Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Vxe Wahrheit. Seite 7. drückt, und namentlich aus einen Großen zu sprechen kommen. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie die ehrwürdigen Gestalten alltäglich grnppenweise von der „Thorah's Chessed" d. i. ein Lernverein, welcher am untersten Ende der Judengasse in einem Stiftungshause untergebracht ist, um die Mittagsstunde herauikamen, da konnte man so manchen „Großen" sehen, Leute, die eine Zierde der Preßbnrger K'hilla bildeten. Unter diesen , Heranikommenden" konnte man immer auch den sel. Rabbi Abraham erblicken; er gehörte wohl damals noch der jüngeren Genelation an, seine Gelehrsamkeit jedoch reichte bereits zn deit ältesten Lamdonim heran. Er bekleidete anch das Amt! eines sog. Schinrlehrers, und da kam es nicht selten vor, dass j sein Vortragszimmer — namentlich an Samstagen — so ge-! drückt voll von anflnerksalnen Zuhörern war, dass später! Kommende keinen Einlass mehr finden konnten. Rabbi Abraham ' Prager entstammte einer vornehmen und frommen Preßbnrger Familie und halte noch 2 Brüder, von denen einer, Reb Mosche, - gleichsalls in Preßburg wohnte, der zweite hingegen, Reb Wolf,! mit seiner Familie nach Jerusalem auswailderte, und eine Schwester, bereu Söhne heute schon;u den hervorragendsten Preßbnrger Lomdim zählen. Reb Wolf, der mit meinem sel. Großvater Reb. Bensch, genannt der Bachurimschneider, be- , freundet war, verhall demselben dazu, dass er leinen schon I lang gehegten Wunsch, gleichfalls nach Jerusalem z» siedeln,! endlich in seinem 79. Lebensjahre verivirklichen konnte. Den! merkwürdigen Lebenslauf meines fel. Großvaters, der im Jahre; 1897 in Jerusalem starb, werde ich übrigens gelegentlich j beschreiben. Sein bestes Köuueu und Wissen widmete Rabbi Abraham Prager der „Jesode Hathora". Dieser überaus segensreich wirkende Verein bezweckt die Heranbildung der Jugend zum > Talmudstudium; er besitzt 4 Classeu nnv bildet für Preßburg 1 gewissermaßen die Mittelschule zwischen der „Talmud Thora" - Schule und Talmud Hochschule, bereu geistiger Führer der Verblichene bis zu seiner Bernfuilg als Dajan nach R. T. i gewesen. Wir Schüler hingen an ihm mit kindlicher Ver-! ehrnng; wenn er ins Cheder kam, um uachzuseheu, war er in! seiner verehrungswürdigen Gntmütbigkeit von Freude erfüllt, j konnte er eilten Schüler öffentlich beloben, hielt aber auch dort j mit scharfem Tadel und eindringlichen Ermahnungen nicht zu-! rück, wo er Nachlässigkeit oder gar Faulheit entdeckte. Bei j einer solchen Gelegenheit einmal lernte ich seinen pädagogischen j Tact und seine Gerechtigkeitsliebe kennen. Es war vor Pessach; im Jahre 1887. Da kam nnser Herr Vorsteher, Prüfung; halten. Ich besuchte damals die zweite Elaste der „Jesode j Hathora"; am ersten Tage Pessach sollte ich Barmizwa werden j und hatte bereits zu diesem Zwecke die übliche Derascha bei! Rabbi David Grünberger s. A. einstudiert; nieiue Eltern! wohnten damals nicht mehr in P. und ich sollte zur Ab-! Haltung meiner Feier in Begleitung meines sel. Großvaters I nach Mähren reisen. Am Abend nach dem erwähnten Verhör begab ich mich nun zu dem Hause, wo Rabbi Abraham Schiur vortrug: ich wollte warten, bis er nachhause gehen wurde, unb ihn sodann um die Ausfolgung eines „Ksav" (Zeugnis) bitten. Indes gesellten sich zu mir noch zwei Mitschüler, tvelche gleichfalls auf Pessach zu ihren Eltern wollten, daher dasselbe Anliegen hatten, wie ich. Kaum war Rabbi Abraham erschienen, als wir ihm, alle drei zugleich, unsere Bitte vortrugen. „Nein", sprach nun der Rabbi, „das wird nicht gehen, ich gebe principiell keinem ein Ksav. höchstens dann nur, wenn ein Talmid; mit der „Jesode Hatora" fertig geworden und in eine fremde! Jeschiwa gehen will." Somit waren wir abgefertigt. Während meine Collegeu sich rasch entfernten, blieb ich traurig und entmuthigt zurück. Im nächsten Augenblicke fühlte ich mich am Arme erfasst und zu meinem Erstaunen redete mich Rabbi Abrahanl also an: „Komme morgen mittags zu mir." Pünktlich fand ich mich ein. „Warum warst Du gestern so traurig, als ich Euch leer wegschickte?" „Ich bitte," antwortete ich kleinlaut, ich soll Pessach ."Mv "O werden und traue mich ohne Ksav nicht nachhause zu kommen." „So!" ries der Rabbi verwundert, indem er mir ein bereits fertig geschriebenes Ksav überreichte „lern' weiter so brav und grüße mirj deine Angehörigen, ich wünsche allen 21V ^>7v." — Dieses Ksav wird mir ein ewiges Andenken bleiben und unter meinen Dokumenten fortan aufbewahrt werden. — Das Andenken des leider nun schon verblichenen Rabbi Abraham jedoch wird in seinen einstigen Schülern, Verehrern und Bekannten stets fortleben. Das Kaddilchgebej. Von Bernhard Loewenthat. (16. Fortsetzung.) Leon sah erstaunt — verwundert und erschreckt zugleich, ihre.nassen Blicke. „Sie weinen, meine Gnädige?" In diesen Worten lag so viel, so unendlich viel, der Ton in denselben war so weich, so mitleidig, er hatte es so zitternd gesagt, so, dass ihr jetzt erst recht weh wurde um das Her;. Es war ihr, als müsste sie aufschreien, so presste es ihr in der Kehle. Kaum hörbar, ihrer selbst nicht mehr mächtig, bat sie: „Führen Sie mich aus dem Saal — in den Wintergarten — ich muß Luft haben." Fast unbemerkt von den Tanzenden führte Leon die Sängerin in den hinteren Theil des prächtig decorirteu Saales und von hier aus in die weitausschweifende Glashalle, die echt künstlerisch in einen zanberschönen Garten umgewandelt war. In hastigen Alhemzügen sog Elfe die frische, aromatische Luft ein, weder sie noch Leon wagten in den ersten Minuten die tiefe Stille zu unterbrechen, welche die Nacht hier um die hohen Blattpflanzen gewoben hatte. Im Saal tänzle man eine Quadrille und die Musik tönte nur gedämpft wie ein fernes, fernes Meeresranschen bis hierher und ergänzte so noch das murmelnde Plätschern der mattgrüu und roth beleuchteten Grotten. Eine Weile schon gingen sie nun in den Wandelgängen io nebeneinander her, Arm im Arm, fast gedankenlos. — Nur Leon konnte sich eines bangenden Gefühls, das ihm Furcht vor etwas Großem, Uebernatürlichem zu fein schien, nicht erwehren. Es schien ihm, als ob er Elfe Munk nicht feit heute erst kannte, sondern als ob sie beide schon jahrelang so nebeneinander hergegangen wären, als ob er immer sie vor Augen gehabt hätte. Aus diesem Gefühl heraus und leise, so, als ob er fürchtete, einen langen, schönen Traum zu zerstören, sagte er, ohne auch nur aufzublickeu in nicht wiederzugebeudem ruhigselbstverständlichem Ton: „Sie haben einst einen großen Schmerz durchkämp t und — Sie haben noch nicht ganz überwunden! Sie sollten sich nicht selbst betrügen und sich nicht abschließen, ja ich weiß es, ich fühle es — dass Sie so allein ihren Weg gehen — so ohne eine Seele — das sollten Sie nicht thun Sie — Sie sollten Vertrauen haben!" Erstaunt, fast frappiert blickte sie ihn an, der tiefe Klang in seiner Stimme hatte so etwas tröstend Beruhigendes — was war das? War der anders wie die Anderen? Sie wollte lächeln und auch ihm, diesem Menschen, zu dem sie so eigenartig sich hingezogen fühlte, sich selbst verbergen, aber es war nur ein herber, todestrauriger Zug, der um den kleinen rosigen Mund sich legte und fast tonlos, monoton kam es von ihren Lippen: „Sie haben recht, aber überwunden habe ich schon längst, nur — so manchmal, da wallt es in uns auf, da will es uns das Herz brechen, doch — das sind nur Erinnerungen — Träume; und diese Träume kehren wieder, wenn ein neues Weh, ein neuer Schmerz uns zu fassen droht und es uns nicht möglich scheint, uns demselben zu entziehen. Da warnen uns die Träume, die Erinnerungen und ziehen uns doch wiederum selbst dem Ungewissen so mächtig entgegen. Ist es da nicht am besten, wenn man den Menschen das Herz nicht zeigt? (Fortsetzung folgt.)