Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Ltsterr.-ungar. Cantoren-Zeitnng. Nr. 6. Aeilaqe zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Die geehrten Kerren ßossegen werden ersucht, uns die Namen und Adressen von Kantoren in den Machvargemeinden bekannt geben zu wollen. Zur Organisation. Zu der Dienstag, den 4. d.'irn „Oesterr.-ungar. Cautoreu- Vereine" unter dem Vorsitze des Präsidenten Obercantor Singer slattgehabtcn Sitzung, an welcher die College« Löwit, Schorr, A. Rotier, Baßl, Zellnik und Gntunann theilnahmen, wurde zunächst die Berathung der Statutenänderung sortgesetzt. Nach Erledigung der Tagesordnung berichrete Obercantor Guttmanu über einen jüngst in einem ungarische,! Blatte veröffentlichten Artikel eines ungarischen Aantors, in welchem letzterer unter Hinweis auf die Erfolglosigkeit der bisherigen Bereinsgründungeu in Ungarn in warmen Worten für den Beitritt zum österr.- ungar. Cautoren-Verein plaidirte und die ungarischen College« aufforderte, dem diesbezüglichen Aufrufe des Obercantor Lazarus in Budapest in ihrem eigenen Interesse Folge zu leisten. Diese Mittheilung wurde mit besonderer Befriedigung zur Kenntnis genommen und hierauf Obercantor Gutnuauu ermächtigt, namens des Vereinsvorstandes in dem betreffenden Blatte auf die Aussührungen des ungarischen Collegen zu reagiren. Aus Berlin wird uns mitgelheitt, dass dortselbst am 17. d. die Generalversammlung der „Hilsscasse für israel. Cnltusbeamte in Deutschland" im Gemeindehause Oranienburgerstraße 29, stattfinden wird. Das Bestreben einer großen Anzahl von Mitgliedern ist dabin gerichtet, den Cautoren einen größeren Ciustuss auf die Vereinsleitung zu verschaffen und den Verein zu einem „Cantoren-Vereiu in Deutschland" zu erweitern. Ein solcher Verein würde auch voraussichtlich ein Zusammengehen mit der Organisation in Oester reiche Ungarn anstreb «n. Aeber die Entwicklung des Synagogengesanges. III. Serie — Nr. 17. Von Obercantor J. Singer-Wien (Fortsetzung.) Im Jahre 1879 trat F. in Las unter Leitung des Rectors Aron Horwitz stehende Berliner Lehrerseminar und wurde, trotz mancher Anfechtung, lediglich auf eindringliche Empfehlung seitens des DirectorHorwitz noch als Seminarist für den durch die Berufung des Obercantor Kirschner nach München au der Berliner Synagoge vacant gewordenen Posten erwählt, um schon im Jahre 1884, den andern amtirenden Haupicantoren gleichgestellt, die gleiche Amtswirksamkeit zu übernehmen. Allem auch diese, nach rastloser Thätigkeit erklornmene Stufenleiter galt dem stets ungestillten Wissensdrange F's. nur als Vorstufe für weitere Arbeiten. Trotz lur pünktlichsten Ausübung feiner amtlichen Obliegenheiten fand F. doch noch Muße, im Stern'schen Couservatorium unter Bußler und William Wolf Musiktheorie, bei Kammersänger Nothmühl und später bei Lieben und Geyer tüchtige Gefangstudien zu betreiben. Im Jahre 1895, also schon als gereifter Mann, trat F. in die Meisterschule der königlichen Akademie der Künste für Musikcomposition, woselbst er durch volle drei Jahre Contrapunkt und Vocalcomposition ftndirlc, und erhielt im Jahre 1898 vom Senate sein Abgangszeugnis. Während seiner Studienzeit schrieb F. viele Lieder, Balladen, Mannerchöre, Orgelcompositionen und sogar Streichquartette, welche Arbeiten allciammt der Veröffentlichung harren. Erwähnen wir uur noch, dass F. sein un Elternhause erlerntes bedeutsames heb'äisches Wissen nach fortschrittlichen Principien auszugestalteu suchte, so erblicken wir in dem. wenn auch nur in gedrängter Kürze gef ilderten Werdegang F's. eine Summe musiktheoretischer, gesangs- und kunsttechnischer Bestrebungen, die uns den vollgiltigeu Beweis erbringen, wie wissenschaftlich ernst dem jungen Cantoratseleven der zu erwählende Cantorberuf dünkte und welch' anerkennenswerthe Begeisterung noch heute den bereits herangereiften Mann bei all seinen Obliegenheiten erfüllt — Dieser Summe von selten vereinigten Fähigkeiten entstammt das vorliegende Werk Friedmanns, und wir nehmen gerne Veranlassung, uns mit dem Inhalte des-- selben etwas eingehender zu beschäftigen. Er berührt überaus angenehm, das vorliegende Werk^ nicht nach der Gepflogenheit berühmter Meister, mit dem sabbatlichen L’cho dodi, sondern mit dem wochentäglichen Jigdal beginnen zu sehen; diese scheinbar geringfügige, in Wirklichkeit jedoch bedeutungsvolle Thatsache verräth uns schon am Beginne den richtigen Blick des Pädagogen, der in seinem Lehrplane keine Lücke duldet, vielmehr möglichst Vollkommenes zu bieten bestrebt ist. — Wo anders soll der Cantoratsrleve die Cantilation für Jigdal, Adaun aulom, Broches 2c. erlernen, wenn nicht hier aus einem Werke, welches lediglich für Lernende bestimmt ist? Verweilen wir einen Moment bei der Bezeichnung „für Lernende," so drängt sich uns die bedeutungsvolle Frage aus: Wie soll der Eleve aus dem vorliegenden Feiedmann'schen Buche lernen? Soll er etwa gezwungen sein, diese correcten Ausschreibungen einfach zu memoriren, oder bieten dieselben. vielmehr Muuer-Vorlegeblätter, nach denen der Lernende zu arbeiten, um die eigene Phantasie zu befruchten, beziehungsweise seine Arbeitskraft für Selbstschöpfungen vorznbereiten habe? Nun, nach der Bedeutung des Herausgebers vorliegenden Werkes als hervorragender und vielerfahrener Pädagoge, dürfen wir mit Beruhigung annehm-n, dass es seine Absicht nicht sein kann, die Lernenden zu Sctaven seiner Ausschreibungen zu machen; denn der verehrte Herausgeber, der, wie der Schreiber dieses Aussatzes, unter bedeutenden Chasanim als Mefchorer wirkte, weiß es ja aus eigener Erfahrung, dass die hohe Bedeutung der berühmten Chasanim nicht im concertanteu Vortrage eines einstudirten Jehi rozaun oder Hasclikiwenu 2C., sondern vielmehr in der aus der eigenen, gereiften Phantasie staiunienden, momentanen Schöpfung wurzelte; nicht das „Nachsingen", sondern das „Selbstsingen",, d. h. das momentane Selbstschaffen drückt dem Cantor das Gepräge der Bedeutung auf. Und dass der Herausgeber auch von diesem Gesichtspunkte geleitet ist, beweist uns die Voraustellang der betreffenden Steigerscala, die wir am Kopfe jeder seiner Recitativ- Gruppen verzeichnet finden. Mü dieser Aufstellung der Steigerscala rückt der synagogale Gesang in eine bedeutungsvolle, bis nun außer Acht gelassene Sphäre vor, welche geeignet ist,., auch den Mindereingeweihten vor Jrrthümern zu bewahren. Am Kopfe von Nr. 1, Jigdal, finden wir die Nogsu ovvaii8-Slelgerscala, nach deren Jntervallverhältniße die nachfolgenden Necitationen gearbeitet sind. Hat sich nun der Lernende mit dieser Jntervallenfolge vertraut gemacht und verwendet er dieselbe bei seinen Vorträgen oder schriftlichen Arbeiten, so kann er festestens überzeugt sein, dass er sich wenigstens gegen den Stil nicht versündigt., Und diese Thatsache allein ist von ganz außerordentlicher Bedeutung. — Wer du seine eigenen Lehr- und Wanderjahre zurückdenkt, oder w ex jemals einen Anfänger zu unterrichten hatte, der kennt die Schwierigkeiten der bis nun üblichen Gepflogenheit^ welche innerhalb-