Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Ceite 4. Die Wahrheit. Nr. 4. Die Cultusgemeinde wäre somit in allernächster Zeit gezwungen gewesen, aus eigenen Mitteln den Ausbau des Spitals durchzusühren und für diesen Zweck einige hunderttausend Gulden aufzuwenden. Nun da sie durch die Munificenz des Freiherrn v. Rothschild dieser Ausgabe enthoben 'wurde, hätte der Vorstand aus kleinlichen, persönlichen Bedenken, die weder mit dem Judenthum noch mit der Religion etwas zu thun haben, die Schenkung zurückweisen sollen? Wir sind überzeugt, dass selbst ein Vorstand, bestehend aus lauter Mäcknern von der Mischen Volkspartei, nicht so handeln würde, und wenn er Lies, verblendet von Schlagworten, denen nur die gedankenlose Masie ohne jede Ueberlegung folgt, thäte, beging er dadurch «ine Versündigung am Judenthum, und einen Frevel am Säckel der Gemeinde. Wo es sich um so wichtige allgemeine Interessen handelt, müssen alle persönlichen Rücksichten in den Hintergrund treten, und wer bei Lösung derartiger Fragen sich von lleinlichen Gesichtspunkten leiten lässt, der leistet Dem Judenthum keinen besonderen Dienst. Wir sind fürwahr schon genug zerrissen und zerklüftet, wozu denn noch die Gegensätze, die zwischen den oberen und unteren Schichten unserer Glaubensgenossen naturgemäß bestehen, unnöthiger Weise verschärfen? Es mag ungemein Populär sein, immer gegen die Großjuden und gegen den Eultusvorstand, als Beschirmer derselben, losznziehen; aber nicht besonders klug ist es, durch derartige haltlose Anklagen Lie besitzenden Kreise aus der Leitung der Gemeinde hinauszuekeln und ihre schon so oft bewährte Opferwilligkeit für das Judenthum allmälig zu tödten. Wer gerecht sein will, muss nicht nur nach oben, sondern auch nach unten die nöthige Unabhängigkeit bezeugen und darf nicht durch Misbrauch von Schlagworten die eine Richtung gegen die andere ausspielen. Im einträchtigen Zusammenwirken beider liegt das Wohl der Gesammtheit. _ Arber den hebräischen Unterricht an den Oberclalse» der GiMiiasir» nnd Realschule». Von RabbinerZDr. Daniel Fink. IV. Mögen nun unsere Gründe von noch so durchschlagender Natur sein, den zärtlichen Herzen der Eltern gegenüber versagt ihre überzeugende Kraft. Will es mit logischen Einwürfen nicht gehen, so verlegen sie sich aus Milderungsgründe. In ihrer Geltendmachung sind sie so unerschöpflich, dass, wollte man sich davon bestimmen lassen, alle pädagogischen Grundsätze bald aufgehoben wären. — „Aber die heißen Schweißtropfen, welche die armen Kinder beim Erlernen der hebräischen Vocabeln vergießen müssen! Sind sie doch anderweitig ohnehin schon so sehr in Anspruch genommen!" So und ähnlich hören wir oft Vater und Mütter uns entgegnen. Aber von der Nachsicht allein kann man doch auch nicht in der Schule sein Leben fristen. Wer einen gerechten Anspruch darauf hat, dem wird sie — ein Religionslehrer zumal doch ohnehin nicht versagen. Nur kann man darauf allein nicht den gesammten Unterrichtsbetrieb gründen. Eine gerechtere Oekonomie im häuslichen Fleiße könnte hier ausschließlich den Uebelstand beheben. Der Religionsunterricht kommt in demselben gerade deswegen stets zu kurz, weil man ihn immer — wie wenn er das Aschenbrödel wäre — auf den lefcten Platz schiebt. Was nun den Schweiß anbelangt, zso ist nicht zu vergessen, dass der das beste und zugleich unerlässliche Bindemittel für Gedanken bildet. Ohne ein solches verwiegen isie, ihrer ätherischen Natur gemäß, wie der Wind. Es wird heutigen Tages viel darüber verhandelt, ob es nicht besser wäre, eine der beiden klassischen Sprachen in den Gymnasien abzuschaffen und die diesbezüglichen Kenntniße aus -geeigneten Übersetzungen zu schöpfen. Selbst wen»; die Technik -es Uebertragens aus einer fremden in jdie Muttersprache schon Ho weit gediehen wäre, dass sie zu einem vollkommen ebenbürtigen Ausdrucke des in der anderen Sprache niedergelegten Gedankens gelangen könnte, wird dieser Weg sich dennoch als ungangbar erweisen. Dies aus dem einfachen Grunde, weil das aus dem Kitte der Mühseligkeit gefertigte Bindemittel dabei in Fortfall käme. Alle jene geistigen Genüsse, die einem mühelos auf dem Präsentirteller aufgetragen werden, halten genau so lange vor, wie der Gaumenkitzel nach einem guten Gericht. Man hat noch nie etwas davon gehört, dass die eifrigen Besucher von Theater- und Opernvorstellungen, durch die ihnen dargebotenen Kunstgenüsse allein mid ohne besondere Studien zu großen Künstlern sich herangebildet hätten. Wenn es selbst einen Nürnberger Trichter für derartige Dinge gäbe, so würde ich dessen Gebrauch jedem Schüler ernstlich widerrathen. Denn seine beiden Oeffnungeu werden jedenfalls jenes Wechselverhältnis aufeinander ausübeu, nach welchem die Wirkung .ihre Ursache wieder aufhebt. Kein Geringerer als Lessing hat das Streben nach Wahrheit, trotz der etwaigen Gefahr, von einem Jrrthum in den anderen zu verfallen, höher gestellt, als ihren unbeschränkten Besitz. Der Araber gar verfällt in eine Art überschwänglicher Huldigung, indem er seine Junger zu unverdrossenem Streben nach Erkenntnis auffordert. „Lernet die. Wissenschaft'" mahnt er, — für ihn erschöpft sich ihr Inbegriff in der Religion — „denn ihr Studium bedeutet Wohlthun; ihre Erforschung — Gottesdienst; ihre Erwähnung — ein Gotteslob; über sie verhandeln — einen heiligen Krieg; sie dem Unkundigen beibringen — Liebeserweisung; sie unter seinen Angehörigen verbreiten — rechte Anhänglichkeit. — Denn die Wissenschaft ist die Leuchte der Paradiesbewohner, sie ist ein Freund in der Einsamkeit, ein Genosse in der Fremde, ein Berather in der Verlassenheit, ein Wegweiser zur Freude, ein Helfer in der Noth, eine Zierde dem Freunde gegenüber, eine Waffe gegen den Feind, ein Weiser auf den rechten Weg, ein Helfer im Tode, ein Tröster im Grabe, ein Fürbitter bei der Auferstehung und das Oberhaupt im Paradiese." —Sollten alle die gedachten Wohlthaten etwa unseren Jünglingen mühelos in den Schoß fallen? Das tväre denn doch zu viel verlangt. Ist es uns mit der Religion ernst, so werden wir dafür zu sorgen haben, dass unsere Kinder sich auch der erforderlichen Muhe und, wenn es sein muß, auch des sauren Schtveißes nicht verdrießen lassen. Es wird ja auch sonst daran nicht gespart. Trotz alledem wollen wir in ihrem Interesse und in dem der guten Sache keine übermäßigen Ansprüche in der Richtung an sie stellen. Im Uebrigen ist es ja auch gar nicht der gedachte Umstand, der au und für sich die Schüler so sehr in Zorn bringt und dem Religionsunterrichte gegenüber oft mit Widerwillen erfüllt. Es kommt ihnen gar nicht so sehr aus ein paar Vokabeln mehr oder weniger an, sondern darauf, dass sie ihre Muhe nicht für einen ihnen nicht einleuchtenden Zweck vergeuden. Kinder vertragen auch einen harten Herrn — wenn anders er nur gerecht ist. Nur eines können sie nimmer verwinden — das ist die Seichtheit. Da es nun einmal ohne einen gewissen Vorrath von Worten und Formen nicht abgeht, so kann es sich höchstens darum handeln, zwischen den unerlässlichen Anforderungen, die der Gegenstand stellt, und der Neigung zu möglichst geringen Zugeständuißen, von welch.1 Eltern und Schüler gleichmäßig erfüllt sind, die richtige 'cittellinie zu ziehen. Dort, wo man in übelangebrachter Nachsicht unter jenes Mindestmaß hinabgeht, wird der Unterricht zu einer Art Carricatur herabgewürdigt. In Ermangelung der nothwendigen Grundlagen. kommt der Schüler niemals in die Lage, seine Kraft selbständig an dem Gegenstände zu bethätigen. Der Unterricht muss unter solchen Umständen in die reinste Salbaderei ausarten. Der Lehrer kann alsdann nur lauter Streiche gegen die. Lust führest. An die Köpfe dringt er niemals. Der Schüler ist am allerwenigsten geneigt, sür die Bethätigung dieser zärtlichen Rücksicht dem Lehrer Dank zu wissen. Wie softte er nur auch dazu kommen? Wäre doch der Religiouslehrer der einzige im ganzen Collegium, der seinen Lehrvorgang auf dem Grunde solcher Voraussetzungen aufbautc. Der Sachverhalt wird alsdann aller Wahrscheinlichkeit nach die entgegengesetzte Wendung nehmen. Wer weiß, ob der