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Die Wahrheit · 1902-01-24 · Heft 4 (24.1.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Kesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung. Nr. 4. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Zur Grgamsation. In der Dienstag, den 21. d. stattgehabten Eomitesitzung, an welcher die Herren Singer, Guttmann, Löwit, Don Fux, Schorr und Zellnik theilnahmen, wurde die Berathung der Statuten sortgesetzt. Weiters wurde der Wunsch ausgesprochen, dato die Vertrauensmänner in der Provinz baldigst über ihre Thäkigkeil Bericht erstatten und Adreffen von Eantoren mittheileu mögen, die zum Anschlüße an den Verein aufgesordert werden sollen. Nächste Sitzung: Dienstag, den 28. d. M., 6 Uhr abinds. _ Obercautor Nastali Tiger. So hat denn unser armer College Tiger, nachdem er 16 Zahre in Carlsbad und zuletzt noch hier im großen Musikvereine-Saate an den hohen Festtagen in Ehren fungirt hatte, jung an Zähren, aber alt an trüben Erfahrungen über den Undank de» Welt, den Kamps gegen Krankheit und triste V^rbälmiße überwunden und überstanden. Im frühen Atter von 47 Zähren vollendete er Samstag, den 18. Zänner, sein dem Gottesdienste geweihtes und gewidmetes Dasein, und die zahlreiche Betheiligung seiner Collegen und Freunde an dem Leichenbegäugtliße. das Montag, den 20. d. stattfand, zeugte von der allgemeinen Beliebtheit des Verblichenen. Im Trauerhanfe waren erschienen vom „Cantoren-Vereine" Präses Singer, Vicepräses Bauer, Cassier Blatt, ferner die Collegen Guttmann, Schiller, Wittmann, Zurberger, Kläger, Z. Schlesinger, Seifert, Löwit, Silbermann, Schleifer, Smouitzky, Hirsch, Pekarnik, D. L. Ro ter, Schäfer-Wieu, Schaier-Baden, Roman, Regner, Menkes, Segal u. A. Auf der» Friedhofe waren die Chewra-Borsteher Straßberg und Abeles anwesend. Die cantorale Function im Hause und in der Ceremonienhalle versah in überaus ergreifender Weise, als langjähriger Freund des Verewigten und über besonderen Wunsch der Familie, Qbcrcanior Schorr, und am Grabe widmete Obercautor Singer dem Dahingeschiedenen folgenden Nachruf. „Der Vorstand des österr.-ungar. Cantorenvereines fühlt sich zu seinem Leidwesen veranlasst, dem im besten Mannesalter Heimgegangenen Collegen Nastali Tiger einige Worte des Nachrufes am offenen Grabe zu widmen. Wem von uns die Vorkommniße in den letzten Lebensjahren des Verblichenen bekannt-sind, -dem zuckt das Herz in unsäglichem Schmerze zusammen, dem steigt die Röthe, ich will nicht sagen des Zornes, aber des Unmuthes ins Antlitz, angesichts der schweren Schicksalsschläge, die Dich, armer Heimgegangener, betroffen haben. Es ziemt nicht, am offenen Grabe Vorwürfe und Anklagen zu erheben, der Vater über den Sternen, der ja die Geschicke der Menschen leitet, weiß es am besten, wo hier die Schuld liegt, und wird sicherlich auch hier das richtige Urtheit fälltn. Bald -wird über diesem Grabe sich ein Hügel wölben und in absehbarer Zeit ein Denkmal die Stätte bezeichnen, wo ein armer, schwerg prüster Erdenpilger ruht. Allerdings bist Du, College Nastali Tiger, als Märtyrer Deines Berufes gestorben, vielleicht wirst du auch ein Märtyrer unserer gemeinsamen Sache, wenn aus diesem Grabesbüget die Stimme heraustönt ins Leben und unfern Collegen allesammt die Kunde bringt, dass Du. der Du ein ausgezeichneter Cantor, ei« liebevoller Gatte und hingebungsvoller Vater warst, dein Erdenwalle» mit dem sterbende» Blicke auf eine Wittwe und 4 unmündige Kinder beendigtest; vielleicht werden dann jene Collegen, die heute noch zuwartend absetts stehen, um einen fixe,: Punkt sich zu samneln, sich veranlasst fühlen. Mit diesem Appell an die Collegen weit und breit rufe ich Dir den letzten Scheidegruß entgegen: Ruhe sanft!" Nachdem noch Obercautor S e i s e r l voll der Fugbach- Syuagoge das v'vnn bü recitirt hatte, würde Nastali Tiger ius Grad gebettet. .TSlfJft. Griefe aus Deutschland. Von H ermann Zivi in Elberfeld. (Fortsetzung.) In den Mai-, Juni-, Juli-, Aug ist- und September Nummern der „Allgemeinen Cantoren-Zeitung,, erschien eine Serie von Ansätzen über „W e i n t r a u b und seine Tempelgesänge" aus der Feder des Herrn Obercantor Birnbaum in Königsberg. Als ich in Nr. 17 vom 3. Mai v. I. den Einleitungs Artikel las, erwartete ich ein Effay, das sich nach allen Seiten hin mit einer neuen Beurtheilung des angekündigten Themas befassen werde. Meine schon mit Rücksicht auf die Person des Autors hochgespannten Erwartlulgcn wurden jedoch enttäuscht, da derselbe wohl manch Interessantes über Satomon Kaschtan bot, aber säst garnichts, was zu neuen Gesichtspunkten in der Beurtheilung der Weintraub'schen Synagogen-Gesänge führen konnte und in den Rahmen der in Aussicht gestellte.! „Lösung der Aufgabe" p sste. Ich hätte somit keinen Anlass, auf die Birnbaum'sch» Artikel-Serie weiter einzugehen, wenn nicht in wissenschaftlicher Beziehung ein Moment hervorgetreten wäre, das unter keinen Umständen unwidersprochen bleiben darf. Herr Birnbaum bemüht sich, an der Hand der Nelopes antigue dans le chant de l’eglise latine-öoii Gevaert den Nachwels zu liefern, dass die Descendenz der synagogalen Musik syro-hellenischer Natur sei; er verschweigt aber, dass Gevaert selbst zwei Gruppen von musikalischer Structur aufstellt: Die Tonarten der Citharöden und das System der Octoechos, — mit anderen Worten, die Hymneu-Tonarten der griechisch-römischen und die Responsorien-Tonarten einer griechisch-syrischen Musik. Gegen diese Theorien erhebt sich mit großer Entschiedenheit der' gelehrte Anton Dechevrens in seinen Etudes musieales, indem er glaubhaft nachweist, dass eine Unterscheidung nach der Zeit und dem Orte des Ursprungs nicht möglich sei, dass vielmehr die Gesammtheit der Musik auf ein und dasselbe System und ans ein und dieselbe Quelle zurückzuführeu sei. Das ist wohl auch anz inehmen, namentlich wenn es sich bei einer Untersuchung auf historischer Basis herausstellt, dass die Musik des Syro Hellenismus in ihrer Rückwirkung auf das durch und durch gräcisirte Judenthum der Ausfluss einer Gelehrsamkeit ist, die, wie es scheint, mit Begriffen gerne zu spielen beliebt. Lassen wir darum die Geschichte zunächst selbst sprechen. In der lichtvollen Gestalt Alexanders des Großen trat die griechische Cultur aus ihrer engen Heimat, zog siegend durch Kleinasien und unterwarf das persische Reich. Im Friedensschluss nach der Schlacht bei Jpsus 301 wurde bestimmt, dass Palästina dem Seleucns, dem siegreichen Begründer des syrischen Reiches, zufallen solle. Aber Ptolomaus weigerte sich, das längst von ihm besetzte Ländchen herauszugeben, und die Juden blieben darnm bis auf weiteres- Unterhanen der Könige von Aegypten. Erst im Jahre 203 gelang es dem regierenden Erben des Seleucus, — es war Antiochus der Große — die Herrschaft über das heilige Land von den Aegyptern auf die Syrier zu übertragen, unk mit diesen Moment beginnt die syrische Periode des Diadochen» Zeitalters. In dieser Zeit bildete sich allerdings unter dem Einfluss der neuen Weltlage eine neue Gesittung, der sogenannte Neoplatonismus des international gewordenen Helle» nismus heraus, eine Gesittung, die wir eben, „hellenisch" nennen. Streng griechisch blieb aber ie Grundlage der Kunst und mit ihr die Musik jener Zeit n t nur an den Stätten,

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