Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Administranon Wien. H/I. Novaragaffe 27. 20 Heller ver NoM'areille-ijeil«. NdonnementS- und Insertion«, beträft» sind in Wien zahlbar. St. t. österr. Postsparcaffa Lheck-Conto Nr. 846-.251. rmckPiigige ffet MD« filiere (feil. Erscheint jeden Freitag. Motto: ,Das Siegel Gottes ist Wahrheit!' Lez»zrßr«i»: «an,jährig Halbjährig Ä. 12.- K. 6.- FSr Lultusbeamte: Ganzjährig . . . si. 10.— Für Ausland: Ganzjährig .... 8 Watt 6 Rubel oder 18 Fre». Ar. 4. Wien, 24. Jänner 1902. Inhalt: Das Wiener israelitische Spital. — Ueber den hebräischen Unterricht an den Oberclaffen der Gymnasien und Realschulen. — Reisebriefe aus Holland. — Die heilige Schrift. — Rabbi Abraham Prager. — Das Kaddisch-Gebet. — Zur Organisation. — Obercantor Naftali Tiger. — Briefe aus Deutschland. — Verschiedene Nachrichten. Das Wiener israelitische Spital. Die eingehende Besichtigung des neuen Znbaues zum Rothschild-Spital, die uns am Tage vor der Uebergabe desselben durch das Baucomite an den Bauherrn vergönnt war, machte auf uns einen überwältigenden Eindruck. Aus unserer Jugenderinnerung tauchte, wohl in etwas nebelhafter Ferne, das Bild des alten Spitals in der Scegaffe auf, das bei aller Beschränktheit des Raumes und der Dürftigkeit der inneren Einrichtung gar nicht besonders von dem durchschnittlichen Typus der damaligen Wiener Krankenhäuser abstach. Welche gewaltige Fortschritte haben seit jener Zeit medizinische Wissenschaft und ärztliche Kunst gemacht, und welch' immense Vergrößerung hat mittlerweile die Wiener Eultnsgemeinde erfahren! Das zeigt ein Vergleich des alten jüdischen Spitals mit dem im Jahre 1873 eröffneten Rothschild-Spitale, noch mehr aber mit dem fneuen Zubau, für eine chirurgische und gynäkologische Abtheilung, der eigentlich erst das Spital zur Höhe einer modernen, klinisch ausgestatteten Krankenanstalt erhebt. Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten uns bei der eingehenden Besichtigung des Hauses, und als wir am Tage der Uebergabe nochmals die hohen, luftigen, lichten und trotz alllr Einfachheit doch mit einem gewissen, heutzutage nothweudigen Luxus eingerichteten Kraukensäle durchschritten; als wir die prachtvollen und mit allen klinischen Behelfen ausgestatteten Operationsräume bewunderten und die ganze äußere und innere Technik des Hauses mit ihren manigfachen, in jedem kleinsten Detail die Anforderungen moderner Hygiene streng erfüllenden Einrichtungen anftaunten, um uns dann im Geiste die neue Anstalt in Function vorzustellen — da drängte sich uns die Ueberzeugung auf. dass hier der Wiener Cnltusgemeinde ein kostbares Geschenk fast mühc- und kostenlos in den Schoß falle, für welches sie Gott und den hochherzigen Gebern nicht genug danken könne, und von dem zur Ehre der Stifter und zur Ehre des Judenthums vielfacher Segen für. die leidende und forschende Menschheit ausstrahlen werde. Doch siehe da, von anderer Seite wurden wir bald eines Anderen belehrt, und so lasen wir jüngst im „Jüd. Volksblatt", dass der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde in seiner bekannten Nachgiebigkeit gegen gewisse Großjuden anlässlich der steberiiahme des. neuen Pavillons das Judenthum verrathen und verhöhnt habe, und es wurde ihm der Vorwurf gemacht, dass er nicht den Muth hatte, dieses Geschenk, über dessen Werth ohnehin nicht viel zu sagen sei, stolz zurückzu» weisen. Und dies alles, weil der Obmann des Baucomitßs ein getaufter Jude ist, und diesem bei einem angeblichen rem jüdischen Wohlthätigkeitsacte das erste Wort zufiel. Ganz abgesehen davon, dass der Vorstand der Wiener Cnltusgemeinde bei der erwähnten Uebergabe ebenso nur Gast des Bauherrn war, wie alle anderen geladenen Gäste und auf die Veranstaltung der Feier keinerlei Einstuss hatte, möchten wir die gegen ihn erhobenen Anklagen und Vorwürfe gerade vom Standpunkte der „Indischen Volkspartei" etwas näher beleuchte! und ihre Unhallbarkeit Nachweisen. Wir erinnern uns noch lebhaft, wie gelegentlich der letzten Wahlcampagile: gerade von den Rednern dieser Partei wiederholt betont wurde, dass der Vorstand der Cultusgemeinde sich nicht blos nur Verwaltungsagenden widmen dürfe, sondern mit weltumfassendem Blicke für die materiellen und socialen Bedürfniße der jüdischen Bevölkerung Wiens Sorge tragen müsse. Eine derartige Gelegenheit war nun geboten. Das Spital der Wiener Cultusgemeinde, das ohne eine chirurgische und gynäkologische Abtheilung nur ein Torso ist, musste unbedingt nach dieser Richtung eine Erweiterung erfahren, geradeso wie Budapest, Berlin und andere jüdische Großgemeinden schon früher daran gegangen waren, ihre Spitäler zeitgemäß auszugestalten. Hiefür war nicht nur die Erwägung maßgebend, dass unsere Glaubensbrüder und Glaubensschwestern bei chirurgischen und gynäkologischen Erkrankungen im jüdischen Spitale nicht genügend Aufnahme finden konnten und somit in den Stunden schwerster, oft das Leben bedrohender Leiden gezwungen waren, die christlichen Spitäler aufzusuchen, wo ihnen nicht immer mit „christlicher Liebe" begegnet wurde; sondern es musste auch dafür Sorge getragen werden, dass jüdischen Medicinern und jüdischen Aerzten, die bei der Ausbildung in ihrem Berufe in Folge der überhand nehmenden antisemitischen Strömung — und es ist ja bekannt, dass gerade zu den chirurgischen und gynäkologischen Kliniken den jüdischen Aerzten der Zugang möglichst behindert wurde — bisher mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, Gelegenheit geboten sei, ihrer klinischen Ausbildung ungestört und ungehindert z» obliegen, ohne die Aufnahme in einer Klinik mit dem Taufschein bezahlen zu müssen.