Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Vre Wahrheit. Nr. 7 Jugend. Der heiligeuBücher, MÄ wie auch — mit dftn Mischen Kalender. M wird den jungen Leuten Gelegenheit ge-oteG oft zur Thorah gerufen zu werden. Sehen die Kinder im >Hause auch kein religiöses Leben vor sich, möge» dies die Eltern mit ihrem Gewissen ausmachen; wir Lehrer aber 'Dürfen deshalb doch nicht die Flinte ins Korn werfen und uns damit begnügen, wenn Septimanern oder Octavanern mit Lheißem Bemühen einige Capitel aus den Psalmen oder Propheten „eingepaukt" wurden. Immer, und immer wieder sei unser Streben darauf gerichtet, ihnen zu zeigen, wie un- ' lere Religion stete Verbindung mit dem Leben verlangt, wie dieses selbst mit ihrem ewig jungen, grünen Kranze schmückt. Nur nicht viel Abstractes lehren, sondern stets auf Das Concrcle Hinweisen, das sei unsere Aufgabe. Und ein 'Mittel dazu bietet der Gottesdienst. Es kommt ein Fest. -Schon einige Wochen vorher müssen wir davon sprechen, und Dazu bietet uns wieder der Gottesdienst die Handhabe. Wir erklären in der Exhorte die Bedeutung der vier ausgezeichneten Sabbathe, die dem Pessachfeste vorangehen. Welche Fülle der ^Anregung! Welch' reicher Schatz sittlicher und religiöser Belehrung! Wie lauscht da die Jugend auf all' das Neue, das ihr hier von neuem gleichsam wieder geoffenbart wird! Ge-. Lchieht dies alles in gewählter Form, mit begeistertem und begeisterndem Worte, dann können die wohlthätigeu Früchte rvol nicht ausbleiben. Und noch etwas anderes kommt dazu. Wir können in Der Exhorte die Jugend auch mit dem reichen Schatze unserer Legenden, mit unserem Midrasch, bekannt machen. Da wird -sie vernehmen, wie das, was die Denker jetzt beschäftigt, schon -Gegenstand des Denkens vor Jahrtausenden gewesen, sie wird Die ganze Fülle von Poesie und Schönheit, von Gedankentiefe und Welsheft kennen lernen, die in unserer herrlichen Midraschlitteratur ruht. Wir können es wieder aus unserer reichen Erfahrung bestätigen, wie die Jugend den geistvollen Wibelcrklärungcu lauscht, welche Talmud und Midrasch, wie .-ein unerschöpflicher Born, darbieteu. Darum halten wir die Einrichtung des Jngendgottes- Dienftes für eine segensvolle. Man blicke nicht naserümpfeud -auf diese herab. Man mache sie vielmehr zu einer für alle Schüler obligatorischen. Sind an einer Anstalt jüdische Mittel- Ichullchrer, verhalte man diese dazu, die Jugend zu beauf- Llchtigen, wie es ja auch die Lehrer anderer Bekenntuiße rhuu. Kurz, mann stelle in Bezug auf Gottesdienst Inden rrnd Christen gleich. Ich denke, das ist kein unbilliges und schwer zu erfüllendes Verlangen. Wohl weiß ich, es werden Leute an den Lehrer große Anforderungen gestellt, aber im Interesse der guten Sache werden sich die betreffenden Persönlichkeiten gerne in ihren Dienst begeben. Erziehen wir also die Jugend zur Religion und zur Erfüllung der Verpflichtungen, die sie ihr auferlegt, so erleichtern wir das Erziehungswerk überhaupt, und auch die Etern, die oft allem Religiösen kalt und gleichgiltig gegen- Lberstehkn, werden uns Dank wissen. Nur vor Einem hüte miau sich: deu Gottesdienst zur leeren Form herabsinken zu Lassen. Erkenntnis und Verständnis für die heilige Handlung »zu erwecken, sei unser erstes Bestreben, sei unsere wichtigste ^Aufgabe, und wir müssten am Judeuthum verzweifeln, wenn ffich nicht auch liebevoller Eifer dazu gesellte Darum grüßen Lrir nochmals die ehrwürdige Gestalt des Mannes, der zuerst diese Einrichtung des Jugendgottesdienstes traf, mit beiu aufrichtigen Wunsch», es möge ihm gegönnt sein, das kräftige ^Lmporblühen religiösen Bewusstseins im Herzen unserer Jugend Zu schauen. „Lehre und Gottesdienst", zwei Grundsäulen des Hudenchums, mögen sie es bleiben, wie sie tu alten Zeiten ss Mweseu, jetzt und in aller Zukunft. Dr. Max Grün seid. . Wenn die Grobstadt und besonders das von der reactionären Strömung hart in Mitleidenschaft gezogene Wien für die der Schule entwachsene Jugend vielfache Gefahren birgt, so gilt dies doppelt von der weiblichen Jugend. Nur einem kleinen Theile derselben ist es vergönnt, berufs- und erwerblos und unberührt von der Sorge der Ex»stenzbeschaffung in den Tag hinein zu leben und bis zur Gründung eines eigenen Heims sich im Schutze des Elternhauses zu bergen. Der weitaus größere Theil ist gezwungen, frühzeitig irgend einen Erwerb zu wählen, in das Getriebe der Welt hinaus zu treten und tagsüber fern von deu Angehörigen bei Dienst- und Lchrherren zu weilen. Und wie viele von diesen sind noch dazu so unglücklich, verwaist und verlassen dazustehen, bei ihrer Heimkunft die Mutter, die treue Beratherm und Helferin, entbehren zu müssen und kein anhängliches Wesen um sich zu haben, das ihnen zu Zeiten eine moralische Stütze bieten würde! Da haben es die Mädchen der dienenden Classe, die sogenannten dienstbaren Geister, doch einigermaßen besser, weil ihnen das Familienheim ihrer Dienstgeber mehr oder minder das Elternhaus ersetzt Weit schlimmer aber sind jene Mädchen daran, die in einem Geschäfte oder iu einer Fabrik tagsüber ihren Erwerb suchen und nach Ablauf ihrer täglichen Pflichtstuuden und besonders an freien Tagen ganz sich selbst überlassen bleiben. Wir haben dabei besonders die sogenannten Lehrmädchen im Auge, die, noch halbe Kinder und ganz unscbstständig, von der rauhen Wirklichkeit erfasst, einen Beruf gewählt und für all die täglichen Erforderurße des Lebens zu sorgen haben und dabei Niemanden besitzen, der ihnen ratheud zur Seite stünde. Für unsere männliche, der Schule entwachsene und einen Erwerb nachgehende Jugend ist iu dieser Hinsicht theilweise gesorgt, indem seitens der Cultusgemeinde schon seit Deceuuien die gewiss sehr löbliche Verfügung getroffen ist, den Mischen Handwerkszöglingen allwöchentlich den geeigneten Religionsunterricht ertheilen zu lassen, und außerdem existirt hier in Wien auch ein überaus segensreich wirkender Verein, der auch für die materielle Förderung der Handwerkslehrlinge Sorge trägt. Anders steht es um die weibliche dem Gewerbestande sich widmende Jugend, tür deren religiös-geistige Hebung bis nun so viel wie nichts geschehen ist. Und doch sind unsere Töchter, als die zukünftigen Vertreterinnen des Judenthums, als die dereinstigen Gattinnen, Mütter und Erzieherinnen der Jugend, diejenigen, die nicht in letzter Reihe in die Religion, den Gottesdienst und ins praktische jüdische Leben eingeführt werden sollten. Soll die jüdische Frau die Stelle, die sie in ihrer Familie und Häuslichkeit einzunehmen berufen ist, wirklich ausfüllen, dann muss in ihr schon frühzeitig das ethische Gesühl für Religion und den Glauben wachgerufen und rege erhalten werden; soll sie uuter den mannigfachen ihr zugewiejenen Pflichten und Aufgaben auch der hehren Pflicht der religiösen Erziehung ihrer Kinder vollauf gerecht werden, daun muss sie selbst religiös erzogen, rechtzeitig mit dem Wesen der Religion vertraut gemacht und in das jüdische Leben eingeführt worden sein. Dass die religiöse Erziehung der Jugend nur dann gedeihliche Resultate aufweist, wenn sie in den Händen der Mutter, der in erster Reihe dazu berufenen Person ruht, braucht nicht erst beleuchtet und hervorgehoben zu werden. Lehrt doch die Erfahrung, dass die Gattin an der Erziehung der Familiensprößlinge, obgleich die Pflicht nicht minder auch dem Gatten obliegt, in der Regel den Hauptantheil uimutt, und dass eine solche Erziehung, well sie eben von der Mutter geleitet wird, die ersprießlichsten Erfolge erzielt. „T'nu 1» mipri jodeho wijekallelu baschorim maaseho“ ruft Salomo, | der weise König, voll Begeistern lg von der biederen Gattin und Mutter aus: „Gewähret ihr die Frucht ihres Handwerkes I und belobet in den Thoren ihre Handlungsweise!"