Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 3 ' re IBahrhen. S eile . Unbeliebtheit nicht stabilisirt werden kann, und nur vom Antagonismus der Parteien sein Hiersein fristet. Lauter unerquickliche, unhaltbare Zustände. Freilich gibt es Vieles in der Gemeinde, das faul ist und dringende Abhilfe erheischt, aber am unerträglichsten ist das stramme Autokratenthum im Cultusvorstande, das dem Absolutismus und dem Justament- Standpunkt ans ein Haar gleicht und schon viel Schaden und Unfrieden gestiftet hat. Darüber jedoch ein andermal, für heute wollen wir uns mit der Person des Sängergreises, Herrn Baruch Schorr, beschäftigen. Baruch Schorr, ein Sänger und Komponist zugleich, gehört zu jenen musikalischen Individualitäten, welchen das Gesangstalent mit in die Wiege gelegr wurde, das aber Dank den galizischen Verhältnißen des Vormärz sich nicht zu entsprechender Geltung durcharbeiten konnte. Von seinem Jüng-! lingsalter fast bis in das späte Mannesalter begeisterte und erbaute er seine Synagogengemeinde in der innern Stadt, woselbst er viele gottesdienstliche Neuerungen, unter anderem die Feier des Chanuka mit Jnstrumentenbegleitung einführte. Wer aber den Schluss ziehen würde, dass dieser Liebling der Stadtsynagoge eine rentable Stellung einnahm, dass er sich einen Sparpfennig beiseite schaffen konnte, oder dass die Gemeinde ihn für das Alter versorgte, damit er die Früchte seiner Halbjahrhundert langen chasanischen Thätigkeit in Ruhe i und Ehren genießen könne, der hat sich in unserer Gemeinde j arg getäuscht. Baruch Schorr sah dies ein, er verließ seine i Freunde und sein karges Stück Brod, um i\r Amerika sein j Glück zu versuchen. Dort soll er auch an der jüdischen Oper! lnitgearbeitet haben, was ihm die Misgunst und den Groll der Chaffidim zuzog. Vor zwei Jahren traf er nun als Siebziger wieder in seiner Vaterstadt Lemberg ein. Obwohl von seinen Freunden mit freudigem Jubel empfangen, stand ihm wieder das gleiche Hungerbrod in Aussicht, und so verließ er abermals Lemberg, wobei er freilich von der Gemeinde eine kleine Summe Geldes als Abfertigung erhielt und dagegeu das contractliche Versprechen geben musste, in Lemberg niemals mehr auf einen Cantorposten zu reflectiren. Allein das hohe Alter bei einem Chasan und Sänger gilt niemals als Vorzug, sondern vielmehr als ein unbarmherziges Memento zum Rückzug. Wie die Schwalbe jeden Frühling in ihrem alten Neste eintrifft, so kehrte unser Sängergreis in seine Heimat zurück, und auf stürmisches Verlangen seiner Anhänger und Freunde betete i er an den hohen Feiertagen unter großem Beifalle des Betpublicums vor. Und da merkwürdiger Weise die Vorbeterposten in fast allen großen Synagogen seit Decennien unbesetzt bleiben, ist es kein Wunder, dass sich die „Städter" daiür einsetzen, Baruch Schorr wieder anzustellen. i Was hilfts aber? Die Synagogenwähler treten ein- > stimmig für ihren Liebling ein, der Cultusvorstand aber steift! sich, unter Hinweis auf den ehemals contractlich geleisteten! Verzicht, gegen die Anstellung, indem er wie Shylock auf i strenge Erfüllung seines Scheines beharrt. Der Vorstand ging I sogar so weit, die Wahl der Gabbaim, welche mit der größt-! möglichen Stimmenzahl (140—102 Stimmen bei 140 Wahl-! berechtigten) gewählt wurden, zu annulliren und stimmlose Protectionsmenschen ans Ruder zu bringen, in der Erwartung, dass Letztere gefügige Werkzeuge des Vorstandes abgeben werden. Dies und ähnliche Vorgänge in der Gemeinde, vor allem aber der Non xossumus-Standpnnkt des Cultusvorftandes,gibt viel Anlass zur Unzufriedenheit und zu unnützen Zerwürfnißen in der Gemeinde. Wer aber logische Consequenz in diesem nackenfesten Vorgang des Vorstandes suchen und finden wollte, würde sich nach dieser Richtung vergebens bemühen. Zunächst fragt es sich, seit wann denn der Eultusvorstand seine Fürsorge den Synagogen so stark zugewendet hat? Wir wiffen nichts von all dem. Der Cultustempel und dessen Funktionäre sind ihm wohl stets am Herzen gelegen, die Einführung der Orgel ad majorem Bei gloriam und ähnliche Neuerungen sind ihm zu verdanken, und wenn auch der Cultustempel an Sabbathen oft kaum zwei Minjamin zählt, so ist dennoch der Wille löblich, das Gotteshaus zu verschönern und seinen Functionären das ' Leben möglich zu machen. So aber die altchrwärdigen Synagogen Lembergs trotz ihrer großen Beterzahl doch nicht in der Lage, sind einen anständigen Chasan zu bezahlen, dann erscheint es als Pflicht der Gesammtheit der Lemberger Gemeinde, für einen würdigen Gottesdienst Sorge zu tragen, die Chasanim mit dem Tempelcantor gleichzustellen und ihnen ebenfalls die Wohlthat der Altersversorgung angedeihen zu lassen. Der Chasan vertritt in der Diaspora den dienenden Priester und den singenden Leviten, welche in alter Zeit ebenfalls vom jüdischen Staate erhalten wurden. Die Synagogeubesucher haben das Recht, vom Obercantor, resp. Chasan, zu beanspruchen, dass er allsabbathlich vorbete und den Betern zu Herzen singe, auf dass sie in der Synagoge an den herrlichen altheiligenGesängen Erbauung finden, und dass der Jude, der eine ganze Woche hindurch schwerer Sorge ausgesetzt ist, im Gotteshause einen Moment der Sorglosigkeit genieße. Der Vorstand, insbesondere Herr Dr. Scheff, geht von einer irrigen Ansicht aus, wenn er behauptet: wer einen Chasan hören will, der soll ihn auch bezahlen. Das geht wohl bei einem Vergnügungs-Etablissement — und unsere besser fituirten Gemeiudemitglieder sind die fleißigsten Besucher des polnischen Theaters und haben auch das nöthige Geld für Colosseum und sonstigen Etablissements — allein, bester Herr Dr. Scheff, eine altehrwürdige Synagoge hat mit derlei Vergnügungs- Etablissements gar nichts gemein. Jeder Jude hat das natürliche Recht, an dem Gottesdienste an geweihter Stätte theilzunehmen und seine Seele durch die mächtige Zugkraft des Gesanges zu erheben. Früher oder später müssen ja doch die Synagogen als Gemeindeinstitute, wie etwa die Schule, unentgeltlich bem Betpublikum überlassen werden, mache man also den Anfang mit diesen so hervorragenden Meister-Chasan, diesem Priester, welcher 40 Jahre lang der Gemeinde gedient hat. Einer im Namen V ieler. Jüdischer Zchulverem für den 9. fiej. Viens. Sonntag, den 12. d. Vormittags, um 11 Uhr, fand die feierliche Einweihung der durch diesen Verein ins Leben gerufenen jüdischen Religionsschnle statt. Die Feier nahm einen sehr würdigen Verlauf. Unter den zahlreich erschienenen Gästen bemerkten wir die Herren Richard Rappapart. Cultusvorsteher Dr. Marcus Spitzer, in Vertretung der Cultusgemeinde Herrn Braun, den Obmann des Tempelvereines im 0. Bez., Herrn Gottlieb Bettelheim, in Vertretung des Talmnd-Thora-Vereines für den 14. und 15. Bez. die Herren Jacob Her; und Moritz Stern, Herrn Jacob Straßberg, Obmann des Schulvereines für den 10. Bez., Herrn Obercantor Bauer und Vertreter der jüd. Presse. Entschuldigt hatten ihr Fernbleiben: Oberrabbiner Dr. Güdemanu, die Cultusvorsteher Gottl ieb Taussig und Herrman Eltbogen n. A. m. In Vertretung des beruflich verhinderten Vereinsobmannes, Primarius Dr. Sigmund Kornfeld, eröffuete Vorstandsmitglied Jacob Kraus die Feier mit einer Begrüßungsrede an die Erschienenen, in welcher er aus die Entstehungsgeschichte des Vereines und seiner Schule hinwies, dailn dankte erden Gründern und Förderern des Vereines, dem „Jüd. Volks vereine" der Cultusgemeinde, den politischen und Schulbehörden nnd richtete sowohl an dieselben als auch an die übrigen Glaubensgenossen den Appell, diese echt jüdisch-kulturelle Institution auch in Zukunft thatkräftig zu unterstützen. Hierauf execmirte Obercantor Bauer in gewohnt meisterhafter Weise dasMah-Towu, »vorauf der Delegirte der Cultusgemeinde zu einer Erklärung das Wort ergriff, in welcher er versicherte, dass die Cultusgemeinde die Bestrebungen des Schulvereines mit Freuden begrüße und dieselben auch nach Thunlichkeit unterstützen werde. ^Herr Dr. Chajes übergab dann Schule und Schüler an die zum Unterrichte berufenen Lehrer, im Namen welcher Herr Rabbiner Dr. Rasens.ld über die Wichtigkeit des Zusammenwirkens der Eltern mit den Lehrern sprach. Mit einem Schlussworte des Herrn Jacob Kraus, welcher betonte, dass diese neue jüdische Cultusstäue weder gegen eine bestehende Institution, »roch gegen eine Körperschaft, sondern zum Wohle und Frommen des Judenthums ins Leben gerußeu wurde, schloss die erhebende Feier. Erwähnt seien noch die besonderen Verdienste des Herrn Max Pappenheim um das Zustandekommen der Schule.