Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 6 so meint Herr Dr. Ster» — den das Judenthum aus dieser Täuschung über sich selbst und seine Aufgabe zu thuu hat, ist die Anerkennung des Christenthums, als einer neben dem Zudeuthum nothwendigen und daher geschichtlich berechtigten Religion." Nun, wir werden diesen ersten Schritt unter keinen Umständen thun, wie bedeutsam er auch — natürlich nicht sür uns Juden — wäre. Selbst das Wenige, das wir aus 1>cn Trümmern behalten haben, sollen wir aufgeben, und das nur darum, damit wir die geschichtliche Berechtigung des^Christenthums anerkennen und folgerichtig unsere Religion als überflüssig, fadenscheinig, veraltet und als in die Rumpelkammer .gehörendes Zeug documentiren. Nie und nimmermehr! Wir wiffen ganz gut, dass wir die himmlische Sendung noch nicht vollführr haben, aber nicht darum, weil wir allein unvermögend wären, die höchste Entwickelungsstufe zu erreichen und nur in Gemeinschaft mit dem Christenthume zum Ziele gelangen könnten. Erst laste mau uns Liebe widerfahren, dämme den Judenhass ein, unterbinde nicht unsere materiellen rmd geistigen Kräfte, und auch unseren Aposteln werden die Schuppen von den Augen fallen. Das Judenthum hat seine Daseinsberechtigung aus Gotteshand empfangen, und er wird auch dasselbe zum Gipfel seiner erhabenen Mission hinleiten ohne ^cdeu Fühl er und Leiter. Vergebens räch Dr. Stern uns die Elemente der Schwesterreligion uns auzueignen, „umdadurch den Kreis der Wirksamkeit zu erweitern." Unseren Wirkungskreis hat eine göttliche Macht bestimmt und umzäumt, wir fühlen uns ganz wohl innerhalb desselben und wünschen ihn gar nicht zu erweitern. Oh, ließe man uns nur Zeit und Raum, denselben zu verwirklichen! Wir suchen keine anderweitigen Elemente, die außerhalb unserer Religion liegen,. denn wie Waster und Feuer sich nicht mengen, so kann unjüdisches Werg mit jüdischem Wesen sich nicht einen. Wir wissen wohl, dass wir die eigene Vollendung noch nicht erreicht haben, auch rechnen wir es zu unserer höchsten Aufgabe, die höchstmögliche Stufe der menschlichen Vollendung zu erreichen; doch darüber sind wir schon längst hinaus, uns selbst und unseren Glauben zu verläugnen und mit fremden^. Elementen zu operiren, einzig und allein aus dem Grunde, um zu dieser Vollendung zu gelangen. Ob denn die Herren Apostel so unbedingt überzeugt sind davon, dass im Christenthum die Elemente zu finden sind, welche die gewünschte Vollendung herbeiführen sollen? Das Gebühren seiner Angehörigen uns gegenüber, die Lieblosigkeit, welche in allen ihren Thaten sich kundgibt, die Verfolgungen, welchen unser Stamm von ihrer Seite ausgesetzt rst, haben uns eines Anderen belehrt. Wir werden uns darum nie verstehen zu der Annahme, dass das Ehristenthum „nicht *iii Abfall vom ursprünglichen Judenthum, sondern.eine Entwickelung desselben sei." Diese Apostel und ähnliche würden die Entwickelungstheorie so weit treiben, dass am Ende kein gesunder Theil am Judenthume übrig bliebe, wenn es nicht Vor lauter Entwickelung in die Windeln des Christenthums Lingcwickeü würde! Herr Dr. Stern möchte gerne Prophetengabe besitzen, mm in die Zukunft schauen zu können, und darum frägt er roll Emphase: „Wird diese Anerkennung des Christenthums Von Seite des Judenthums in seine Gesetzbücher aufgenommeu Werden, wird sie öffentlich verkündet werden in den Synagogen?" Wir versichern den geehrten Herrn Docror, dass dergleichen Salbaderei unsere alten Religionsgesetze um keinen Deut Andern, dass unsere Gesetzbücher nie und nimmer ihrer Heiligkeit und ihres göttlichen Ursprunges entrathen werden. -Jedes Blatt unserer heiligen Schrift würde sich gegen eine L.crartige Vergewaltigung aufbäumeu. Christenthunr und Ju- Deuthum sind getrennte Glieder, die auf religiösem Geriete sich nie verstehen, wie gerne sie im g e s e l l s ch a f tck i ch e n Leben sich die Hände reichen würden. Bruderliebe, Menschenachtung werden in unseren Synagogen öffentlich Verkündet, auch richten wir unsere Handlungen stets nach denselben ein, und wenn unsere Brüder von der Schwesterreligion uns auf diesem Wege folgen wollen, bedarf es keines Apostels. Jeder kann ungestört in seinem eigenen Kreise sich bewegen und gemeinschaftlich für menschliche Vollendung das Seinige beitragen. Wie verlockend die heilsverkündenden Worte auch lauten mögen: „das Christenthum wird die Versöhnung annehmen und zum gemeinsamen Werke gern die Hand bi'ten," bis allher sind wir ganz anderer Dinge überführt worden. Und daran fühlen wir uns nicht im geringsten schuldig. Wir haben unsere Aufgabe der Menschheit gegenüber stets redlich und treu erfüllt, wir haben nie zu Feindschaft und Lieblosigkeit Veranlassung geboten, wir haben auch Niemanden um Versöhnung anzugehen; vielmehr dürften jene um Ablass beten, die sich täglich an dem Judenthum vergehen. So überzeugend Dr. Stein es auch darzulegeu meint: „es (das Christenthum) hat in der Reformation zur inneren Versöhnung der Religion selbst den Grand gelegt, indem es sich der reinen Gotteserkenntnis des Judeuthums wieder zu nähern begann," so wünschenswert er es auch hält, .wenn auch wir das Unselige beitragen, um das Friedens werk zu vollenden, es kann nie und nimmer zu Stande kommen, rnsolange es auf Kosten unserer ererbten Religion geschehen soll. Im Gegentheile, die sich uns schon genähert, warum sind sie denn auf dem halben Wege stehen geblieben? Warum gebricht es ihnen an Kraft weiter zu schreiten, bis sie ganz in unsere Nähe gelangt sind? Haben sie ja mit ihrem ersten Schritt vollauf bewiesen, dass sie bei unserer R.ligion Etwas zu finden glaubten, was sie sonst anderwärts vergebens suchten',! Mögen sie nur weiter Vordringen und sie werden zu dem Boden gelangen, den wir gemeinsam bearbeiten können! Wir aber haben vom Anfänge die göttliche Macht in uns verspürt, die uns auf den Standpunkt verwiesen, den wir auch jetzt einnehmen. Wir werden nur auf diese Weise unsere hehre Aufgabe lösen können, wenn wir als Juden in nuferen r ligiösen Satzungen die Triebfeder zum höherem Aufschwünge finden. Wirfühlen uns stark genug, das Werk allein zu vollbringen und bedürfen hiezu keiner auswärtigen Hilfe. Dr. S. P a r t o s, Dunaföldvar. Der Iugendgottesdimst in der Wiener Cnltusgemeinde. Nach Jahren und Jahrzehnten gedenkt man immer gerne des Tages, au dem eine wichtige Institution, die sich bestens bewährt hat, ins Leben getreten ist. Eine solche Einrichtung ist der Jugendgottesdienst in der Wiener israelitischen Eultusgemeinde. Vor mehr denn 30 Jahren wurde derselbe im Wiener Stadttempel für Studenten eingerichtet, und 20 Jahre werden es in diesen Tagen, seitdem auf Initiative des Herrn Emauuel Bau mg arten, des seinerzeitigen langjährigen Vorstandsmitgliedes und Vertreters der Wiener isr. Eultusgemeinde, in allen Bezirken Wiens und für die g es am inte Schuljugend ein allsabbathlich noch heute stattfindender Gottesdienst eingeführt wurde. Von Wien ans fand diese schöne Institution Eingang in alle bedeutenden Gemeinden des In- und Auslandes, und es ist zu hoffen, dass dieselbe auch in späterer Zukunft sich als besonders segenbringend bewähren werde. Der Wiener Eultusgemeinde aber, die dieser von ihr ins Leben gerufenen Institution stets ihr besonderes Augenmerk zuwendet, und dem um dieselbe und um unsere große, Gemeinde besonders verdienten Gelehrtem, Herrn E. Baum garten, bringen wir heute aus obigem. Anlässe die besten Wünsche dar für das Fortgebeihen dieser so schönen Institution, der wir auch ein vivat, vresout, llorsut hiermit aus vollem Herze» znrufen. Veritus.