12.— , Halbjährig .... K. fl.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... >k. 10.— Für Ausland: Ganzjährig .... 8 Mark, fl Rubel oder lfl Fes. jllr. -8. Wien, 21. Februar 1902. Anhalt r Heim für jüdische Lehrerinnen und Erzieherinnen. — Zur goldenen Hochzeitsfeier des Erzherzog Rainer. — lieber den hebräischen Unterricht au den Oberclassen der Gymnasien und Realschulen. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Verschiedene Nachrichten. — Zur Organisation der jüdischen Cantoren. — Die Moral des Todes. — Nissim Blumenthal. — Das Kaddischgebet. Heim stir jüdische Lrhrvvmnen und Erzieherinnen, i (Gin Appell au di>e jüdäschen F ra uen v er ein e.) i Zn der letzten Nummer der „Wahrheit" yat ein aufrichtiger Menschenfreund die Aufmerksamkeit der jüdischen < Frauenvereine Wiens auf die trostlose Lage der jüdischen Lehrmädchen gelenkt, die naniMtlich in der Großstadt einen Körper -und Geist gleich gefährdenden Kamps ums Dasein! führen, und heute sei es mir gestattet, als Seitenftück hiezu j ein offenes Wort im Interesse der jüdischen Lehrerinnen zu j sprechen. Zedoch.nicht, um in der Parteien Hader ein tönendes! Wort zu werfen, nicht mn mit einzustimmen in die Klagen; Äber Ungerechtigkeiten und Zurücksetzungen der jüdischen Lehrerin-! neu, sondern um aufzurütteln aus dein „laisser aller“ und dem! ■dolce far soiente, dem so viele jüdische Eltern sich hingeben,! denen früher der Gedanke an ihre unversorgten Töchter den! Schlaf der Nächte geraubt hätte. , Während die übrige Welt im grauen Alterthume noch - in tiefer Barbarei versunken war und in den Frauen nur! niedrige Gefäße der Fortpflanzung sah, wurde die Frau bei i den Juden hochgehalten und gewürdigt, mitzuarbeiten an der i hohen Aufgabe, d^ Israel geworden, die reine Goitesideej durch fein Sein zu verbreiten. Und wenn Israel aus den! verzehrenden Flammen des Glaubenshasses und aus den! Stürmen des Fanatismus immer nur gefestigter hervorging j und heute noch ist, während die anderen Eulturvölker des Alterthums nur der Sage angehören, so hat das jüdische Weib, das treu- und klugwaltende, das den Kindern den Gottesglauben ins Herz pflanzte, nicht wenig zu dieser Erhaltung beigetragen. Unsere jüdischen Frauen waren Gefährtinnen den Männern, Mütter den Kindern, Lehrerinnen dem Volke sie waren Richterinnen, Königinnen, Märtyrerinnen des heiligen Glaubens, Kämpferinnen der Freiheit und immer Trägerinnen, : der Sitte. Und wie ist es heute? Gewiss sind sie die Trägerinnen der Sitte geblieben: abch schwerer wird es ihnen, ihren ureigensten Beruf — im Hause zu wirken — zu erfüllen. Die Ansprüche, die das Lebeik stellt, sind größer, die Ernährung ist schwerer geworden, es ist wohl auch im Entwicklungsgang der jüdischen Frau eine Veränderung eingetreten, die Ghettis sind gefallen, und auch sie will nicht zuryckstehen, und auch sie nimmt muthig den Kampf mit dem Leben auf. Es gibt heute ein ganzes großes Heer von jüdischen Arbeiterinnen. Die meisten davon sicherlich: „Der Noth geborcheud, nicht dem eigenen Triebe". Wenn auch bei den Jaden viel mehr Ehen geschloffen werden, als bei den Christen, und dadurch ein größerer Proceutsatz jüdischer Mädchen zu seiner natürlichen B.stimmuug gelangt, so werden doch trotzdem weniger Ehen unter den Juden geschloffen wie früher. Sehen wir uns doch um in den jüdischen Familien, kannte man da früher ein „spätes Mädchen'?" Treu haben unsere Voreltern an dem Wort sestgehalten: „Du sollst Deinen Sclaven frei machen undihn Deiner Tochter zum Manne geben." Aber unsere Eltern sind „moderner" geworden, sie lassen ihre Töchter ans alle Fälle einen Berus ergreifen, „heiraten kann sie auch dann noch immer". Ja, aber diese Mädchen, die dann gewöhnlich auch heiraten, obzwar sie schon für die Führung des Haushaltes mangelhaft vorbereitet sind, schädigen auch noch die wirklich zur Arbeit Gezwungenen, indem sie das Angebot vermehren, die Preise herabsetzen. Und was wird aus ihnen, aus denen, die zur Arbeit gezwungen sind, wenn sie ihre Jugend, ihre besten Kräfte im Frohn für des Lebens nöthigste^ Bedürslüße nur zu früh ausgezehrt haben i Wo werden sie bleiben, die jüdischen unversorgten Töchter? Ich will mich heule nur mit der vornehmeren Arbeiterin, mit der Lehrerin, beschäftigen. „Unterrichten, nein, das soll meine Tochter nicht, das macht ja frühzeitig alt und häßlich" sagte neulich eine sehiT kluge Mutter zu mir, und ich musste ihr zustimmen, wenn ich an die vielen Lehrerinnen und Erzieherinnen dachte mit, den welken, müden Gesichtern. Die lange Vorbereitung,,, oft unter Entbehrungen nur möglich gemacht, streift schon den Blüthenstaub der Jugend zum größten Theil ab, nimmt ihnen zum Theil die Genussfähigkeit, die fi'ir Andere noch lange eine Vergnügungsquelle ist. Die Claffenlust, der Stand bleichen sehr bald den Rest der Röche auf ihren Wangen, die stets gleiche, aufreibende, mürbemachende Arbeit nimmt dm Augen den Glanz, der Haltung die Strammheit, dem Gang die Elasticität. Den von wirklicher Liebe zu ihrem Beruf Erfüllten geht es darin ebenso, wie den mechanisch Arbeitenden, auch sie werden müde, — o, so müde. Die von Ratuo Kräftigen, langsamer — aber müde werden auch sie. Könnten sie in dieser Zeit der geistigen und körperlichen Erschlaffung.

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