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Die Wahrheit · 1902-01-10 · Heft 2 (10.1.1902) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 2 (10.1.1902)
Date
1902-01-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Serie 4. Dt« WahrheU. Nr. 2. bieterisch diese Grenzen. Es kann Mvas für die Geschichte oder die Allerthumskunde Don der größten Bedeutnng sein und dem Forscher zu «ngeHnten Ausschlüssen verhelfen, von den Gesichtspunkten dM Jugend jedoch als. ein völlig unbrauchbarer Ballast sich darstelleu. Das darf jedoch keineswegs dazu führen, in die enHegengesetzte Einseitigkeit zu verfallen, um einem sogenannten didaktischen Nützlichkeitsprincip sich völlig auszuliefern. Das geschieht dann, wenn man in wohlmeinendem liebereifer, den Lehreffect so hoch wie nur möglich zu steigern, ausschließlich sogenannte ethische Lehrtexte heranzl'eht.Die ethischen Grundsätze unserer Phropheten mögen in solchen Stellen zwar den umfassendsten Ausdruck finden, ihre religiösen Anschauungen über Welt uud Menschen treten jedoch dort am kräftigsten hervorwo sie sich mitten in das bewegte Leben und Treiben ihrer Leit stellen. Bei jenen Stellen wird eine gewisse Eintönigkeit schwer zu vermeiden sein, hier dagegen ist es, wo*man den Gedanken nur ansasst, interefiant. Gerade aber in Rücksicht aus dieses Element des Unterrichts sollte es der Lehrplan vermeiden, in allzuängstlicher Peinlichkeit den Lehrstoff Stück um Stück genau für jede Classe obzugrenzen. Dem gewissenhaften Lehrer ist damit mehr geschadet, als dem ungewissenhaften gedient ist. Ein Unterricht kann nur gedeihen, wenn der Lehrer selbst nicht nur mit voller U»verdrossenheit bei der Sache ist, sondern dem zu behandelnden Gegenstände mit ungetheilter Hingebung und unter Anspannung aller Geisteskräfte sich widmet. Es müsste jedoch mit Wundern -ugehen, wenn er dazu noch im Stande sein sollte, nachdem er Jahr aus Jahr ein ein und denselben Stoff womöglich gleich an mehreren Parallelclassen behandelt hat. Auch die körnerreichsten Aehren erscheinen nach so vielfachem Dreschen als leeres Stroh. Ohne es nur zu merken, nimmt man durch dieses Zurichten der einzelnen Portionen dem Unterrichte gänzlich seinen Schwung. Für den Unterricht an Oberelassen sollte es demnach vollkommen als ausreichend erscheinen, wenn der Lehrplan das zu behandelnde biblische Buch und ein Mindestmaß des Stoffes vorschreibt. Die engere Auswahl könnte ruhig dem Lehrer anheimgestellt bleibe». Er wird alsdann nach Maßgabe seines Taktes den Stoff, dem er sich am besten gewachsen weiß, auswählen können. Haben wir unsere Lehrausgabe, als ^Religionsunterricht aus Grundlage des biblischen Urtextes, richtig erfasst, so rrgibl sich als nothwendige Folge, dass alle anderen Gesichtspunkte, wenn auch nicht ausgeschlossen, so doch immerhin von untergeordneter Bedeutung nur sein können. Man hört vielfach dem hebräischen Unterrichte deswegen das Wort reden, weil die Sprache der Bibel ein vorzügliches Mittel für die Bildung des ästhetischen Geschmackes und Urtheils diere. Das mag schon an sich ganz richtig sein. Wer mit einem geläuterten Sinn für sprachliche Schönheiten an die Behandlung des Textes herantritt, wird hierbei das reinste und edelste Ergötzen finden. Allein ästhetische Erwägungen bilden nicht ein Gebiet, auf welchem sich der jugendliche Geist vorzugsweise zu bethätigen geneigt ist. Der Mensch bewegt sich in diesen Functionen vorzugsweise erst dann, wenn er mit Muße, Behagen und Verständnis das Schöne zu genießen vermag. Alle die gedachten Voraussetzungen sind bei der Jugend nicht anzutreffen. Dafür aber verscheuchen ihr die technischen Schwierigkeiten der Sprache, mit denen sie im heißem Bemühen ringen muß, die Stimmung für solche Empfindungen. Nichts desto weniger wird der Lehrer bei der Behandlung von biblischen Lehrstücken von ausgesprochen künstlerischer Anlage nicht unterlassen, auf die Schönheiten und das EffeUvolle der Eomposition hinzuweisen. Jüngst sagte mir bei der Behandlung von Jesaja Cap. 40 ein Schüler: „In der deutschen Stunde sagte uns der Professor, dass das hohe Lied die herrlichste Poesie der hebräischen Bibel enthalte. Ist denn dieses Buch noch schöner als dieses Capitel in Jesaja?"' Ich erwiderte: „Diese Frage lässt sich schwer entscheiden. Dort offenbart sich die Poesie jedem Leser, hier nur demjenigen, der den Sinn des Propheten recht zu erfaffen weiß. Mir jedoch war der Umstand, dass eine solche Frage aufgeworfen wurde, Bürgschaft genüg, dass ich mich bei der Behandlung des Lehrstückes auf richtiger Fährte befand. Auch die einfache biblische Erzählung, wie sic sofort ohne weite Umschweife . mitten in die Ereigniße hineingreift, sie in großen Zügen so plastisch herausstellt, dass alles Nebensächliche von selbst einleuchtet, und in rhythmischem Gange die Ereigniße Zug um Zug abwickelt, ist von einer einzig großartigen Erhabenheit. Allein nur der geläuterte Geschmack ist reif genug, die un achahmbare Kunst dieser einfachen Großartigkeit recht zu würdigen. Der Schüler diese Schönheit, über die ein Schimmer antiker Weihe ergossen scheint, nur wenig Verständnis. Dies um so mehr, als ihm der sogenannte biblische Erzählton ein fremdes Element ist. Es ist merkwürdig, dass wir Juden denselben bei der Wiedergabe der biblischen Geschichten so schwer zu treffen wissen. Das hier eingeführte Lehrbuch verleugnet ihn 'sogar mit einer gewissen Absichtlichkeit. Die Erzählungen, die es bietet, sind dadurch zwar wie Krystall so klar — überheben oder nehmen dem Lehrer fast jede Gelegenheit, noch etwas zlt erläutern — dafür aber auch so kalt wie Marmor. (Fortsetzung folgt.) Iudenthum und jüdische Religion. Von B. Fel senthal. ni,, 11. — Es besteht ein etymologischer Znsammenhallg zwischen den deutschen Wörtern Stamm und Abstammenden lateinischen Wörtern Nation und Natus, vielleicht auch zwischen den hebräischen Wörtern Umina und Em. Dies ist ein Beweis dafür, dass man bei der Frage, zu welchem Stamm oder zu welcher Nation jemand gehöre, schon in den ältesten Zeiten das Hauptgewicht auf die Astammung gelegt hat, und nicht auf gewisse Eigen - thümlichkeiten im Körperbau und dergleichen, die man zufällig mit anderen theilte. Nicht die Form der Schädel und nicht die Farbe der Haare ist das Entscheidende in der Classificirung der Menschengeschlechter, sondern die Abstammung. Wer waren die Eltern und die sonstigen Ascendenten in rückläufiger Linie? Das entscheidet. Zugegeben, es gibt langschädelige und knrzschädelige Juden, schwarzhaarige und blondhaarige Juden. Aber es gibt auch Altbayern und Mecklenburger; doch zu den Deutschen zählen sie beide. Und es gibt auch arabische Rennpferde normännische Ackergäule und schottische Pouies; allein zur Classe der Pferde gehören sie alle. Und es gibt auch Bäume, welche Süßkirschen, und andere, welche Sauerkirschen zeitigen; doch auch sie sind nur Unterarten in der Classe der Kirschbäume; — Unterarten, eingeschlossen in einer höheren Arteinheit. Wenn man nun in der Verschiedenheit der Schädel ein Argument finden will dafür, dass bei den Juden m\t Raceneinheit nicht bestehe, — gut, dann sagen wir Euch, um Euch zufrieden zu stellen: Nehmet immerhin langschädelige und kurzschädelige Juden als vorhanden an, aber nehmet sie an als Unterarten im jüdischen Stamm. Der jüdische Stammesgedanke ist doch ein richtiger. 12. — Es ist auch zu beachten, dass in der Auffassung der Juden, sowohl wie der Nichtjuden die Juden zu allen Zeiten als ein eigener Volksstamm gegolten haben und immer noch gelten. In der philosophischen und realwissenschaftlichen Litteratur der Völker, in der poetischen und in der prosaischen Litteratur der Welt, in den Gesetzbüchern und in den Verhandlungen der gesetzgebenden Körperschaften, im geschäftlichen und im geselligen Verkehr zwischen Juden und Nichtjuden findet man tausendfache Beweise dafür. Vor etwa einem Jahre erst war es, dass von zwanzig Abgeordneten im österreichischem Landtag — selbstverständlich waren es Antisemiten ---- ein Antrag formulirt, unterzeichnet und eingebracht wurde dahin gehend, dass man. ein Gesetz 'erlassen solle, wonach niemand zu einem Staatsamt zugelasseu werde, der bis zur vierten Generation aufwärts einen jüdischen Vorfahren gehabt habe. Aehnlich hat vor Jahren der Göttinger Professor Paul de Lagarde in einem laugen Statutenentwurf zur Gründung eines

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