Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 1 (3.1.1902)
- Date
- 1902-01-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Die Wahrheit. Seite 7. Wesen zu danken sei, dass so manche Gegensätze hier ihren Ausgleich gefunden haben. Der Vorstand habe alle Ursache, dem Herrn Präsideitten, nachdem er dem Vorstande so viel Lob gespendet hat, einen großen Theil des Lobes zuzuwenden und ihm für all das zu danken, was er für den Vorstand und die Gemeinde geleistet hat. Daran knüpft sich aber auch die Eonsequenz, dass wir den Herrn Präsidenten noch nicht entlassen wollen, dass wir im Gegentheil an sein Pflichtbewusstsein appelliren, dass er dieses Amt, das er so lange und in so ausgezeichneter Weise bekleidet, auch weiter behalten möge. Wir haben ihn mit vielem Vorbedacht auf drei Jahre gewählt, er hat noch eine zweijährige Dienstzeit, und wir hoffen, dass er sie nicht verkürzen werde. Wenn er sagt, dass ihn sein Gesundheitszustand veranlasse, auf einige Zeit fortzugehen, so werden wir ihm jeden Urlaub gewähren, den er zur Herstellung, seiner Gesundheit für erforderlich erachtet. Ich bitte Sie/ meine Herren, diesem meinem Anträge beizustimmen, und ich hoffe, dass der Herr Präsident einem einmüthigen Votum keinen Widerstand entgegensetzen wird. (Lebhafter Beifall und allseitige Zustimmung.) Vertreter Theodor Ritter v. Taußig: Meine Herren! Es ist uns zur unumstößlichen Ueberzeugung geworden, dass der geehrte Herr Präsident für den Cultusvorstand unter den heutigen Verhaltnißen unenthehrlich ist, und dass es eine Krise involviren würde, wenn der Herr Präsident an seinem Entschlüsse festhielte, und ich glaube daher, im eigenen Namen und dem meiner engeren Collegen an seiner Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit, welche unter den heutigen schwierigen Zeiten gewiss in vollstem Maße bethätigt werden muß, appelliren zu sollen mit der dringenden Bitte, von seinem Entschlüsse abzugehen und uns auch weiterhin seine uns unentbehrlichen Kräfte und Mitwirkung zu leihen. Ich bitte Sie, meine Herren, dieser aus vollster Ueberzeugung ausgesprochenen Meinuug Ihre Zustimmung zu ertheilen. (Lebhafter Beifall.) Der Präsident, sichtlich bewegt, dankt in warmen Worten für das ihm entgegengebrachte Vertrauen und für die ihn ehrenden Ausführungen der Herren Vorredner und bittet, ihm zur Fassung einer endgiltigen Entschließung noch einige Tage Zeit zu gönnen. Kaiser!. Rath Weil bringt den beiden Herren Vicepräsidenten, den Mitgliedern des Vertretercollegiums, sowie jenem Comitv, welches an der Reform der innern Verwaltung gearbeitet hat, den Dank zum Ausdruck. (Beifall.) Commercialrath Leopold P o l l a k fügt hinzu, dass der Dank in erster Reihe den Herren Vertretern Ritter v. Taussig und Dr. Rappaport gebühre. (Beifall.) Rach Erledigung von Steuerangelegenheiten und Personalien wird die Sitzung geschlossen. Die nächste öffentliche Sitzung behufs statutenmäßig vorgeschriebener Neuconstituirung des Vorstandes findet Montag den 6. Jänner 1902, vormittags halb 11 Uhr statt. Tempel-Verein für Mariahilf und Neubau. Bekanntlich ist die finanzielle Lage der großen Mehrzahl der Wiener Tempel- und Bethausvereine keine besonders günstige. Diese höchst bedauerliche Thatsache, welche zumeist auf eine Überschätzung der eigenen Kräfte vom Momente der Gründung an zurückzuführen ist, findet einen beredten Ausdruck im Budget der Wiener Cultusgemeinde, die jahraus, jahrein viele Tansende an Subventionen für derlei Vereine verausgabt. Unter den einzelnen rühmlichen Ausnahmen steht der „Israelitische Tempel-Verein für die beiden Gemeindebezirke Mariahilf und Neubau^ obenan. Trotzdem derselbe einen prachtvollen Tempel gebaut hat, in welchem ein mustergiltiger Gottesdienst abgehalten wird; trotzdem er Werth darauf legt, ausgezeichnete Functionären besitzen und für dieselben auch die größtmöglichsten materiellen Opfer bringt, hat dieser Verein dennoch stets eine geordnete Finanzwirthschast gehabt und konnte auf eine Subvention seitens der Cultusgemeinde verzichten. Diese erfreuliche Erscheinung ist nun nicht vielleicht nur darin begründet, dass ein großer Theil der jüdischen Bevölkerung in diesen beiden industriereichen Bezirken sich eines gewissen materiellen Wohlstandes erfreut, auch nicht einzig und allein in der gewiss anerkannten Opferwilligkeit derselben, sondern vielmehr noch in der seltenen Einmüthigkeit, die die leitenden Kreise dieses Vereines beherrscht, in ihrem verständnisvollen Zusammenwirken beim Ausbau desselben und in dem schönen, geradezu patriarchalischen Verhältnis, das fich im Laufe der Jahre zwischen dem Präsidenten, Herrn Architekten Max Fleischer, und den ihn verehrenden Vorstehern und Vereinsmitgliedern herausgebildet hat. Wie zu ihrem Vater blicken sie Alle zu dem trotz seiner bedeutenden Künstlerschaft so bescheidenen und schlichten Manne auf, und er wieder kommt ihren Wünschen und Anregungen wie denen seiner Kinder liebevoll entgegen. Ein Bild dieses herzerquickenden Verhältuißes bot auch die letzte, am 30. December im „Hotel Savoy^ stattgehabte Generalversammlung, über welche wir im Nachfolgenden berichten. Der Vorsitzende, Präsident Max Fleischer, eröffnet die die Versammlung mit Begrüßung des erschienenen Vertreters der Wiener Cultusgemeinde, Herrn Cultusvorsteher Salo Cohn, der Redacteure Dr. Bloch („Oesterr. Wochenschrift") und Dr. Löwy („Die Wahrheit), der in Verhinderung der Präsidentin erschienenen Vertreterin des Mariahilfer Frauen- Wohlthätigkeitsvereines Frau Dr. Engel, des Obmannes des Vereines „Nachlath Jeschurun“ Dr. Karl Löwy, des Schriftstellers Adolf Gelber und der anwesenden Vorstandsnnd Vereins Mitglieder. Schriftführer Hermann Liebermann verliest das Protokoll der vorjährigen Generalversammlung, das zur Kenntnis genommen und von den Herren S. Lemberger und L. Mahler verificirt wurde. Nach Begrüßung des mittlerweile erschienenen Vereinsrabbiners, Herrn Dr. Taglicht, sammt Gattin, sowie der übrigen Damen bringt der Vorsitzende zur Kenntnis, dass die Herren Janowitz und Max Eisenberger sowie der Redacteur der „Neuzeitlich schriftlich entschuldigt haben. Weiters sei ein Schreiben des Seniors des Vereines, Herrn Friedrich Pollak, eingelangt, der bereits 28 Jahre dem Vorstande angehört und seine Candidatur für die Wiederwahl in den Vorstand anmeldet. (Lebhafter Beifall.) Dem vom Präsidenten verlesenen Rechenschaftsberichte entnehmen wir Folgendes: Der Verein hat einen Stand von 262 Mitgliedern. Von diesen zahlten: 1 Mitglied 50 Kronen, 2 Mitglieder ä 40 Kronen, 5 Mitglieder a 30 Kronen, 3 Mitglieder a 24 Kronen, 55 Mitglieder ä 20 Kronen, 7 Mitglieder a 16 Kronen und der Rest 189 Mitglieder a 12 Kronen an Jahresbeitrag. Die laufenden Geschäfte wurden in 12 Plenar- Sitzungen und einer größeren Anzahl von Sections- und Comitö-Sitzungen erledigt. Das Exhibiten-Protokoll weist die schriftliche Erledigung von 438 Geschäftsstücken aus. Aus der Chronik des Vereines wird der am 12. Mai im Tempel stattgehabten Confirmation von 28 Mädchen erwähnt und dem verehrten Herrn Rabbiner Dr. Taglicht für seine besonderen Bemühungen beim Unterrichte und die erhebende Art der Durchführung der Confiirmationsfeier der Dank des Vorstandes ausgedrückt. Am 18. August wurde der Geburtstag Seiner Majestät des Kaisers durch einen festlichen Gottesdienst in der herkömmlichen Weise gefeiert. Im abgelaufenen Jahre waren 51 Trauungen, 26 Barmizwas, zehn Namengebungen. Die Thatsache. dass leider einige wohlhabendere Familien in den beiden Bezirken, die das Glück hatten, ihre Kinder verheirathen zu können, den Tempel im Bezirke umgangen haben und die Trauung anderswo abhalten ließen, wird besonders bedauerlich constatirt, weil es einerseits böses Beispiel gibt, weiters die auf ein Neben-Einkommen angewiesenen Funktionäre und Angestellten schädigt und sonst auch das Prestige des Tempels beeinträchtigt. Trotz der completten Bermiethung des Tempels, so heißt