Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 7 ^verkannt worden. D Gliche Situation der Prophetie ist «hne weiteres aus de., ^iden Prädikaten „hoch und erhaben" zu erschließen. Nach dc'u gedachten Auslegungen stehen dieselben ziemlich müßig da. Wir werden wohl nicht fehl gehen, wenn "wir aänehmen, dass der Prophet die göttliche Erscheinung innerhalb eines räumlichen Rahmens schaute, wie ihn der jerusa- ^emitische Tempel seinem Auge darbot; — allein das Ganze 'Ovar „hoch und erhaben," das will sagen: das bekannte irdische Eild zeigte sich ihm in hehrer Verklärung. Es nahm vor seinem -begnadeten Auge himmlische Dimensionen und erhabene Formen -an, wie sie sonst aus Erden nirgends gesehen werden. So war '4>er Einblick in eine höhere Welt beschaffen, der dem Propheten 'En dem entscheidendsten Augenblicke seines Lebens eröffnet wurde. -Das hier gewonnene richtige Verständnis, das sei beiläufig ^gesagt, erschließt gleichzeitig den wahren Sinn zahlreicher ähnlicher Schilderungen bei unseren Propheten. Die himmlischen Wesen, die ihm erschienen, waren mit je Hechs Flügeln versehen. Nach der entworfenen Schilderung Bedeckten sie mit zweien ihr Antlitz. Es will das jedenfalls Bekunden, dass auch sie, obwohl einem höheren Bereiche als wir 'Menschen augehörend, voller Scheu vorj der Hoheit Gottes zurückbeben. Nicht so ohne weiteres ist es klar, warum der Hrophet sie mit zweien die Füße verhüllen lässt. — Die Füß; Bilden das Organ, welches uns mit der Erde verbindet. Die Dhiere, welche ihr ganz angehören, haben deren vier oder mehrere. Der Mensch nur zwei, denn mit seinem aufrechten Wüchse ragt <ec zu einer höheren Welt empor. Jene geistigen Wesen fühlen 4m Angesichte des heiligen Gottes das Organ, das sie in eine «Ledere Welt herabzieht, als eine tiefe Beeinträchtigung, eine Art Scham — daher kommt es, dass sie es fast unwillkürlich Dem Auge verhüllen. (Fortsetzung folgt.) Der Jahrmarkt im Goüeshaase. Schreiber dieses ist weit davon entfernt, Vorurtheile irgend Melcher Art gegen die galizischen Glaubensgenossen zn hegen, gleichwohl kquu er nicht umhin, und zwar gerade deshalb, weil <r, wie so viele deutsche Juden mit Vorliebe die Synagoge in 4er Leopoldsgasse mit dem relativ geregelten Cultus besucht, -einen schreienden Uebelstand zu kritistren, der besonders grell am -vorigen Sabbath gelegentlich der Bar-Mizwa-Feier des Sohnes ves Confectionärs Herrn Adolf Weiler zu Tage trat. Als ob 4ie Nähe des Karmelitermarktes sich fühlbar machen würde, «erstieg mau sich dieses Mal zur wohlberechneten Con- <ejsion, sage 16 mbp zu vergeben. Also das Doppelte der obligaten Zahl wurde erreicht, jedoch durchaus nicht ad majorem Dei gloriam, vielmehr mussten die Eethaus-Besucher diese seltene Bescheerung in frommer Ergebung Mit in den Kauf nehmen, wenn sie die Function des beliebten -ZObercantors Schot r anhörcn wollten. Ob diese man rrniü zur ^Erhöhung der Weihe ebenso beizutragen geeignet ist, wie zur -Steigerung der Revenuen, ist eine offene Frage. Immerhin wäre «s vom demokratischen Standpunkte des Jnaeuthums zn empfehlen, 4n alphabetischer Reihenfolge die Mitglieder und Gäste zur Thora Hu rufen und der Wohlthätigkeit in einem zu diesem Behufe ^circulir enden' Snbscriplionsbogen keine Schranken zu setzen, wie «s in München und anderen deutschen Städten zur Ehre des jüdischen Namens schon seit Jahren geschieht. E i n gutgemeinter ■pl? na genügt wohl. Gemeinde- und Vereinsbote. Me«. (Zur goldenen Hochzeit des Erzherzog Rainer.) rVom der Ueberzeugung durchdrungen, dass es auch Ehrenpflicht der jüdischen Bürger Wiens sei, dem hochsinniges und überaus liberal denkenden erzherzoglichen Paare anlässlich dessen goldener Hochzeit ehrfurchtsvolle Huldigung zu erweisen und dass die Darbringung dieser Huldigung in erster Linie den Vertretern der Mischen Vereine im Bezirke -Les erzherzoglichen Wohnsitzes zukomme, hat der Vorstand des Tempel- «»eveines sür den IV. und V. Bezirk Wiens beschloffen, sich gemeinschaftlich mit dem Synagogenbau-Vereine dieser beiden Bezirke an der Feier anlässlich der goldenen Hochzeit des Herrn Erzherzogs Rainer in folgender Weise zu betheiligen: 1. durch Ueberreichung eineraus dem Atelier Buchwald stammenden, künstlerisch ausgestatteten Adreffe, deren deutschem Texte auch ein vom Vereins-Rabbiner, Herrn Dr. Heinrich Reich, verfasstes hebräisches Huldigungsgedicht mit deutscher Uebersetzung in schwungvollen Versen beigelegt wird. Diese Adreffe wird dem erzherzoglichen Paare am 13. Februar in Audienz überreicht, welche dem Vorstande in zuvor' kommender Weise trotz später Anmeldung bewilligt wurde. 2. Durch Ab' Haltung eines Festgottesdienstes am Vorabende des eigentlichen Festtages" welcher am 20. d. 1/26 Uhr Abends in dem vom Bereinsmitgliede, Herrn k. u. k. Hoftapezierer Carl Bamberger, in uneigennütziger Weise reich decorirten Vereinstempel, IV., Margarethenstraße 73, stattfinden wird. Die Festgesänge werden durch einen verstärkten Chor unter Orgelbegleitung zur Aufführung gelangen und die Festrede wird Rabbiner Dr. Reich halten. Sowohl die staatlichen als auch die communalen Behörden werden zu dieser Feier geladen, und es wird auch ein Vertreter des erzherzogliches Paares erwartet. Wien. Die constituirende Versammlung zur Gründung der Ortsgruppe des galizischen Hilfs- Vereines im II. undXX. Bezirk fand am 9. d. in den Räume»» des »Jüdischen Volksvereines" bei »näßiger Belheiligung der Jnterefsenten statt. Dr. Willi Knöpfmacher begrüßte die Erschienenen und hob die wesentlichen Momente hervor, die zur Gründung des Vereines geführt haben. Die Verschlechterung der ökonomischen Verhältniße nach jeder Richtung und das geschäftliche Elend in Galizien, dein besonders unsere Glaubens- und Stammesgenoffeu daselbst ausgesetzt seien, involvieren eine moralische und materielle Bedrohung der westländische» Judenheit. Die systematische Verdrängung bezw. ' Zurückdrängung jüdischer Elemente seitens der einflussreichen galizischen Factoren haben eine Roth gezeugt, die en detail zu schildern kaum »nöglich, und die traurige Lage des dortigen jüdischen Proletariates übersteige noch die der schlesischen Gebirgsweber an Schrecklichkeit. Dieser triste Z»»stand permanenter Hungersnoth erzeuge einen Sumpf schädlicher Miasinen für die üirigerr Juden Oesterreichs, so dass diese galizische Judenfrage, wie seinerzeit der Präsident des Hilfsvereines, Herr Maximilian Paul Schiff, mit Recht betonte, nahezu zur brennendsten Frage für uns sich gestaltet. — ' Die Hilfsaktion müsste auf breitester Basis in Angriff genoin nrn werden, sa sogar auf die Hilfe der Frauen könne »nan nicht verzichten, und zwar müsste von denselben eine derart energische Agitation entfaltet werden, dass jeder österr. Jude diesem Vereine »nit der Zeit beitrete. Äei der »rach dieser beifälligst aufgeno»n»»renen Ansprache vorgenommenen Wahl wurden ins Comit« einstimmig berufen: Die Herren Dr. Willy Knöpfinacher, Dr. Arnold Ascher, Hermann Schreiber, Sigm»md Chitz, Rudolf Klaus, Josef Koivauz un) Sigmund Kris. — Die Constituirung erfolgt deinnächst. — Dr. Ascher erklärt sich bereit, sich mit allen Kräften in den Dienst der guten Sache zu stellen und schildert die analogen Verhältniße in England und Frankreich infolge der massenhaften E.nigration aus Rassland und R »mänien. Prediger Grün knüpft an die Zeit der Ausweisung ruffischer Juden an uird propazirt die Idee, einzelne jüdische Handwerker aus Galizien in solh:a w:stlich-:»r Gemeinden zu placiren, welche durch die Freizügigkeit an Mitgliederschaft abgenoimnen haben. Diesfalls wäre die Intervention des Gemeiuoebundes oder directer Verkehr »nit den Cultusgem einden am Platze. - Men- (Lese- und Redehalle jüdischer Studenten.) I» einein Saale der Universität hielt der Schrifksteller Dr. Mathias Ascher (Nathan Birnbaum) vor einein fast vorwiegend aus Damen und Studirenden bestehenden Auditorium einen hochinteressanten culturhistorischen Vortrag über „Entwicklungs- und Fortschrittsformen der Menschheit." Der philosophisch geschulte Redner verb rettete sich über die Racenfrage und gelangte zu Resultaten, die denen des Engländers Cha.nberlain nahezu diametral entgegengesetzt sind. Bodenbeschaffenheit, Klima, Nahrung und eigenartiges Milieu bilden bei einem Stamme gewisse Merkmale aus, die durch Vererbung und günstige Verhältniße voteuzirt werden und nicht so leicht abzuschleifen sind. Der Unterschied zwischen Nation und Staat, zwischen Cultur und Civilisation wurde begrifflich präcisirt, und die aus-das jüdische Volk bezüglichen .Momente wurden ins rechte Licht gestellt. Die geistige Entwicklung beruht nach Ansicht des Vortragenden auf ähulichen inneren Gesetzen der Natur, wie die physische. Aeußerlich