Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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.; v Allgemeine Canloren-Zeitung. Nr. 2. Meitage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Are geehrte« Kerren Kantoren des In- und Anstandes werden ersucht, den Avonnements- Setrag für das neue Hnartat und die Aückstände vom vorigen Jahre umgehend einsenden zu wollen. Alois Lulka. Nach mehrwöchentlicher schwerer Erkrankung wieder genesen, beging der veranlwvetliche Redactenr unseres Blattes, Herr Alois Kulka, Donnerstag, den 9. d. seinen sechzigsten Geburtstag in vollsterkörperlichcr Frische. In jugendlicher Frische, müssten wir eigentlich sagen, denn wer da sieht, wie rührig und unverdrossen noch Kulka seinem anstrengenden journalistischen Berufe obliegt, mit welch beschwingter Elastizität er den mannigfachen Erscheinungen den großstädtischen Lebens nachjagt, um sie als Tageschronist zu verzeichnen, und wer anderseits Gelegenheit hatte, dem Zauber seiner schönen Stimme am Vorbeterpulte zu lauschen, der würde es kaum glauben,! dass der kleine bewegliche Mann mit den lebhaften Augen und dem schwarzen nur wenig angegrauten Lockenhaar die Schwelle der Sechzig betreten hat. Diese körperliche und geistige Negjamkeit hat Kulka einzig und allein dem von Schaffensfreudigkeit erfüllten ernsten Streben zu verdanken, das ihn in seinem Doppelberuse als Eantor und Journalist beseelte. Als Eautor gehört Kulka noch zu den Repräsentanten der alten Garde, die ihr Singen und Sagen an großen Meistern bildeten, und dem es auch vergönnt war, eine Zeitlang au der Seite Sulzers und Goldsteius zu wirken; an des letzteren zaubergewaltigen Ton erinnert auch die glockenreine Tenorstimme Kulka's. Seine cantorale Wüksamkeit führte ihn nach Schoßberg in Ungarn, nach Botufchau in Rumänien, wo er vor mehr als 3 Jahrzehnten die dortige Judenverfolgung mitmachte und Berichte hierüber m der „Neuen freien Presse" veröffentlichte; durch zwei Jahre fungirte er auch in der Wiener Eultnsgemeinde im Range eines ersten Eantors, dann kam er als Obercantor nach Lundeuburg, rvo er wieder als von den höchsten Kreisen anerkannter Berichterstatter über die Hofjagden den cantoralen Berns mit dem journalistischen verquickte, und schließlich kehrte er wieder nach Wien zurück und amtirte durch mehrere Jahre als Obercantor in dem schon damals bedeutsamen Tempeloerein für Mariahils und Neubau. Von bedeutenden Eautorcn, die unter dem Einffuffe Kulka's ihre ersten Schritte ihrer beruflichen Laufbahn machten, seien Obercantor Birnbaum in Königsberg und Obercantor Lazarus in Budapest genannt; erster er war in Schoßberg bei Kulka „Singerl", letzterer wirkte au seiner Seite durch 5 Jahre als 2. Eautor in Lundeuburg. Hervorragend war Kulka's Antheilnahme an der Gründung der „Oesterr.-ungar. EantorenZeitung" und des „Oesterr.- ziaacv. Eantoren-Vereines". Besonders in der ersten Zeit ent-- wickelte er in der Zeitung eine rege publicistische Thätigkeit und war mit Leib und Seele für die Organisation der Eantoren thatig. Diese Verdienste sichern ihm für alle Zeit den aufrichtigste»! Dank seiner Berufsgeuossen. Rach seinem Rücktritte von dem Mariahilfer Eantorposten widmete sich Kulka ganz dem journalistischen Berufe und fand in derselben AürelckWMig und Auszeichnung hoher .und allere höchster Kreise. Gk'W auch Ritter des Takowa-Ordens und Besitzer des Sonnen- und Löwenordeus. Allein ganz losgetrennt hatte er sich niemals von seinem cantoraleu Berufe.' Abgesehen davon, dass er als verantwortlicher Redactenr der „Cauiorrn- Zeitung" stets mit inniger Sympathie an seinen Berussgenossen hing, kehrte er alljährlich zu den hohen Festegen zu dem Vorbeterpult zurück, indem er seit 17 Jahren die Mussaf- Function bei dem von der Wiener Cultusgemeiitge zu Rosch- Haschonoh und Jom Kippnr im großen Musikvereins-Saale alljährlich veranstalteten Gottesdienste versieht und mit seiner herrlichen Stimme, dem Zauber der traditionellen Melodien und seinem weihevollen Vortrag die Zuhörer entzückt und zu frommer Andacht leitet. Es ist nur ein kurzer und flüchtiger Blick aus das Leben Alois Kulka's, aber selbst dieser flüchtige Blick genügt, um eine inhaltsreiche Lebensarbeit erkennen zu lassen, die besonders den Dank und die Anerkennung der Bernsskreise herausfordert. Und diese werden es gewiss nicht verabsäumen, dem wackeren Mann zu seinem 60. Geburtstage den schuldigen Tribut werthschätzender Verehrung darzubringen. Nachklänge des Cantorentages. Von P. Minkowsky, Obercantor in Odessa. (Schluss.) Die Geschichte des 19. Jahrhunderts ist reich au Kämpfen zwischen dem Träger der Tephila und dem Träger der Predigt. Sehr richtig bemerkte Dr. Frank aus Köln in seiner Rede an den jubilirenden Eantor Blumenthal, indem er sagte: „Sie haben mich reden lassen, und ich habe sie singen lassen.- Ein solch' doppeltes „Lassen" war nicht so leicht überall zu finden. Damit ist aber noch lange nicht bewiesen, dass die Predigt den religiösen Theil des Gottesdienstes übernoinmen habe. Wenn das „Schma Israel" des Eantors keine Religiosität enthält, um wie viel schwieriger dürfte es sein, dieselbe in der freien Rede des Rabbiners zu finden! Ganz abgesehen von den radical-resormirten Rabbinern, die in ihren Predigten sich alle Mühe gaben, unter der Hülle des Landespatriotismus Atheismus, christlichprotestantische Ideen oder Assimilation, die nach und nach mit dein gänzlichen Abfall ans de»n Judenthmn eiibete, einzuführen, entwickelten sich auch die Predigten vieler gemäßigter Rabbiner (selbstverständlich gibt es auch Ausnahmen), vielmehr zu einem künstlerischen, oratorische»» Ohrenschrnaus, als zu einem religiösen Vortrag. Weder der reiche Inhalt, noch der tiefe Glaube der Rede, sondern die äußere Form, die gekünstelte Homiletik, die geschickte Exegese, die blendende Rhetorik, Ne Effekte der Stimme und Mimik rc. wurden einzig und allein die Mittel einer gelungenen Predigt, und der synagogale Orator muss jetzt mehr begabt als gelehrt, geschweige denn religiös sein. Der durchschnittliche Prediger des 19. Jahrhunderts und besonders in America, wo Politik, Oeconomie und alle »nözlichen socialen Probleine auf der Kanzel besprochen werden, ist mehr dem Tribunen als dem Geistlichen ähnlich. Die besten modernen Predigten — bis auf einigen Ausnahmen — könnten als theologische oder philosophische Abhandlung besser in irgend einem anderen Locale als in der Synagoge vorgetragen werden. Bei aüer Wissenschaftlichkeit haben sie zur Förderung der Religiosität wenig beigetragen. Weiland Rabbiner Hirsch in Frankfurt und Rabbiner Hildesheimer in Berlin haben mehr durch Thaten als mit Reden wirkliche Religiosität in ihren Geineinden gepflanzt, „rtwyn sba nasn D'nm D'irj .*18*20 noan^V'1).' Auch vom musikalischen Standpunkte i}T die Anschauung Dr, Frankl's, dass der synagogale Gesang als pure Kunst, undconsequenter Weise der Eantor als Künstler zu betrachten ist, keineswegs richtig. Gesangssorscher und Musikhistoriker, wie Forkel, Ambros, Gerbert, Burney, Kiesewetter, Naumann, Swobüda rc. behaupten fast alle einstimm-g, dass der Gesang bei den Juden nie wie bei den Hellenen Kunst, sondern Gottesdienst gewesen ist. Es »vürde mich zu weit führen, Alles, was über diesen Gegenstand geschrieben wurde, hier zu citiren, aber em "-V