Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion «. Administration! AnaMngige Heitfchrift für jMsche LßzngLprn»: Wien, II/l, Novaragaffe 27. 1 ft. k österr. ^iostsparcasia Ganzjährig . . ft. 12— Halbjährig ... ft. 6— Check-Conto Nr. 846.251. Infinite: Mteresteir. Für Lultusbeamte: Ganzjährig ... ft. 10.— , 20 Heller vrr Nouvareille-Zeil«. Erscheint jeden Freitag. J | | Für Ausland: Abonnements- und JnsertionS- Ganzjährig .... 8 Mark - betrüge sind in Wien zahlbar. Motto: .Das Siegel Gottes ist Wahrheit!"! 8 Rubel oder 16 Frcb. I .i Nr. 2. Men, 10. Jänner MS Inhaltr Ueber den hebräischen Unterricht an den Oberclafsen der Gymnasien und Realschulen. - Judenthum und jüdische Religion — AuS der Wiener Cultusgemeinde. — Reisebriefe aus Holland. — Verschiedene Nachrichten. — Das Kaddischgebet- — Alois Kulka. Nachklänge des Cantorentages. — Der jüdische Cultusbeamte. Wir ersuchen um umgehende Erneuerung des Abonnements und Einsendung des Aöonnementsbetrages. Kteichzeitig bitten wir die Könner und Ireunde unseres Blattes, in alten öffentlichen Localen Hier und in der Krovirrz „Kie Wahrheit" zu verlangen. Ueber den hebräischen Unterricht an den Oberclaffen der Gymnasien und Realschulen. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink. II. Es ist zunächst ein Jrrthum, wenn man glaubt, das Moment der religiösen Bildung könnte im israel. Religionsunterrichte eben so gut, oder vielleicht noch besser gewahrt bleiben, wenn derselbe von der hebräischen Sprache vollständig losgelöst würde. Es wäre demnach nur die Rücksicht ans den überlieferten Gottesdienst und die auf Stärkung des Gefühles der Zusammengehörigkeit, die uns veranlassen, die hebräische Sprache im Unterrichte heranznziehen und so ans Umwegen gleichsam zum Ziele vorzudringen. Mit solchen Ansichten könnte sich nur die Oberflächlichkeit abfinden, die mit der Sache selbst nie in, Berührung getreten ist. Nun ist es ja leider wahr, dass diese in unseren jüdischen Angelegenheiten gerade um so lauter das große Wort führen, als eine Anlehnung an christliche Muster naheliegt. Ueber diese Dinge kann ich mir um so eher ein Urtheil erlauben, als ich in meinen früheren Stellungen nach Maßgabe der zu Recht bestandenen gesetzlichen Bestimmungen genöthigt war, den Religionsunterricht an der Hand eines sogenannten jüdischen Katechismus zu ertheilen. Das waren gleichmäßig für Lehrer und Schüler geradezu Marterstunden. Trug man den Lehrstoff vor, so war es nicht möglich, für diese abgezogenen Begriffe — die ja eigentlich keine Begriffe sind, weil sie regelmäßig aus negative Bestimmungen hinauslaufen, — den Kindern auch nur das geringste Interesse abzngewinnen. Fasste man wieder die Sache am entgegengesetzten Ende an und verlegte sich auf das allmählige Entwickeln und Aufbauen der Gedanken, so war der Karren erst recht verfahren. Was sollte man aus den Schülern heraussragen, wenn die Grundlagen und Voraussetzungen an Anschauungen und Erfahrungen nicht vorhanden waren? Erleichtert konnte man erst aufathmen, wenn eine biblische Stelle als Beleg heranzuziehen war. Da gab es wenigstens etwas Greifbares, wo die Erörterungen aus eine packende Weise einsetzen konnten. Aber auch hierbei machten sich bedeutende Mängel fühlbar. Nicht immer bringen die sogenannten lehrhaften Stellen den Gedanken, welchen sie beleuchten sollen, auf vollendete Weise zum Ausdrucke. Die Bibel ist gleich der Natur ein gar eigenartiges Werk. Gerade dort, wo man es oft am wenigsten sucht noch vermutet, birgt sie die tiefsten Lehren. In der Regel ergibt sich aber erst aus dem Zusammenhänge der religiöse Lehrgedanke in seiner ganzen Kraft, Fülle und Eindringlichkeit, dem gegenüber sich der abgerissene Satz des Lehrbuches nur wie ein Schatten ausnimmt. Den größten Nachtheil bildet jedoch der Umstand, dass die herangezogenen Bibelstellen nur in einer oft mehr oder minder glücklichen Uebersetzung wiedergegeben werden können. Religiöse Wahrheiten bilden einen gar ätherischen Stoff. Man kann ihn wohl ganz nach Gutdünken von dem einen in das andere Gefäß überleeren. Den Stoff wird mau allenfalls auffangen, das Aroma, das Köstlichste an der ganzen Sache, geht ihm jedoch auf dem Wege unversehens verloren. Das ist es gerade, was dem Religions-Unterricht auf Grundlage des biblischen Originaltextes einen so unverwüstlichen Reiz und einen so edlen Schwung giebt. Denn die Bibel ist nicht blos das classische Werk des Zudenthums, sie ist mehr als dies, sie ist das absolute Object der Religion. Ihre Benützung im Religionsunterrichte hat hier stets denselben erweckenden und erfrischenden Effect, wie wenn im naturwiffenschaftlichen Unterrichte die Natur selbst, sei es durch einen Versuch, durch Beobachtung oder Zergliederung befragt wird. Beides sind die höchsten Instanzen für die diesbezüglichen Erkenntniße, über die hinaus wir nirgends dringen können. Die Antwort unmittelbar aus deren Munde zu vernehmen, hat etwas von dem bestrickenden Reize einer Offenbarung an sich, für welchen es schlechterdings keinerlei Ersatz gibt, dem nichts an die Seite gestellt werden kann. Israelitischer Religionsunterricht auf Grundlage des biblischen Urtextes — ist also die Lösung. Hieraus lassen sich ohne weiteres die Gesichtspunkte für die Auswahl des Stoffes ableiten. Eine solche ist unter allen Umständen geboten. Es ist dabei nicht einmal die Rücksicht auf die ökonomische Ausnützung der Zeit in erster Linie maßgebend. Schon der Lehrzweck zieht ge-