Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jir. 2. Oie Dahrheil. Seite 5. neuen Verdien stadels in Deutschland etliche scharfe Paragraphen ausgenommen und nach seiner Weise begründet, welche forderten, dass irgend jemand, der unter seien Ahnen bis zur vierten Generation rückwärts einen Juden oder eine Jüdin gehabt habe, von diesem neuen Adel ausgeschlossen bleiben müsse. Man sieht hier: Die Unterscheidung wird nicht gemacht zwischen Juden und Christen, sondern zwischen Juden und Ariern. Und nicht blos der verbitterte und schwarzgallige, übrigens außerordentlich gelahrte Antisemit de Lagarde machte eine solche Gegenüberstellung, sondern auch der greise und große freisinnige und philosemitische Geschichtsschreiber Mommsen. Allerdings zog dieser letztgenannte brave Mann aus der auch von ihm anerkannten Thaljache ganz andere Schlussfolgerungen, als es sein Göttinger College und dessen Gesinnungsgenossen gethan haben. 13. — Bei diesen Antisemiten offenbart sich eben, und das kann hier nicht ungesagt bleiben, nicht blos eine intellektuelle Verschrobenheit, sondern auch eine erschreckende sittliche Fäulnis. Sie treten ja allem ewigen Recht, aller wahren Humanität, aller echten Cnltur schroff entgegen; sie arbeiten ja an der Zerstörung der sittlichen Grundlagen, auf denen Gesellschaft und Staat ruhen müssen; sie bedrohen uns mit Zurückwersung in Barbarei und mit Verrohung der Gesinnung und des Lebens. Sie wollen es nicht gelten lassen, dass in einem auf Recht und Moral basirenden Staat Rechtsverkümmerungen, Rechtsberaubungen, actuelle Schädigungen und Verfolgungen ganzer Biugerclassen nicht Vorkommen dürfen, und dass in allen gesellschaftlichen und politischen Gemeinschaften humane Bildung, peifönliche Ehrenhaftigkeit, moralische Tüchtigkeit so gute, ja bessere Rechtstitel der Existenz sind, als die Zugehörigkeit zur teutonischen, zur gallischen oder zu einer anderen Race. 14. — Aus dem Proceß der Racenmifchung entsteht natürlich eine Mischrace. Man kann jedoch von einer eigentlichen Mischrace nur dann reden, wenn die sich mischenden Elemente in gleich großer oder annähernd gleicher Stärke vorhanden waren. So lange blos einzelne Familien aus einem Stamme heraus^und in einem anderen Stamm hineintreten, sind blos die Nachkommen dieser einzelnen Familien gemischten Geblütes. Da aber das Stammesthnm, ans dem sich solche Familien entfernt haben, in abnehnehmender geometrischer Progression ('/>' lla lU> Vie s« ff-) sich bei ihnen vermindert, und dasjellige Stammestyum, au das sie sich angeschlossen haben, in zmtehmender Progression sich stärkt (//3. 2/a, 7/8, lä/ie n. s. ff.) so verlieren sich die alten Stammeseigenthümlichkeiteu der ausgesogenen bezüglichen Familien gar bald; ebenso wie ^von einem Löffel voll Salz die Spuren endlich ganz und gar ver» loren gehen, nachdem man dieses Salz in einem großen Gesäße voll Wasser hat zergehen laffen, dem man dann später immer neues Wasser nachgoß. 15. — Nach dem Zeugnis der Geschichte sind im Laufe der Jahrhunderte unberechenbar viele Juden—meistens infolge barbarischer Verfolgungen — dem jüdischen Volk verloren gegangen und von anderen Volksstämmen absorbirt worden. Dagegen kamen seit etwa zweitausend Jahrenl ungemein wenige nichtjüdische Einströmungen in's Judenthum vor. Wenn man von den Chazaren absieht, deren Mehrheit übrigens nach neuern, von russischen Gelehrten vorgenommenen Forschungen bald wieder theils in's Christenthum, theils in den Islam zurnckgeffuthet sein sollen, so dürften seit dem ersten christlichen Jahrhundert, oder mindestens seit der Zeit, in welcher die christliche Kirche den oströmischen Kaiserthron bestieg, bis herab zum Jahre 1800 noch nicht einmal ein einziges Tausend Nichtsemiteu in das jüdische Volk ausgenommen und von ihm assimilirt worden sein. Aber was sage ich? Ein Tausend? Noch nicht einmal fünfhundert, vielleicht noch keine dreihundert. Wahrlich, das jüdische Volk ist eines der ethnisch reinsten Völker, die es überhaupt gibt. 16. — Wenn nun jemand den Schreiber dieser Thesen fragen würde: Ja, was bist denn Du? Bist Du wirklich ein Semite? Glaubst Du wirklich, dass Du einem eigenen jüdischen Stamme angehörst? So würde ich antworten: Ich bi» ein Jude und ein Amerikaner und ein Deutscher. — „Ja wie meinst Du den das? Ich verstehe Dich nicht." — Nun denn, so höre: Meiner Abstammung nach bin ich ein Jude, meinen politische» Verhaltnißen nach bin ich ein Amerikaner, und ich bin ein so patriotischer, so begeisteter und ein so treuer amerikanischer Staatsbürger, wie nur irgend jemand es sein kann; meinem Denken und Empfinden nach bin ich ein Deutscher, den ich habe von Schiller, vor Goethe, von Kant und anderen deutschen Geistesheroen mein inneres Leben durchaus beeinflussen und dnrchdringeu lassen, ich habe aus den Duellen deutscher Litteratur geschöpft, nuo ich bin zu Füßen deutscher Lehrer gesessen, und mit einem gewissen Swlze sage ich: K ch bin meinem Denken und. Empfiusen nach ein Deutscher. Doch heute liegt uns etwas anderes vor, — die Erwägung der Frage: Zu welchem Stamme gehören mir? Und da sage ich, und sage auch dieses mit einem gewissen Stolz: Ich bin ein Jude. 17. — In neuerer Zeit scheint die Racenmifchung etwas rascher vorwärts zu gehen, und man kann dieselbe gar nicht verhindern. Ob man ihr hinderlich entgegentreten soll? Seitens staatlicher oder hierarchischer Gewalten gewiss nicht. Aber natürlich saugt die jüdische Minderheit nicht die arische Mehrheit auf, sondern es ist die Mehrheit, welche die Minderheit in sich ausnimmt und sich assimilirt. Beträchtliche Theile unseres jüdischen Volkes kommen vor nnsern Augen uns abhanden. Doch immerhin ist das jüdische Stammesgesühl latent noch so stark vorhanden, dass ohne Zweifel wohl der größte Theil der Inden auch noch im zwanzigsten Jahrhundert selbst in den Culturländern des Westens eine separate Fortexisteu; als Juden behaupten wird. In den Ländern der Uncnltur und da, wo unsere Stammesgeuossen noch unter unsagbarem Drucke zu leiden haben, da dauert die Judenheit ganz gewiss fort, ungebrochen und ungemindert. 18. — So viel ist sicher: Wie im neunzehnten Jahrhundert in den Culturländern die wichtigste innerjüdische Frage war, ob die Fahne der Reform hochgehalten werde» solle, oder ob man stabil beim Alten zu verharren habe, so wird im zwanzigsten Jahrhundert, in das wir vor Kurzem eingetreten sind, die Hauprrage innerhalb des Jndenventhmns in den Ländern des Westens die sein: Soll das Judenchrun als ein besonderer Stamm und als eine separate Religionsgemeinschaft sortexistiren, oder soll sich dasselbe mit anderen Volksstämmen und anderen Religionsgemeinschaften verbinden und verschmelzen? — Zuversichtlich wird es, trotz der voranszusehenden Selbst- Zersetzung in zahlreichen bisher jüdischen Familien, in seiner großen Mehrheit sortbestehen, ja, es wird unter günstigeren Daseinsbedingungen neugekrästigt und neu verjüngt sortbestehen. Äus der wiener EuUnsgemeinde. Die erste Sitzung im neuen Jahre, die Montag den 6. Jänner stattfand, brachte die statutarisch bedingte Neuconstituirung des Cultusvorstandes, in dem jedoch Alles beim Alten blieb. Den eindringlichen Bitten und Wünschen aus Vorstands- und Wählerkreisen nachgebend, entschloss sich der Präsident, Herr kais. Rath Heinrich Kling er, auch fernerhin im Amte zu bleiben und brachte hiemit ein gewiss anerkennenswerthes persönliches Opfer nnb einen neuen Beweis seines großen Pflichtbewusstseins. Auch die beiden Vicepräsidenten, Dr. Alfred Stern und Dr. Gustav Kohn, wurden fast einstimmig wiedergewählt, ebenso das Vertretercollegium in seiner bisherigen Zusammensetzung. An die Stelle der bisherigen fünf Sectwnen treten, gemäß der umgestalteten inneren Verwaltung, fünf ständige Commissionen und einige Specialcomites, in deren Rahmen sich nunmehr die Erledigung der Agenden rascher und gedeihlicher abwickeln soll. Hoffen wir, dass die diesbezüglich gehegten Erwartungen zumWohle der Cultusgemeinde in Erfüllung gehm. Höchst beachtenswertst warm die programmatischen Erklärungen des 1. Birepräsidenten Dr. Stern, die er an den Dank für feine Wieder-