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Die Wahrheit · 1902-01-24 · Heft 4 (24.1.1902) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4 ' Die Wahrheit. Seite 5. Schüler nicht übel Lust verspüren werde, dem Lehrer gegenübergerade die entgegengesetzten Seiten anfzuziehen? Die ihm entgegengebrachte Rücksicht wird er — -Leichtsinn ist der ständige Geführte der Jugend — ihm mit möglichster Rücksichtslosigkeit lohnen. Von da bis zur Lächerlichkeit ist nur noch ein — Schritt. (Fortsetzung folgt.) Reisebriese ans Holland. Von JanvanDüren. VI. Der Eindruck, den wir in der Portugiesen-Synagoge empfangen haben, wirkt lange nach. Um ihn noch zu erhöhen, bleiben wir zunächst bei den Anstalten der Portugiesen Gemeinde und begeben uns am nächsten Morgen in das „Midrasch". Es ist ein langgestrecktes, einstöckiges Gebäude, das sich unmittelbar der Synagoge anschließt. Beim Eintritt in die vornehm eingerichteten Räume begrüßt uns der greise, hochgelehrte Bibliothekar, Montezinos. Eine gedrungene Gestalt, schwarz gekleidet'; langes, weißes Haupthaar fällt bis ans die Schultern. Helle Augen lugen klug durch Brillengläser. In ziemlich gebrochenem Deutsch, das unsererseits mit uochlviel gebrochenerem Holländisch erwidert wird, wird die Conversation geführt, welche sich zunächst um die Bibliothek dreht. Sie ist äußerst kostbar und reichhaltig. Eine große Anzahl der Bücher wird in Glasschränken verwahrt und hellgrüne Vorhänge sind über die freistehenden Bücher gezogen. Dasselbe gelbbraune Holz, wie in der Synagoge, fällt uns auch hier auf. Die freien Stellen der Wände sind mit einer großen Anzahl vorzüglicher Kupfer-Stahlstiche und Holzschnitte geziert, welche jüdische Geistesgrößen darstellen. Man findet daselbst einige Unica. Mit gerechtem Stolze öffnet der liebenswürdige Führer einen Schrank, der köstliche Manuscripte der großen Halachah Werke Mose Maimum's und Jsak Alfasi's birgt. Sie sind Meisterstücke der Schreibekunst, die ja gänzlich vergessen und entwerthet ist. Nicht nur die mittelalterliche Klöster besaßen ihre Schreibekünstler, auch zahlreiche Juden stellten sich in den Dienst dieses Kunstzweiges und hatten es zu anerkannter Meisterschaft gebracht. Die Folianten sind in Juchten gebunden. Sie werden von den Gelehrten nicht ohne Erfolg benützt, denn manche Variante gibt Aufschluss über Schwierigkeiten, welchr j den Commentatoren der genannten Weike viel vergebliches Kopfzerbrechen bereitet haben. Wir holten uns selbst über einige in alle Maimuni-Ausgaben eingeschlichene Druckfehler willkommenen Aufschluss, worüber sich unser Führer nicht wenig freute. Unter anderen Raritäten wurde uns auch der Brief gezeigt, den die Amsterdamer Gemeinde dem falschen Messias Sabbatai Zewi als Begrüßungsschreiben geschickt hat. Denn die Wogen dieser traurigen Strömung gingen damals auch in den Niederlanden hoch, und der Pseudo-Apostel aus Smyrna fand auch hier seine Getreuen. Welche menschliche Irrung fände nicht ihre begeisterten Adepten? Sinnend lasen wir die in überschwänglichen Ausdrücken abgefasste Urkunde, ein beredtes Zeugnis menschlicher Schwäche und unfassbaren Wahnes. Der „göttliche Bräutigam" und seine „heilige Braut" führten eine wenig göttliche Comödie auf. Sie endete aber wie ein Trauerspiel in dem meerumrauschten Schlosse auf der romantischen Insel Abydos, auf der ja Hero und Leander schon ihren Liebesroman gelebt hatten. Heute findet eine portugiesische Lewajah statt, wurde uns gemeldet. Wir wollten uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den alten Gottesacker in Ouderkerk zu besichtigen. Auf Schiffen fand sich die trauernde Gemeinde ein. Die Leichen werden zu Wasser in das ewige Leben befördert. Wer denkt nicht an Charon? In Trauermäntel gehüll t sind die Leidtragenden, und lies schweigsam gleiten die Fahrzeuge über die schwarze Amstel, von der ja die Stadt ihren Namen hat: Amstelodam. Nur hie und da unterbricht Gebetgemurmel die traurige Stille. Man durchquert die Stadt; schon entschwindet sie unserem Auge; über die weitgedehnte Fläche sind Dörfer gestreut; alte, romantische Thürme lagen ans; Windmühlen drehen melancholisch langsam ihre Fangarme. Unvergleichlich ist die Scenerie. Wir haben ste nnzähligemäle auf Bildern holländischer Meister gesehen. Die Wirklichkeit übertrifft alle. Schwermuth liegt über dem Ganzen; und dazu hat sich der Himmel dunkelgrün bewölkt. Ueber der Bahre und dem Trauergeleite breitet sich ei» trauriges Himmelszelt aus. Nun nähern wir uns dem lieblichen Dorfe, im dem das portugiesisch-jüdische Gräberfeld liegt. Es fällt uns ein, dass in Ouderkerk Spinoza Brillengläser geschliffen hat. Ja, er lehrte die Menschen heller sehen und u ter dem scha. (geschliffenen Glase seiner Bernnnslkritik sah er wohl manches, was vor ihm Wenige erblickt hatten. Und doch hat er in Vielem geirrt. Irren ist menschlich; und Menschliches war ihm nicht fremd. An die Vergänglichkeit des Irdischen erinnert uns nun mit Micht der ehrwürdige Gottesacker, der' musterhaft gehalten und gepflegt ist. Nachdem wir der Pflicht genügt und dem uns fremden Erdensohne, der heute hier zu ewigen Rah,- bestattet wurde, das- ' geziemende Geleite gegeben hatten, begannen wir den Rnndgang in dem Gefilde der Seligen. Ja manchen S ücken wurden wir an die jüdischen Friedhöfe in Prag und Worin 3 erinnert. Hier wie dort derselbe Hauch großer Vergangenheit, derselbe heilige. Geist epochaler Geschichte. Hier unter diesem mächtigen Stein« sarkophage ruht Menasse ben Israel. „Nicht gestorben ist der Meister, noch leuchtet sein Licht .... ewig wird sein Andenk eir. währen auf Erden." Vom Ruhme seines immensen Wissens, der allerdings mehr in die Breite als in die Tiefe ging, künden große Werke in hebräischer, lateinischer, portllgiesischer, holländischem und französischer Sprache, die nur mehr als Zierden der Bibliotheken leben. Seine große Mission zur Emanzipation der englischen Juden jedoch bleibt unsterblich und Mendelssohn hat dieser That ein Denkmal gesetzt durch die classische Uebersetzung der „Rettung Israels". Der Sarkophage gibt es in Ouderkerk viele. Und welch' wundersame Erscheinung! D'.e herrlichsten Reliefs kann man auf Marmortafeln bewundern! Ganz gegen jüdisches Gesetz und jüdischen Brauch!. Hier sehen wir in feiner Ausführung auf dem Grabdenkmal eines „treuen. Dieners feines Herrn" den frommen Knecht Elieser mit seinen Kameelen; dort unter einer geknickten Cedernpalme eiMweinendes Weib; hier einen Rosenstock auf dem Grabsteine eDer holoen | Jungfrau; abgesehen von den gewöhnlichen Emblemen der j Priester und Leviten prachtvolle Arabesken, ConvolutM Sternenmuster, schlanke Säulchen, Scenericn aus der GeschWte Israels alter und jüngerer Zeit. All' diese traurige HerMchkeit gibt ausgezeichnet „die Auswahl von Grabsteinen auf Um niederländisch-portugiesische» Begräbnisplatze von v. 8. <|e Castro" wieder, ein Werk, das für die Familiengeschichte des Sephardim. in Amsterdam von großer Wichtigkeit und von hohem künstlerischem Interesse ist. Müde des vielen Sehens und Lesens verlassen wir diesen „guten Ort" und treten hinaus in das stille Dörfchen. Ein wahres Muster der peinlichsten Sauberkeit. Von einer alten Amstelbrücke ans lassen wir den Blick nach Amsterdam schweifen; eine geradezu entzückende Fernsicht; die nur für Holland charakteristischen Bilder und Beleuchtungen prägen sich unauswischbar ein. Im Dörfchen steht Hänschen an Häuschen, stoß Gärtchen an Gärtchen. Die Straßen find mit hartgebrannte 1 Schmalziegeln gepflastert und werden allwöchemlrch einmal ausgewaschen! Wo findet man noch solchen Oelanstrich wie in Holland? Offenbar hat der Lufteinfluss zu dieser vorzüglichen Methode gezwungen, die die schädliche Feuchtigkeit abhält. Die Niederländer wissen sich überhaupt gut gegen Außen zu decken und schützen sich gegen verderblichen Einfluss des Auslands. Nun aber geht es an die Heimfahrt, nachdem wir.'vorher in einem am Wasser gelegenenen Garten einen köstlichen schwarzen Kaffee getrunken und dazu eine kräftige Cigarre geraucht, die man hier um einen Spottpreis tu vorzüglichstem Gediegenheit bekommen kann. Während der Fahrt ist es Nacht geworden. Gefpensterhast fliegen die tiefdunklen Windmühlen an uns vorüber; wunderbar spiegeln sich die Lichter im Ge-; wässer. Wir kommen heim und entgegen tönt uns der Lärm der Großstadt, der uns nach der feierlichen Ruhe in On^er-

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