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Die Wahrheit · 1902-02-07 · Heft 6 (7.2.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 6 (7.2.1902)
Date
1902-02-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 6 Dass selbst in den entarteten Zeiten des schmählichsten Verfalles — wo sonst das ganze Volk dem Götzenthume zugethan war — Israels Propheten niemals vereinsamt dastanden. Wenn schon sonst niemand, so hat sie doch stets ein Kranz blühender Jugend nmgeben. In diesen Auserwahlten erkannte ihr scharfsichtiges Auge den unzerstörbaren Kern, aus dem heraus das jüdische Volk sich immer wieder verjüngen werde. Sollte der Geist unserer Jugend, vor ein solches Licht gehalten, denn gar kein Feuer mehr fangen wollen? (Fortsetzung folgt.) Rcisebriefe an« Holland. Von Jan van Düren. VII. Des Morgtns erhielten wir die Botschaft, dass der Herr „Opperrabbijn" (Oberrabbiner) wegen dringender Amtsgeschäste uns erst Abends um 6 Uhr empfangen könne. Wir waren nicht überrascht. Wir wussten, dass der Oberrabbiner von Amsterdam ein übermäßig viel beschäftigter Mann sei, an welchen unvorhergesehene Dinge mannigfaltigster Natur herantretcn. Hat man doch seitens der Regierung seine Intervention bei einem Diamantenschleiser - Strike angerufen, dessen Schlichtung ihm innerhalb vierundzwanzig Stunden gelang, während sich der Polizeipräsident und andere hervorragende Männer vergeblich bemüht hatten. Mau hört eben sein weises Wort, kennt seine geläuterte Lebensklugheit uud befolgt feinen unbeugsamer Gerechtigkeit enspringendeu Rath. Die unfreiwillige Muße benützten wir gut. Die Gemeinde Amsterdam stand vor nicht langer Zeit unter dem Zeichen des fünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläums des Oberrabbiners Dr. Josef Hirsch Dünner, das allerdings nur im allerengsten Kreise der Familie und auch hier gegen beit Willen des Oberhauptes gefeiert werden musste, weil Verehrer ohne Zahl und der -Kirchenrath es sich durchaus nicht nehmen ließen, dem unendlich geschätzten Manne zu huldigen. Die Zeitungen, welche den ^Gedenktag feierten, verschafften wir uns, um uns zu unterrichten. Allenthalben kam die imponierende Ehrfurcht vor der gewaltigen Gelehrsamkeit, der erhabenen Charaktergröße, patriarchalischen Einfachheit, dem unerschrockenen Muthe, der puritanischen Selbstlosigkeit zum Ausdrucke. Die Artikel athmen insgesammt den Geist unbedingter Ergebenheit und Bewunderung gegenüber dem Manne der Wissenschaft, dem großen Redner, Talmudiften, Organisator, Lehrer und stählernen Charakter. Gs verlohnte sich, einen oder den anderen Gelegenheitsartikel wiederzugeben. Interessant sind die überall gleichen Einleitungsworte, in denen sich die verschiedenen Redactionen dafür entschuldigen, dass der Gedenktag gefeiert werde, indem sie wüssten, wie verhasst dem Jubilar jedes derartige Fest sei, das er in feiner markigen Ausdrucksweise „Götzendienst" nenne. Besonders vergreisend ist die Darstellung der Scene, wie der Präsident des Kirchenrathes in Gegenwart der ganzen Rabbinersamilie eine Dankadresie überreicht und betont, dass es niemand gewagt Habe, sich dem Oberrabbiner in anderer Weise an diesem großen Tage zu nähern, da man wisse, dass er jede materielle Äeußerung oder Verehrung zornig zurückgewiesen hätte; sei er Hoch gerade durch diese unvergleichliche Unnahbarkeit ebenso unabhängig vom Höchsten, wie von Niedrigsten. Geradezu klassisch sind die Worte, welche der Oberrabbiwer erwiderte; sie gipfeln in dem Satze: „Ich bin alt und -«in Greis geworden .... zeugt gegen mich; von wem habe Hch einen Ochsen oder Esel genommen, wem gegenüber h rbe Unrecht gethan, wen bestochen, oder von wem Bestechung -angenommen? Fremd, sonder bar klingen die Worte aus Samuels 'Mund, der weit andere Verdienste für sich in Anspruch Hütte nehmen können, besonders, wenn man die Verhältniße. vor Antritt des richterlichen Amtcs durch Samuel mit detieu des Momentes vergleicht. Alle Verdienste und Tugenden - jedoch sind Don persönlicher Würdigung und Bewertung abhängig. Was -der Freund als Tugend schätzt, biaudmaikt ter Feind als Untugend. Eine Tugend aber gibt es, welche niemand verkleinern und die durch keinen, verkehrt aufgefasst werden kann; es ist : die Selbstlosigkeit, Uneigennützigkeit auf das Strengste auch da gewährt zu haben, wo die Verlockung groß war. Dies kann ich in Ihrer Gegenwart betheuern, dass während dieses langen Zeitraumes niemals persönliche Vortheile Richtschnur meiner Thaten und Handlungen gewesen sind". Ein Industrieller hat eine Medaille hergestellt, welche auf der einen Seite des Bild des edlen Mannes, auf der anderen die Jahreszahlen 1874—1899 in Emaille zeigt. Auch dies geschah wider Willen und ohne Wissen des Oberrabbiners.^ Als auch mit dem Jubiläumstage in einem Blatte eine Biographie zu erscheinen begann, war der geistliche Oberhirte ernstlich erbost, konnte aber den Uebereifer seiner begeisterten Verehrer nicht eindämme». Es wäre nicht uninteressant, die Hauptdaten dieser Lebensbeschreibung aus den Blattern wiederzngeben, aber angesichts der in Erfahrung gebrachten entschiedenen Abneigung des Gefeierten wollen auch lvir, die Fernstehenden, es unterlassen, da vielleicht auch diese bescheidenen Zeilen ihm zufällig zukommen könnten. Den Vormittag verbrachten wir mit der Lectüre der erwähnten Zeitungen, des „Weeltblad yor Israelitische Huisgezinnen“, des „Niew Israelitisch Weekblad“ des „Centraalblad voor Israeliten in Nederland“ rc. rc., sowie einiger im Druck erschienener „Predikatien" und „Leerredenen“ des Oberrabbiners, die uns durch ihre Gedankentiefe. vollendete Kunstform und weitausschaneude Actualität mächtig packten. Den ersten Theil des Nachmittags benützten wir zum Besuche des Blumenmarktes am „Singel", wo längs einer Gracht tausende von blühenden Pflanzen in Buden ausgestellt sind, die uns einen leisen Vorgeschmack der betäubenden Blumenpracht der Haarlemer Gärten gab, die wir später kennen lernen werden. Gegenüber diesem Blumengewimmel am jenseitigen User steht die „Nosenthaliana", die schon einmal erwähnte große Bibliothek für Hebraica und Orientalin. Hier ein Gedankenherbarium, Geistesblumen, Gedankenblüten, ein Liurraturparadies; dort lebendiges Sprießen, Düsten, Treiben. Ans dem Duft der Hyacinthen und Rosen traten wir in die heiligen Hallen der Foliantenbatterien, der Mannscriptensärge. Ein junger Gelehrter, Mhr. Hilversum, gab uns liebenswürdiges Geleite und zeigte uns die großen Schätze. „Wer zählt die Völker, nennt die Namem, die gastlich hier zusammen kamen?" Hier stehen sie in Reih' uud Glied, Groß und Klein, Alt und Jung und harren des wissbegierigen Forschers. Inzwischen war die Zeit des Besuches nahegerückc. Rasch wurde — es ist fünf Uhr — das Diner genommen, und wenige Minuten vor sechs „bellten" (das heißt schellten) wir an oer Thüre des Hauses des Opperrabbijn. Ein älteres, jüdisches Fräulein, offenbar ein langjähriger, guter, dienstbarer Hausgeist, öffnete zunächst die obere Halbthüre — so öffnen sich die Thüren an. altholländischen Häuser — um zu sehen, wer da sei. Dann wird gemeldet: Mijnheer is in de Studeerkamer. Wir traten ein. Ein hellerleuchteter, viereckiger Vorraum. Aus dem schönen Schnitzwerk des Treppengeländers grüßen nns ebenfalls in Holz geschnitzt, die Worte: „Boruch attoh beboecho uboruch attoh bezessecho“, „Gesegnet sei dein Eingang und dein Ansgang". Man merkt, es ist ein altjüdisches Patrieierhaus. Hier, haben gewiss einstmals reiche Portugiesen gehaust, von denen ja manche die Mitbegründer der westindischen Handelscompagnie gewesen sind. Die reichen Kaufherren haben es sich nicht träumen lassen, dass in diesen Räumen einmal der Oberrabbiner der von ihnen bestgehassten Aschkenasim residieren werde, vordem sich heute der Oberrabbiner der Sephardim ehrfurchtsvoll beugt. Unterdes hat uns einer der Söhne des Oberrabbiners empfangen und zunächst in die „Voorkamer" des Salons, woselbst die Recepties (Empfänge) ftattsinden, geleitet. Es ist ein behaglich eingerichteter, vornehmer Raunu Nach einer Weile steigen wir die ziemlich steile, aber feste.Holztreppe empor und klopfen an. Auftein einladendes: binnen! (herein!) öffnen wir

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