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Die Wahrheit · 1902-01-24 · Heft 4 (24.1.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit. Seite 6. t Nr. 4 rxk um so schriller tönt. Wir suchen bald, voll der Eindrücke, d.os Lager auf, um auszuruhen. Denn morgen ist ein großer Tyg- Wir sinh beim „Opperrabijn" ^Oberrabbiner) ange- Ändigt. Und da heißt es, hübsch gesammelt und vorbereitet sein! (Fortsetzung folgt.) Dir heilige Schrift. Reu übersetzt von Dr. S. B e r n f e l d. An keinem Buche der Welt ist soviel Fleiß und Scharfsinn Derwendet worden wie an dem Buch der Bücher, das wir mit -Stolz unsere heilige Schrift nennen. Unzählige Male erklärt und in alle Sprachen der Welt übertragen, bietet es doch noch ein dankbares Feld für den Gelehrten, da er immer noch hoffen ckaun, durch Erklärung oder Uebersetzung der heiligen Schrift etwas Neues bieten zu können. Und thatsächlich besitzen wir noch keine Bibelübersetzung, die in jeder Beziehung befriedigt und als mustergiltig betrachtet werden könnte. Weder Luther noch Mendelssohn noch Zunz, und dass wir es gleich sagen — noch Bernseld haben ihre Aufgabe endziltig gelöst! Während aber Luthers Arbeit trotz ihrer zahlreichen Fehler ein Monumentalwerk der deutschen Litteratur für immer bleiben wird, während Mendelssohn und Zunz nach Kräften bestrebt waren, der so schwierigen Aufgabe Herr zu werden, trifft Bernfeld der schwere Vorwurf, zu Gunsten einer Buchhändleripeculation, ein Machwerk geliefert zu haben, und das mit großem Leichtsinn und sch^chtem Geschmack. Dem Unbefangenen werden unsere Worte zu hart und zu scharf erscheinen. Aber man bedenke folgendes: Bei den vielen vorhandenen Ucbersetzungen von Luther bis Kautzsch — letztere «rwähnt Bernseld nicht und ist es zweifelhaft,' ob er sie kennt — ist es für einen sieißigen und gründlichen Kenner der hebräischen und deutschen Sprache fast ein Leichtes, eine Musterübersetznng zu verfertigen. Was that aber Bernfeld? Trotz der großen Geringschätzung, mit der er die Zunz'sche Bibel bedenkt, scheint seine Arbeit zumeist darin zu bestehen, dass er gerade diese Uebersetzung — verschlechterte! Manche Sätze sind wörtlich abgeschrieben, und manchmal hat er wichtige Worte und Sätze einfach ausgelaffen! So fehlen Genesis 13, 18 82'i; 16, l'b] 34, 2 Exodus 15, 4 i^th. Tie falsche Wortstellung, die er bei Zunz mit Recht tadelt, hat er meist stehen lassen, so z. B. Genesis 14, 23 : »Ich habe reich gemacht den Abram!" Ein besonders schönes Deutsch ist folgender Satz: De» Richter über die ganze Erde sollte nicht Gerechtigkeit üben? ib. 18, 25, oder: Die ganze Gemeinde i st lauter Heilige Num. 16, 3 (Zunz: sind). Jesaia 52, 14 schreibt er Zunz ab: „entstellt vor den Menschen war sein Aussehen und seine Gestalt vor den Menschenkindern" — was einem gewöhnlichen Menschenkinde einfach unverständlich ist! Luther hat hier annähernd richtig übersetzt. Die Eigenschaft des sv privativum scheint B. nicht zu kennen, sonst würde er übersetzen: so entstellt, dass er gar nicht wie ein Mensch aussieht und keine Menschengestalt hat. Auch ohne Noch gibt B. oft ganz falsche Uebersetzungrn. So z. B. Gen. 18, 27: „Ich rede noch weiter zu meinem Herrn," statt: ich unterstehe mich . . oder: ich habe es einmal unternommen . . ., ib. 32 „und ich will auch nur dies sprechen" hat er Zunz abgeschrieben, obwohl es durchaus falsch Ist, da „auch nur" nur im negativen Satze richtig ist. Hier Muß es heißen: ich will nur diesmal reden. „Abram zog Hinauf von Egypten-gen Süden,, ib. 13, 1. Hat denn Abram eine Reise nach — Aethiopien gemacht? so muß der unbefangene Leser fragen, da, wenn man von Egypten „gen Süden" zieht, man nicht nach Kanaan, sondern eben nach Aethiopien üunmt! Aber Negeb ist Eigenname des südlichen Juda, und Muss es hier heißen: „nach dem Südlande," wohin man natürlich ziehen kann, wenn auch die Reise nach Norden geht. Lev. 19,6 schreibt er Zunz ab : Am Tage eures „M a h l e s", statt „da ihr es o p f e r t." Richter 5, 31 gibt er mit „wie das Aufleuchten der Sonne! Psalm 19, 12 21 2py D*ißtP2 mit „er übt sie mit großer Treue!" Das ist gerade nicht mit großer Treue übersetzt. Wie es mit dem Verständnis für poetische Diction bei B^ anssieht, mag folgende Stelle zeigen. In der Perle der Klagelieder Cap. 4, 7 ff. heißt es: Weißer als Schnee waren ihre Fürsten, glänzender denn Milch . . . Nun ist ihr Aussehen finsterer als Schwärze, man erkennt sie nicht auf den Straßen. B. übersetzt: Verdüstert von Schwarz ist jetzt ihr Aussehen! Er sah nicht, dass das v den Comparativ ausdrückt, wie im vorigen Verse! Grausig erhaben ist V. 9 : Glücklicher waren die Opfer des Schwertes als des Hungers: Jene übersiossen (wenigstens) als Durchbobrte vom Saft des Gefildes! (Sie haben sich wenigstens satt gegessen, ehe sie vom Schwerte durchbohrt wurden — aber die vor Hunger Verschmachteten!) Gibt es Erschütternderes als diesen Schrei des unglücklichen Dichters? Aber B. übersetzt: Jene, die durchstochen, verbluten auf dem furch tbaren Gefilde! Es soll wohl fruchtbaren heißen, aber es dürfte doch gleich sein, w o man erstochen wird! — Als Beispiel von der Schlechtigkeit der Zunz'schen Uebersetzung führt B. den 2. Vers der Thora an: und der Geist Gottes schwebend (anstatt schwebte) über den Wassern. Nein, es muss heißen: und ein mächtiger Wind wehte über dem Wasser. Diese Weisheit hat er von Spinoza, der allerdings mit Recht meint, mi kann auch heißen „mächtiger Wind." Aber Spinoza wie Bernfeld haben vergessen, dass nich „heftig wehen," sondern „brüten", „schweben" heißt, und da passt an unserer Stelle die Uebersetzung „mächtiger Wind," wie man etwa sagen könnte, man habe jemandes Backen mit mächtigen Ohrfeigen — gestreichelt! So sehen die Verbesserungen Bernfelds ans. Folgender komischer Satz aus der Einleitung möge zum Schluss zeigen, wie leichtfertig Verufeld zu Werke ging. — „Eine nennenswerthe Leistung, die wir mit der Mendelssohns e i n i ge rm a ß e|u vergleichen dürfen, ist nur die Uebersetzung der Psalmen, die Jsak E u ch e l . . . herausgegebeu hat." Die Psalmen hat aber nicht Enchel, sondern — Mendelssohn selbst übersetzt, was auch Euchel in seiner Einleitung zu den Sprüche n besonders hervorhebt! Ja, ein Journalist sollte erst — den Journalisten ablegen, ehe er sich an die Uebersetzung der heiligen Schrift heranwagt. Dr. Kaha n, Znaim. Rabbi Äbraham Prager. Von Bezirksreligionslehrer Moriz Mandl in Pnrgstall N.-Oe. Als ich in Nr. 1 dieser Blatter den Nachruf las, welchen Herr Landesrabbiner Dr. Tänzer in Hohenems dem jüngst in N.-Tapolcsany verstorb enen Rabbi Abr. Prager s. A. widmete, fühlte ich mich unwillkürlich in meine Kinderjahre zurück versetzt; denn jene sagenumwobene Preßburger Jndengasse, in die sich der ehrwürdige Verfasser von seinem Geiste zurückführen lässt, wird auch mir stets eine heilige Erinnerung bleiben. In dieser altehrwürdigen Gasse wurde ich geboren und erzogen, dort erhielt ich meine ersten Eindrücke, meinen ersten Unterricht, und ich kann es ruhig sagen, aus dieser Gasse bin ich bis zu meineiu 13. Lebensjahre niemals recht herausgekommen. D ass sich da jedes Haus, jede Persönlichkeit meinem kindlichen Sinn tief einprägte, ist wohl kein Wunder. Und erst die vielen Sagen, die so manchem Plätzchen, so manchem Winkel etwas Mystisches verleihen — was uns Kindern stets respeetvolle Ehrfurcht einfiößte — nahmen unseren Geist vollauf in Anspruch; dieses geistige Gut war immer unser Stolz, und wir glaubten uns förmlich berufen und verpflichtet, die Beschützer solch sagenreicher Höfe und Plätze abzugeben. Hermann Löwinger hat in seinem „Preßburger Getthobilder" ein getreues Bild dieser alten Jndengasse mit ihren schiefen, hohen Häusern, die wie Denkmäler längst vergangener Tage emporragen, entworfen, wie wohl es jedem „Preßburger" aufsallen muss, dass Herr Löwinger mehrere charakteristische Typen wies mit Absicht verschwiegen hat. Doch will ich hier blos ans die „Großen in Israel^, wie Herr Dr. Tänzer sich in seinem Aufsatze aus-

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