Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063113-3063119--01762-3068380- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ggtEaSSwi»*»»■•» wm Die Wayphsit Redaction ». Administration Mien. II/1. Novaragaffe 27. — ii ft k. österr. Postsparcafla Lheck-Eonto Nr. 840.2-il. Inficutc j 20 Heller Der Nonpareille-Zeile. AtonnenieiitS- und JniertionS»! betrüge sind i» Wien zahlbar. j j L^ugrpni«: j Ganzjährig . . *. 12.— , | Halbjährig . . i ft. 6.— 5! Für Lultusbeamte:! Ganzjährig ... ft. 10.— , Erscheint jeden Freitag. Motto: ^vas Siegel Gottes ist Wahrheit!" Für Ausland: Ganzjährig .... 8 SRoit *! 6 Rubel oder 16 Frei. Ar. 6. Men, 7. Februar 1902. Inhalt r Neue Apostel in Sicht. — Ter Jugendgottesdienst in der Wiener Cultusgemeinde. — lieber den hebräischen Unterricht an den Ober classen der Gymnasien und Realschulen. — Reisebriefe aus Holland. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Zur Organisation. — lieber die Entwicklung des Synagogengesanges. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Verschiedene Nachrichten. Ire geehrten Areunde und Könner unseres Malles werden ersucht, in alten öffentlichen Localen und Iereinen „Iie Wahrheit" zu verlangen und für die Auflegung derselben einzutreten. Iie Htedaction. Aeue Äpostel in Licht. Man könnte wahrhaftig an dem Judeuthnme und seiner Religion verzweifeln, wenn man die zahllosen Apostel aus; seiner Mitte entsteigen sieht, die berufener oder unberufener! Weise mit allerhand Arzneimitteln herbeieilen, um, wie sie meinen, dem kranken, gebrechlichen Judeuthnme aus die Beine zu helfen. Nun, sage man noch, dass wir verwaist und verlassen dastehen, nun behaupte man noch, dass es uns an Kraft gebricht, uns zu erheben! Doch wodurch fühlen diese Nothhelser sich berufen, ihre Heilmittel anzukünden, und seit wann sind sie denn nur zur Einsicht gelangt, dass wir der Stützen j und Krücken bedüifen?! Die Einen schlagen ein gar radikales Mittel vor: das; gesunkene Judenthum kann nur dann ein Cultnrfactor werden 1 und sich zu seinem einstigen Glanze erheben, wenn es sein ganzes Gesetzbuch über den Haufen wirft. Jeder strebt nach Fortschritt und Entwickelung, und nur das Jndenthnm i sollte auf seinem alten Standpunkte verharren? Diese Starri halsigkeit, diese unbeugsame Sprödigkeit hat es seiner Anj Hänger um ein Beträchtliches beraubt. Die Zeit und ihre Ver-! hältniße dürfen nicht unbeachtet vorüberschreiten. Was von! Nutzen und Vortheil ist, das muss auch in der Religion! behalten werden, was Nachtheil und Schaden verursacht, muss; ausgeschieden werden Die Einsichtsvolleren, so plaidiren sie j weiter, werden schon längst zur Einsicht gelangt sein, dass! man der Bürden und Lasten sich entledigen muffe, die unsere alten Gesetzeslehrer, in Ermangelung fortschrittlichen Geistes,! uns aufgebürdet. Anstatt frische Blüthen zu treiben, welkt! das Judenthum immer mehr dahin, weil es der richtigen j Heger und Pfleger entbehrt, weites an veralteten Satzungen j sich ängstlich klammert, weil die Strahlen einer, neuaufgeyeuden! Sonne sein Gemüth nicht erwärmen. Am sichersten könnten j wir ans Ziel gelangen, wenn wir den ganzen Pack Satzungen j über Bord werfen, und dann wäre es ein gar Leichtes, hini über zu segelnwo Schloss und Riegel sich aufthun, wo wir liebevoll empfangen würden. Das müssten unsere Glaubensbrüder schon längst einsehen, dass das gewaltige Christemhum den Zeitgeist ans seiner Seite hat. Was Großes, Edles und- Erhabenes im jetzigen Jahrhunderte zu Tage gefördert wurde, ist der Quelle des Christenthums entsprungen, und warum sollten wir nicht gleichfalls aus derselben Quelle schövfen? Moral, Sitte, Liebe, Kunst und Lltteratnr, sie alle wurzeln tief im Ehristenthnm, und der Fortschritt der Menschheit ist ohne dasselbe gar nicht denkbar. Ans darum, erwache Israel aus Deinem Schlummer! so ruft der eine Apostel uns entgegen, bekenne Dich zum Christen^ thum, lasse ab von Deinen alten Lappen und Zoten, die Dich, herabwürdigen und entstellen, die Dich verabschennngswnrdig in den Augen der Völker machen, die den Antisemitismus und Alles, was drum- und dranhängt, erzeugen, und wirf Dich in die Arme Deiner christlichen Brüder. Mit dem ll ntergange des Jndenthums ist auch unsere Gesundung zu erhoffen. Dies räth uns ein Jude — der wohl nicht einuial mit sich selbst zu Rache gegangen ist. Etwas feiner und diplomatischer stellt es ein zweiter Apostel an. Auch ihm ist es bang und wehe um die Seele, angesichts der tiefen Erniedrigungen der jüdischen Religion und ihrer Bekenner. Dr. Sigismund Stern heißt der Mann, der in Nummer 2 der „Brüll'schen Monatsblätter" mit einem ganz neuen Plane auftritt. Er meint es mit dem. Judenthume ernst und will Alles daransetzen, damit es fürdie Ewigkeit bestehe, es muss nur seiner Aufgabe sich bewussd sein, darf nicht fest und steif auf die Erfüllung seiner Verheißung — dermalen nicht allein die Herrschaft zu führen — bauen und verharren. Von wahrer Erkenntnis geleitet, muss es feinen nunmehrigen Standpunkt verlassen, es darf kein starres Gebilde bleiben. Alles, was Leben befitzt, ist entwicklungsfähig, und darum darf das Judenthum sich nicht mit seiner »Selbstgenügsamkeit" zufrieden geben. Kaum hat es bisher gewagt, einen Schritt nach vorwärts zu thun, und wer sollte sich noch verwundern, dass es so weit zurückgeblieben ist? Nur sein Gott ist der wahrhafte Gott, nur sein Gesetz das lebenspendende, nur seine Geschichte hat Helden erzeugt» nur seine Cultur die allumfassende. Diese Täuschung hat den Juden erniedrigt, ihn gelähmt, für alle Geifteserzeugnitze unfähig gemacht. »Der erste und bedeutsamste Schritt also —