Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6. Dtc Wahrheit. Seite 5. . Ueber den hebräische« Unterricht an den Oberrlaffrn der Gymnasien und Realschulen. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink. VI. Sowohl für die wissenschaftliche, als auch für die methodische Behandlung unseres Gegenstandes ist selbst der erste Spatenstich noch nicht gemacht worden. Man kan» nicht eindringlich genug auf diese Thatsache verweisen. Bei der reichhaltigen Production, die auf allen übrigen Gebieten der jüdischen Litteratur herrscht, eine auffällig — man möchte fast sagen, bedenkliche Erscheinung. Dies um deswillen, weil es unzweideutig bekundet, dass bei uns ein sehr wichtiges, für jede gesunde Cultur grundlegendes Gebiet vollständig brach liegt. Welche unschätzbaren Dienste könnte dem Lehrer. des Hebräischen eine wissenschaftliche Synnoymik dieser Sprache leisten! Die vorhandene Litteratur lässt ihn vollständig in Stich. Auf anderen hier in Betracht kommenden Gebieten Hilst man sich nothdürftig mit auf fremdem Boden entsprossenen Erzeuguißeu fort. Auf diesem jedoch ist dort nichts und wird wohl auch nie etwas zu entlehuen sein. Denn der gedankenmäßigen Forschung sind trotz allen Aufwandes an Fleiß und Scharfsinn gewisse Schranken gezogen. Sie zu überwinden, wird ihr nie gelingen. Eine wirklich brauchbare Synonymik wird nnr der schreiben, der bis an das pulsirende Herz der hebräischen Sprache vorgedrungen ist und es in seiner geheimsten Thätigkeit belauscht hat. Dahin zu gelangen, wird doch nnr einem Juden beschieden sein. Methodische Anleitungen und Handbücher für die schulmäßige Behandlung unseres Gegenstandes gibt es überhaupt nicht. Wie soll es nun der israelitische Religionslehrer aufangen, der sich diesem Gegenstände gegenüber gestellt sieht? Etwa auf gut Glück den Zufall walten lassen? Der hat sich immer noch als ein sehr böser Berather erwiesen. Unserer an den Mittelschulen studierenden Jugend, die in jedes Fach des Wissens planmäßig und zielbewusst eingeführt wird, müssten die schwachen Seiten und Mängel hier sofort in die Augen springen. Der Religionsunterricht, — ja vielleicht die Religion selbst, wäre dann in ihren Augen für alle Zeit gerichtet. Das blos handwerksmäßige Verfahren wird demnach unter allen Umständen zu vermeiden sein. Der Weg jedoch, welcher hier zum Ziele führt, ist ein recht dornenvoller. Selbst wer ihn bereits glücklich zurückgelegt, ist noch längst nicht vor Jrrthümmern und Mißgriffen gesichert. Um nicht im Finstern tasten zu müssen, wird der israel. Religionslehrer zunächst in das weite Gebiet der allgemeinen Pädagogik und ihrer Geschichte-einzudringen genöthigt sein. Er wird sich weiters mit der Litteratur der speciellen Methodik jener Lehrfächer, die unserem Gegenstände am nächsten stehen — in diesem Falle also, die der alten und modernen Sprachen — vertraut zu machen haben. Rach all dieser mühseligen und und dennoch unerlässlichen Vorbereitung steht er erst recht vordem Anfänge. Denn nichts könnte verkehrter sein, als jene für ihren Fall wohlberechtigten Grundsätze ohne weiters aus sein Fach zu übertragen. Der hebräische Unterricht ist doch, wie gesagt — Religionsunterricht ans Grundlage hebräischer Sprachtexte. Nichts kann verderblicher sein, als ihn ausschließlich in einen Tummelplatz grammatischer Kunststücke verwandeln zu lassen. Es bedeutete dies nichts Geringeres, als — das Mittel zum Zwecke erheben und letzteren vollständig fallen zu lassen. Wie sollten denn aus einer derartigen Dressur Juden mit warmen Herzen und klarem Kopse hervorgehen? Es erübrigt demnach kein anderer Ausweg, als dass jeder Lehrer sich seine eigene Methodik im Geiste ausbaue. Während andere dort einsetzen können, wo die Besten unter den Vorgängern aufgehört haben, muß hier die Arbeit wieder aufs neue von Grundaus aufgeführt werden. Es ist aber nicht Jedermanns Sache, eine methodisches Genie, zur Entfaltung zu bringen. Selbst dort, wo es etwa vorhanden sein sollte, ist Lessen Auftreten immer an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Es bedarf, so lange es in der Entwickelung begriffen, der Stützen, auf die es sich lehnen, und wenn es ausgereist — der Widerstände, au die es sich reiben muss, um sie zu überwinden. Wir aber haben nichts von alldem auszuweisen. Hier steckt das Grundübel, an welchem der israelitische Religionsunterricht krankt. Denn ohne Tradition keine Kunst. In ihren Uranfängen war eine jede nichts anderes, denn Technik, und ihre Bechätigung in erster Linie Mechanik. An kritisch:» Maßstabe gemessen, können wir den gegenwärtigen Stand deo der Dinge für unser Fach nicht höher bewerthen. So lange hier kein Wandel geschaffen,wird es mit dem israelitischenReligionsunterrichte in keinen gesunden Schwung kommen. Auch dann wird die Aufgabe des Religionslehrers noch immer schwer genug sein. Denn neben der Reise des allgemeinen pädagogischen Urtheils muß er auch die Technik der verschiedenartigen Lehrsormen bis zur vollendeten Meisterschaft zu beherrschen trachten. Er darf sich keineswegs ans die Anwendung blos eines Verfahrens beschränken. Je nachdem der Gegenstand es fordert, hat er bald des darstellenoen Vortrages, bald, der Frageform sich zu bedienen, bald vom Einzelnen anszngehen, um den Gedanken nach und nach aus seinen Elementen auszubauen, balv mit einem kühnen Griff in das verschlungene Gewebe hineinzusahren, um es Faden an Faden auseinander» zulegen. Welche Geistesgegenwart, Sicherheit des UrtheilL und Gewalt über die Sprache gehört nicht dazu, dreißig und mehr jugendliche Geister in den Bann eines Gedankens zu stellen?" Das Ideal des Lehrprozesses ist erst dann als erreicht anzusehen, wenn der Lehrer es versteht, sie allesammt wie dasl Tastenwerk eines Claviers zu gebrauchen, wo ans jeden Grifß die angezogene Taste mit dem richtigen Tone antwortet. Haben wir doch in unserer Jugend gar gestrenge, unerbittliche Richter vor uns. Erst das Leben stimmt versöhnlicher und macht geneigt, ans mildernde Umstände einznzehen. Sie jedoch mag sich grundsätzlich nicht daraus einlassen. Auch di? bedrängte und schwierige Lage, in welcher der Religionslehrer sich befindet, will ihr nicht als plausibler Grund einleuchten^ um ihm mit einiger Nachsicht zu begegnen. Ganz im Gegenteile. Wir haben hier die israelitischen Schüler, von den andern gesondert, vor uns. In den übrigeil Lehrgegenständen legen sie sich schon in Rücksicht aus die andersgläubigen Mitschüler einige Z lruck- Haltung auf. Hier dagegen gehende ganz vorbehaltlos aus sich heraus. Es soll damit keineswegs gesagt sein, dass sie in moralischer Hinsicht eine minderwertige Kategorie darstellc — wohl aber, dass ihre uuterrichtliche Behandlung eine schwierigere ist- Schon in den anderen Fächern stellen sie sich als eine durch, ihre inneren Merkmale besonders charakteristische Gruppe dar. Sie zeichnet sich vor allem dadurch ans, dass das, selbständige Urteil bei ihr viel früher erwacht, woraus sih wiederum die Neigung zu scharfer Beobachtung und Kritik des Lehrers herleitet. Es kommt noch Weiler als erschwerender Umstand hinzu, dass die Beispiele pietätsvoller Gesinnung der Religion und ihren Lehrern gegenüber nur selten ihr vor Augen kommen, desto häufiger jedoch Äußerungen, ja ganze Theoreme, welche das, was der Religionslehrer vorbringt, als Verkehrtheit hiustellen — zu ihren Ohren. Unter dem Eindrücke all dieser bedenklichen Wahrneh:naa> - gen stehend, war ich früher der Meinung, es wäre unter solche Bewandtnißen überhaupt unmöglich, Eifer und Hingebung für unfern Gegenstand bei ihr zu erwecken. Reifere Erfahrungen haben mich jedoch davon abgebracht. Auch unsere studierende Jugend kann schon für die Sache gewonnen werden, nur verlangt sie, dass der Lehrer einen gar hohen Preis dafür einsetze.. Weiß er einen Unterricht zu ertheilen, der ihr fortwährend au Geist und Herz greift, weiß er ferner alle Anfechtungen, welcher Art sie auch sein und von wo immer sie auch kommen mögen^. geschickt und dazu noch mit einer gewisse» Eleganz sofort auf der Stelle abzuschlagen, dann wird sich sogar eine Art idealen Berhaltnißes zwischen Lehrer und Schülern herausbilden. Unsere Jugend müsste auch völlig aus der Art geschlagei». sein, weutl dem anders wäre. Zeigt uns doch die Geschichte»