Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 2 Seite t». 2)»e Wakrkett. Professor Philippsou wandte sich zunächst gegen die oft gehörte Anschauung, das Judenthum sei etwas veraltetes, und unterzog es zur^ Prüfung dieser Behauptung einem Vergleiche mit den übrigen Culturreligionen, insbesondere dem Christenthum md dem Islam. Eine Darstellung des Verhaltnißes zum Buddhismus fügte er dein Rahmen seines Vortrages nicht ein, . so interessant auch dies gewesen, wäre. Die jüdische Religion bedeutete zur Zeit ihrer Entstehung durch die Aufstellung des monotheistischen Princips einen bemerkeriswerthen Fortschritt. Kam im Mosaismus, der ersten Phase jüdischer Religionsentwickelung, zumal der wichtige Zusammenhang zwischen der moralischen und sociale,i Beschaffenheit eines Volkes zum gesetzgeberischen Ausdruck, so begründete als die zweite Phase der Prophetismus, die von Zeit und Ort losgelöste allgemeine Morallehre mit ihrem Prineip der Unsterblichkeit. Dadurch 'eien die Inden die Träger der religiösen Bewegung der ganzen Menschheit geworden. Die dritte Phase ihrer Religionsentrvickluug. wie sie der Talmud darstellt, haben um die später in alle Welt zerstreuten Juden eine feste Mauer von Riten und Ceremonien gezogen, hinter der sie inmitten fremder Völker rmd Religionen die Träger des reinen Monotheismus geblieben 'eien. *Er besprach die einzelnen Phasen in der Entwicklung des Christenthums, indem er dessen allmähliches Werden in eine enge Parallele mit den religiösen Fortschritten der spätjüdischen Zeit brachte. Auch der Islam stehe in enger Beziehung zum Judenthum. Gerade durch die echt jüdische Einfachheit des Gottesbegriffes habe er sich jene Völker erobert, welche die complicirte christliche Lehre nicht verstehen würden. Im Fatalismus. dem es wohl seine ersten rasche Gefolge verdankte, liege der Grund für die Unmöglichkeit eines Fortschrittes, deshalb besitze der Islam »richt im entferntesten die Entwicklungsfähigkeit des Christenthnnls. Redner hält schließlich die Mission des Judenrhulns noch nicht für vollendet, die darin bestehe, die Lehre des Monotheismus und die daraus erfließende Moral in seiner besonderen Art aufrecht zu erhalten. Heute schon bestehe thalsachlich zwischen dem liberalen Christenthum und dem liberalen Judenthum keine unüberbrückbare Kluft. Die Ansführungcu des Vortragenden fanden anhaltenden Beifall. Am 8. d. fand im „Hotel Bristol" ein Vortragsabend des „Jüdischen Frauenvereines" statt, der sehr gut besucht war. Die Präsidentin, Frau Sophie R o u b i t s ch e k, Inhaberin eines Mädcheripensionats, hielt einet» sehr anregenden Vortrag über „Hebräische Dichtung", in welchem ausgeführt wurde, dass die hebräische Lirteratur in drei große Perioden eingetheilt werde, und zwar: in die althebräische, neuhebräische und in die neueste Litteratr»r. Die erste Epoche beginnt mit dem 3. Jahrtausend v. Ch. Mit der Exilirung der Juden versiegte die Poesie, lebte aber bald wieder auf. Die Bibel ist das erste Denkmal dieser Poesie, die alle dichterischen Gebiete umfasst und in einen Hymnus auf die Allmacht Gottes aus klingt. Sie besteht aus einem geschichtlichen und einem poetischen Theil; der erste ist wichtiger, der zweite interessanter. Dort finden sich auch das ergreifende Abschiedslied Moses, welches die Vortragende in hebräischer Sprache recitirte; ferner die Siegeslieder Mirjam's Mch Deborah's. Mit David's Gesängen beginnt die Blüthezeit jpfeer didaktischen Poesie; diese Psalmen sind das Erbauungsbuch 4>er Menschheit geblieben. In den Sprüchen Salomous tritt ' bas didaktische Motiv besonders hervor. Im Buche Hiob ist das Faustmotiv der hebräischen Dichtung enthalte». Der Pessimismus ist der Grundgedanke im Buche Koheleth und in den Klageliedern Jeremias. Die Reden der Propheten ersetzen das Epos. In Jesaia's Schriften wird mit edlem Styl der zukünftige Bölkerfriede geschildert. Das Buch Dauiel gehört einer späteren Epoche an. Den Grundzug der biblischen Liüeratur bildet die Freisinuigkeit und Duldung. In den Schriften des Propheten Jona tritt die Tendenz zu Tage, dass dikr Ungehorsam Unheil im Gefolge hat. — Das Buch Esther ist «in Serailroman, der im 3. Jahrhuudert vor Christi entstanden sein soll; er enthält viele persische Ausdrücke. — Die zweite Periode, die neuhebräische Zeit, ist der Uebergang in die jüdischhellenische Richtung, wo unter den in Alexendria lebenden Juden die Sexuaginta entstand; da entstanden auch der Midrasch und der Talmud. Der Talmud zerfällt in die Halachah (Gesetzauslegungen) und Hagadah (Erzählungen). Die Form in dieser unermessliche» Encyclopädie ist nicht immer rein, aber das Streben nach Edlem tritt überall sichtbar zu Tage. Der jerusalemitische Talmud ist rein hebräisch, der babylonische, umfassendere, enthält sehr viele aramäische Worte. In der Folg: entwickelte sich die Sygnagogatpoesie; da entstanden die Gebete, deren Hauptinhalt die Klage um Zion ist. Ihre Glanzperiode erreichte die nenhebräische Dichtkunst in Spanien unter der Herrschaft der Araber. Unter den bedeutendsten Dichtern jener Epoche, ragen hervor: Satamon Jbn Gabirol, Jbn Esra und Jehuda Halevy, den Heine dem deutschen Publicum näher gebracht hat. — Die Vorlesung zahlreicher Dichtungen aller Epochen, welche von der Vortragende» mit tiefer Empfindung recitirt wurden, ergänzten die fesselnden Ausführungen, welche lebhaften Beifall fanden. — Ein zweiter Vortrag über die moderne hebräische Dichtung wird demnächst folgen. * Auch eine Tohnb eeh a l le wird dieser Tage hier in Prag ins Leben treten. Ein vorbereitendes Co.nito, aus zahlreichen Bildungssreunden bestehend, wird am 15. d. M. im „Hotel Bristol" eine Versammlung einberufen, in welcher sich der neue Bitdniigsoerein conftitniren wird. Dieser Verein geht mit den Autialkohol Vereinen Hand in Hand, denn er bezweckt, die Arbeiterklasse vom* Besuche der Wirtshäuser abznhalcen uiiö ihnen in den Abendstnilden durch gesellige Veranstaltungen, durch populäre miffenschastliche, künstliche um religiöse Vorträze Zerstreuung, Belehrung und Erbauung zu bieten. Die Vortragsabende sollen hier vorläufig 3 mal wöchentlich stattfindeu. Sie werden ohne Entree allgemein zugänglich sein und wird an denselben allen Besuchern gratis Thee und Backwerk verabreicht. Zahlreiche Damen der jüdischen Gesellschaft haben sich bereit erklärt, die Hausfranenpflichten zu erfüllen und die Bedienung der Gäste zu besorgen. Die Mittel der Bewirthung werden aus freiwilligen Spenden bestritten. Das Local stellt die hiesige israel. Cnltusgemeinde gratis zur Verfügung. Ihren Namen trägt diese Institution, die sich in zahlreichen Städten glänzend bewährt, nach dem englischen Philanthropen T o y u b e e, der diese segensreiche Institution begründete. In Wien ist der Besuch der Toynbeehalle, die allabentlich geöffnet ist, ein so starker, dass einzelne Vorträge an einem Abend mehrmals wiederholt werden müssen und jedesmal eine neue Zuhörerschaft den Saal füllt. Lin Sängergreis in Lrodnöthen. Als ob die politischen, socialen und ökonomischen Verhältniße der Juden in Galizien so gar nichts zu wünschen übrig ließen, und die Affemiten und Hamaniten zu Gunsten Israels in geschworene Judenfreunde sich meiamorphosirt hätten, kocht und brodelt es in der Gemeinde Lemberg wie in einem sprungfertigen Krater. Der Cultusvorstand aus der einen Seite, die Gemeinde auf der andern Seite. Letzteres bedarf wohl, wenn man ein wahrheitsgetreues Bild von den Vorgängen liefern will, einer gewissen Einschränkung. Die Gemeinde Lemberg befindet sich nicht ganz im Lager des Cultusvorstandes. Einen großen Theil der Optimisten hat unser Dreidutzendvorstand mit dem „B lei-Bcith" an sich zu binden verstanden, während die breiten Schichten der Gemeinde je nach der Richtung ihrer religiösen und politischen Anschauungen in Parteien gespalten sind. Wir wollen au dieser Stelle nicht in die Biologie unserer Gemeinde eingehen, sondern nur im Allgemeinen feststellen, dass wir einen Verfassungsconflict schweren Kalibers haben, welcher seit mehreren Jahren Proteste über Proteste häuft, die von den Vertretern der konservativen Richtung foccirt werden. Wir besitzen auch einen Fortschritlsrabbiner, der seit Jahren wegen seiner besonderen