Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5. Die Wahrheit. Seite 5. Die barmherMil Drüder. Das segensreiche Wirken und Walten der barmherzigen Brüder in Wien ist schon des Oeftern von den maßgebenden Factorcn anerkennend gewürdigt worden. Das Spital in der Großen Mohrengaffe unter der bewährten und umsichtigen Leitung des rühmlichft bekannten Arztes und Menschenfreundes, Primarius Dr. Lerch, kann mit Recht als eine Musteranstalt privater Krankenpflege bezeichnet werden. Ganz besonders und mit Nachdruck muß aber betont und hervorgehoben werden, dass Personen — sagen wir direct zur Ehre der Wahrheit und zum Ruhme des Ordens der barmherzigen Brüder in Wien — Juden, welche vielleicht in einer öffentlichen oder sonstigen Krankenanstalt aus dem Grunde nicht ausgenommen worden wären, weil ihr Leiden ein unheilbares war, oder keine ausgesprochene Diagnose einer Krankheit gestellt werden konnte, sondern bei welchen allgemeine Körperschwäche infolge von Entbehrungen oder physischer und geistiger Ueberanstrengung vorlag, im Spitale der barmherzigen Brüder Aufnahme gefunden und durch Wochen und Monate gepflegt worden sind. Einen solchen Fall verzeichnet die Spitalschronik des gedachten Ordens ans der allerjüngsten Zeit. Ein jüdischer Gelehrter, den die Tücke des Schicksals und sonstige missliche Umstände auf das Wiener Pflaster geworfen haben und der hier seit Jahren krank und verlassen, ein Leben voller Entbehrungen fristet, musste vor ungefähr zwei Monaten physisch erschöpft und herabgekommen vor der Pforte des Spitals der barmherzigen Brüder pochen, die ihm auch wohlwollend geöffnet wurde. Volle 6 Wochen verblieb derselbe in der Anstalt. Reinlichkeit, wie gesunde Nahrung thaten das ihrige, und als er kürzlich das Spital verlassen sollte, wurde ihm der Betrag von 63 Kronen eingehändigt, welcher über Vorschlag des Primarius Dr. Lerch seitens des Spitalfondes dem jüdischen Gelehrten als Unterstützung gewährt worden war. Dieser munificente Act wahrer Barmherzigkeit und Menschenliebe muß gerade in der gegenwärtigen, durch die antisemitische Lehre und Moral verrohten Zeit ganz besonders verzeichnet werden, und Pflicht der besitzenden Glaubensgenossen ist es, diesem humanen Institut, welches mit materiellen Schwierigkeiten oft zu kämpfen hat, ihre Aufmerksamkeit und Würdigung im vollen Maße zuzuwenden. N. C h a m e i d e s Das geistige Leben der Inden nach der Zerstörung -es Weiten Tempels. Prag, im Jänner 1902. Am 22. d. veranstaltete der Verein „Aßke Jehuda“ im „Hotel Bristol" einen glänzend besuchten Vortragsabend. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Aladar Deutsch, begrüßte zunächst die Anwesenden und ertheilte dann Herrn Rabbiner Dr. Rosenthal aus Breslau das Wortzn einem überaus beifällig aufgenommenen Vortrage über „das geistige Leben der Inden nach der Zerstörung des zweiten Tempels." Die einleitenden Worte des geschätzten Gastes galten der altehrwürdigen Judengemeinde in Prag, in welcher Stadt die Steine, reden und von dem Wunder der Unzerstörbarkeit des jüdischen Volkes geben Zeugnis. Das alte Rom glaubte Judäa vernichtet zu haben, und errichtete auf der Yia sacra, auf dem Wege zum Jnpitertempel, den Titusbogen als Siegesdenkmal über Judäa. Doch dieses ist uns ein Ehrendenkmal geworden, denn das alte Rom und dessen Götter sind vergangen, das Judenthum aber besteht heute noch. Titus hat nur den Tempel zerstört, Israel hingegen konnte er nicht vernichten. Unsere Lehren knüpfen wohl an den Tempel an, sie sind aber nicht mit demselbeu verbunden. Im alten Rom begannen die Judenansiedlungen zur Zeit des Pompejus; unter Titus lebten dort schon sehr viele Juden. Sie waren Sclaven, Proletarier, Hausierer, Kaufleute. Doch gab es auch zahlreiche Banquiers, Gelehrte, Künstler unb Dichter. Rom hatte damals sieben Synagogen, die auch als. Lehrhäuser dienten. Mit der ihnen eigenen Anpassungsfähigkeit machten sich die Juden bald mit der lateinischen uuo griechischer» Sprache und Litteratur vertraut. Unter Augustus entstand- Caecilius' Werk über die Rhetorik. Martial geißelt im dritte:» Jahrzehnt nach der Zerstörung Jerusalems einen jüdischem Kritiker seiner Schriften. In dieser Epoche studirten und pflegte:» die jüdischen Gelehrten sehr eifrig jüdische Geschichte. Der bedeutendste derselben war Flavius Josephus, der zwar als Feldherr und Patriot gesündigt, aber als Jude vieles gut gemacht hat. Er schrieb eine hebräisch-aramäische Geschichte des jüdischen Volkes, die besonders unter den in den Euphrat- Umbern lebenden gelehrten Juden zahlreich verbreitet warv Die 20 Bücher „Alterthümer der Juden" des Josephus warern ursprünglich griechisch geschrieben. Sie sind eine Ehrenrettung des jüdischen Volkes gegen Appio und die Verleumder unb haben noch heute actuelles Interesse. Auch Justus vor» Liberias schrieb eine Geschichte der Juden, von der aber nur Citate erhalten blieben. Er griff Josephus wegen seines, jüdischen Patriotismus an und denuneirte ihn, worauf Josephus seine Vertheidigung Vita, eine Autobiographie, schrieb, um seinem Römerfreundlichkeit zu bekunden. Trotz aller Drangsale blühte der jüdische Geist fort. Jrn Alexandrien, im Centrum jüdisch-hellenischen Geistes, lebten vielevornehme Juden, die sich als Epiker, Tragiker und Spruchdichter auszeichneten und das Judenthum verherrlichten. Die Geschichlsschreiber waren nach hellenischem Muster gebildet, schufen eigene philosophische Systeme, sind aber doch glaubenstreue Jude»» geblieben. Dort entstand die erste Uebersetzung der Bidets die Septuaginta, und von dort wurde die jüdische Lehre unter den Heiden verbreitet. Dort entstanden auch die sybillinischen Dichtungen, deren 5. Buch Klagen über den Fall des Tempels enthält und den Untergang der Tyrannen verkündet. Das aus dieser Zeit stammende Maccabäerbuch mahnt zur Vernunft und». Enthaltsamkeit. Hier war die Heimat des aus dem Jndenthune hervorgegangenen Chriftenthums. Großen Einfluss auf das jüdische Geistesleben hatten Jochanan Ben Sakai, Mitglied des Synhedrions in Jerusalem. Er war ein Gegner des aussichtslosen Aufstandes gegen Ronr^ rieth zur Unterwerfung, floh mit einigen Schülern aus dev belagerten Stadt und wurde von den Römern freundlich aurgenommen. Er gründete, ein Greis, in Jabne ein Lehrhaus», das ein geistiges Centrum wurde und die religiöse:', imb juridischen Fragen aller Juden in der Diaspora regelte. Diein Jerusalem Zurückgebliebenen beschuldigten ihn der Feigheit. Eine besondere Gattung der Litteratur jener Zeit waren die Offenbarungen, die pseudoepigraphische Apokalypse. Diese Weissagungen in alter Form wurden beu alten Propheten im den Mund gelegt und bezogen sich auf bereits eingetretene Ereigniße; es waren tröstende Weissagungen fü>- die Zukunft des Volkes. Der Hauptinhalt war Theodicee, d. h. die Rechtfertigung Gottes wegen der furchtbaren Heimsuchungen der? Menschen. Auch heidnische Völker erforschten oen Ursprung, des Nebels; die Parsen nahmen ein böses Princip als Gottheit an. Die Juden leiteten Alles von Gott ausgehend, ab. Die Propheten fragten, warum Gott, der gärig und weise sei, die Nebel sende. Nach der Antwort der Thora sind die Nebel Züchtigungen der Sünder. Doch diese Antwort befriedigte nicht immer, da ja auch die Frommen heimgesucht wurden. Rach der Zerstörung Jerusalems tauchte die Frage auf^ ob Jerusalem schlechter sei als Rom. Die Behandlung dieser Frage erforderte große Vorsicht, denn das Denunciantenthuur. blühte, und Verfolgungen wegen Majestätsbeleioiguug waren an der Tagesordnung. Unter Domitian entstand ein Gebet gegern die Denuncianten. Diese Verfolgungen zeitigten den Zensnrstyl^ Man durfte nicht offen gegen Rom anftreten, da sprach marn von Egypten und Pharao, Nebuchadnezar ic. Damit war aber immer nur Rom und dessen Herrscher gemeint, daher die vielen geheimnisvoll dunklen Stellen der midraschischen Litteratur^