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Die Wahrheit · 1902-01-17 · Heft 3 (17.1.1902) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 3 (17.1.1902)
Date
1902-01-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seiles. Die Wahrheit. vtr. 3. Mahlzeit, oder von einem Tischgebete! Wie verschwindend gering ist die Zahl derer, die ein Morgenein Nachtgebet auch nur dem Namen nach kenneuj! Die in der Hinsicht dem Lehrer so oft widerfahrenden Vorhaltungen müssen wir in diesem Falle au das Elternhaus weitergeben. An der interconfessionellen Schule gibt es in der That gar kein Mittel, mit welchem diesem Uebelstande abgeholfen werden könnte. Möchten sich doch die jüdischen Eltern ihrer schweren Ve.r auuvortung nach der Richtung voll und ganz bewusst werden! Wenn der Sterbegesang bei so vielen in die bekannte Melodie „Keine Messe wird man lesen, feine» Kadosch wird man sagen" — ausklingt, wen anders als^ sich selbst wollen die Eltern hiefür verantwortlich machen? Ein derartiger Gedanke hätte früher das Elterliche Herz während des ganzen Lebens nicht zur Ruhe kommen lassen. Es ist merkwürdig,.wie gleichgiltig so viele auch schon in diesem Belang geworden sind, zumal sich hierin die höchsten und die edelsten Anliegen des eigenen Herzens mit denen der Religion auf gleicher Linie bewegen. Nichts kann so sehr wie dies die Thatsache beweisen, dass das jüdische Herz in seinem gesunden Empfinden vielfach bereits die schwersten Störungen erfahren hat. Unsere Religion fasst ihre Bekenner nicht als eine geist- und willenlose Heerde auf, der man jede religiöse Aeußerung seitens ihrer Wächter dictiren und, wenn erforderlich, auch aufzwingen müsse. Indem sie jede abgegrenzte Gesammtheit als Gemeinde anerkennt, gesteht sie sofort der freien Selbstbestimmung nicht bloß volle Berechtigung zu, sondern erhebt sie sogar zu einem der ausschlaggebenden Faetoren. Soll jedoch dieser schönste Vorzug nicht in den schmählichsten Nachtheil Umschlagen, so müssen wir uns darein finden, von demselben einen gar vorsichtigen, wohlweisen Gebrauch zu machen. Die Eltern werden daher angelegentlichst bemüht sein müssen, die zarten Gewissen der Kinder auch für die Gott gegenüber zu erfüllenden Pflichten unausgesetzt zu schärfen. Durch solch unverdrossene Beständigkeit kann man bei ihnen geradezu Wunder wirken. Anderseits unterliegt es keinem Zweifel, dass eine Nachlässigkeit nach der Seite hin, ob kurz oder lang auch ihre allgemeine moralisch-religiöse Haltung in Zerrüttung bringen wird. Auch der jüdischen Gesammtheit erweisen sie durch Verhütung solcher Schäden den höchsten Dienst. Dieselbe wird sich in den Stürmeil der Zeit nur dann und in dem Maße zu behaupten imstande sein, als sie sich aus begeisterten und lebenskräftigen Mitgliedern zusammensetzt. Au den Eltern aber liegt es, ihr diesen Nachwuchs zuzuführen. Sie tragen der Zukunft gegenüber die Verantwortung. Hier liegen die Wurzeln unserer Kraft. Wenn der Schaden uns an denselben greifen sollte, so hätte das Judenthum auf den Sand gebaut. Wir kommen nun zu einem der wundesten Punkte in unserem Unterrichtsbetrieb. Es ist dies das Einprägen der erforderlichen Vokabeln und das Pensum in der Grammatik. Hebräisch möchte man schon allenfalls über sich ergehen lassen, wenn nur nicht die leidigen Vokabeln und der lästige grammatische Ballast dazu käme. Allein, wie sollen wir es nur ohne diese anfangen, da doch nun einmal aus Wort und Form sich jede Sprache ausbaut, die hebräische ebensogut wie jede andere des Alterthums oder moderner Zeit.) Ja, der Begründer unserer modernen Schule, der berühmte Pädagoge Pestalozzi, gieng sogar so weit, das gesammte menschliche Wissen auf die drei Kategorien — Wort, Form und Zahl — zurückzuführen. Wenn wir auch heutigen Tages weit davon entfernt sind, mit dieser logischen Einseitigkeit wirklich Ernst zu machen, so wird man doch auf allen Seiten zugeben, dass Wort und Form für die menschliche Erkenntnis einen unschätzbaren Wert besitzen. Sie bilden, wenn ich so sagen darf, das Element, ay .Welchem unser gesammtes Wissen unauflöslich haftet.^ Dasselbe-rMt überhaupt nur so weit, als der menschliche Geist es in WÜrte zu fassen imstande ist. Jenseits dieser Grenze hört unser-Wissen auf. Ist man über diese Sätze ins Reine gekommen, so muß es sofort an den Tag treten, dass man den israelitischen Religionslehrer vor unhaltbare Zumuthungen stellt, wenn man ihm einen Standpunkt außerhalb derselben anweist. Es ist meines Wissens auch noch nie an den Lehrer einer anderen Sprache die Forderung gestellt^, worden, dass er dieselbe mit Umgehung dieser beiden Elemente lehre. (Fortsetzung folgt.) Erweiterung des Wiener ismel. Zpitals. Die hochherzige Mnnificenz der Freiherren Nathaniel, Ferdinand und Albert v. R o t h f ch i l d, die in pietätvoller Ehrung ihres seligen Vaters das von demselben erbaute Spital der Wiener Cultusgemeinde durch Zubau eines chirurgisch-gynäkologischen Pavillons ergänzten, hat das Rothschild- Spital nunmehr auf die Höhe einer für alle Gebiete der Heilkunst reich ausgestattete Musteranstalt ersten Ranges gebracht, auf welche die Stifter sowohl, sowie Diejenigen, die an ihrem Baue und ihrer Einrichtung Antheil nahmen, und gewiss auch die Wiener Cultusgemeinde mit berechtigtem Stolze blicken können. Die Uebergabe des Erweiterungsbaues seitens des Baucomitvs an den Bauherrn, und von diesem an die Cultusgemeinde fand Sonntag, den 12. d., um 12 Uhr Mittags, iu einer einen privaten Charakter tragenden Feier statt, zu welcher die Einladungen vom Baucomite ansgegangen waren. Zur genannten Zeit hatten sich in einem Pavillon des israel. Spitales eingefunden: der Statthalter Graf Kielniansegg, Freiherr v. Clumecky, Freiherr Albert v. Rothschild, Sectionschef v. Kusy, Hofrath Prof. Dr. Chrobak, Hofrath Prof. Dr. Schauta, Hofrath Prof. Dr. Zuckerkandl, Pros. Dr. Benedikt, ^-tatthaltereirath Roretz, die Regierungsräthe Dr. Gersuny, Prof. Dr. Oser und Witlacil, Oberrabbiner Dr. Güdemann, der Präsident der Cultusgemeinde kais. Rath Heinr. Klinger, der Vicepräsident Landesschulrath Dr. Gustav Kohn, die Cultusvorsteher Abgeordneter Auspitz, Docent Dr. Breuer, Salo Cohn, Architect Fleischer, Baurath Ritter v. Goldschmidt, Docent Dr. Grünfeld, Emil Horner, Dr. Katzau, Dr. Kuranda, Wilhelm Kuffner, Oberiugenieur v. Mises, Commercialrath Leopold Pollak, kais. Rath Wilhelm Pollak, Oberfinanzrath Dr. Rappaport, Bezirksschulrath Dr. Spitzer, Dr. Stein, Ritter v. Taussig, Commercialrath Weil; ferner I. Secretär kais. Rath Dr. Lieben, Gemeinderath Zifferer, die Docenten Dr. Fleischmann, Dr. Zuckerkandl (die für die beiden neuen Abtheilungen bestimmten Primarärzte), Primarius Dr. Schnitzler, Dr. Spiegler, Stabsarzt Dr. Pick, der Verwalter des Spitales Dr. Korany mit den Anstaltsärzten, der Cheftedacteur unseres Blattes Dr. Löwy, der Vorsteher der Armenanstalt Josef Jelljnek, Vertreter mehrerer humanitärer Institute rc. Der Obmann des Baucomitös Dr. Anton Löw begrüßte die zahlreich erschienenen Festgäste, in erster Linie Se. Excellenz den Statthalter Grafen Kielniansegg, dessen Verdienste um die Hebung der hygienischen Institutionen in Niederösterreich, sowie um die Förderung der sanitären Anstalten in Wien er rühmlich hervorhob. Sodann dankte Dr. Löw dem Freiherrn Albert von Rothschild, der im Vereine mit seinen Brüdern, den Traditionen seines Hauses folgend, mit dem neuerbauten Pavillon dem Andenken an seinen verewigten Vater Anselm ein unvergängliches Denkmal gesetzt habe, gleich wie dieser Wohlthäter vor einem Menschenalter zur Erinnerung an seinen Vater Salomon das alte Spital der israelitischen. Cultusgemeinde gestiftet hatte. „Sie werden," fuhr Redner fort, „ein vollkommen modernes. Spital, sowohl was den Bau, als die hygienischen Vorkehrungen und die innere Einrichtung in demselben betrifft, vorfinden. Das Baucomit« kann mit berechtigtem Stolze sagen, dass das neuerbaute Haus den besten Anstalten dieser Art an die Seite gestellt werden kann und dass das Vollkommenste, was wiffenschastliche Erfahrung und technisches Können möglich

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