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Die Wahrheit · 1901-12-27 · Heft 50 (27.12.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 50 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. -)ir. 50. der Synagoge. „Der Aufenthalt unter Gräbern schwächt das Gedächtnis", sagt ein uralter Satz. „Viel Melochos, wenig Berochos" ein anderer. Letzteres stimmt^wohl nicht, denn in'unserein Falle sind bei den vielen Melochos auch viel Berochos. Der Stab von Rabbinen, der dem Oberrabbiner zur Seite steht, Hai die Casnalien zu versehen. Er stehe fernab diesen immerhin einträglichen aber zeitraubenden Dingen. Natürlich muß er materiell völlig sorgenlos, standesgemäß, repräsentantionsfähig leben können. Der Oberrabbiner von Amsterdam vollzieht keine Trauungen und hält nur dann Leichenreden, wenn er es officiell zu thun hat, oder wenn der Verlust eines durch Frömmigkeit, Gottesgelehrsamkeit, Wohlthätigkeit besonders hervorragenden Gemeindeinitgliedes zu beklagen ist. So kann er sich seinem seelsorgerischen Berufe ganz und gar weihen; er ist der Lehrer, Berather, Erzieher, Prediger der Gemeinde in weiterem und engerem Sinne; er ist ein Schüler Ahrons, ohne Hiararch zu sein, er ist in wahrem Wortsi.nne Seelsorger, Hirte. Die Sitzungen finden im Berathungszimmer statt. Die Agenden sind natürlich groß. Zwei Secretäre sind immerfort beschäftigt. Nebst den lausenden Angelegenheiten der Gemeinde werden hier auch die officiell au das Amsterdamer Rabbinat aus aller Welt gerichteten „Schaaloth“ berathen und beantwortet. So entsteht eine für die Zukunft wichtige Responsensammlung; denn alles wird ordnungsgemäß copirt und archivalisch ausbewahrt. Die Beth-Din-Diener und Soferim sind zur Stelle. Das Rabbinat ist auf das Genaueste organisirt und selbst die Amtstracht der Rabbiner und des Oberrabbiners statutarisch vorgeschriebe». Der Oberrabbiner, auf dem die gewaltige Last der Seelsorge und des Rectorates ruht, ist auch gleichzeitig der O b e r i n s p e c t o r sämmtlicher Religionsschulen seines Ressorts (Nordholland), die er einmal im Jahre aus das Gründlichste inspicirt und tiefgehend prüft. Ein im Druck erscheinender an den Kirchenrath (Consistorium) gerichteter Rechenschaftsbericht (Verslag) deckt öffentlich die Schäden auf, lobt und tadelt, behandelt die gemachten Wahrnehmungen bis in die kleinsten Einzelheiten. Wenn vom Rabbinate und der Gemeinde hier die Rede ist, dann ist immer die holländische Gemeinde und das Oberrabbinat der Aschkenasim gemeint, denn diese find die Mächtigen und Großen gegenüber der portugiesischen Gemeinde der Sephardim. Es war nicht immer so. Denn die Gemeinde Amsterdam ist ja von spanisch-portugiesischen Juden gegründet. .Wenn man bedenkt, dass am Rosch-Haschonoh des Jahres 1635 die hochdeutschen Inden in Amsterdam zum erstenmale ihren Gottesdienst abhielten, dann muß man über die Erscheinung staunen, dass diese sich so rasch emporschwangen. Allerdings erhielten sie Dank der Verfolgungen in Deutschland und anderen Ländern täglichen Zuzug. Jakob Tirado hatte 1598 die erste Synagoge in Amsterdam erbaut. Im Jahre 1610 ward namentlich durch die Familie Mendes eine zweite Synagoge gegründet. Am Sabbath-Nachamu 3. August 1675 wurde in der inzwischen zu 4000 Familien angewachsenen portugiesischen Gemeinde ein prachtvolles Gotteshaus eingeweiht. Es ist dasselbe, das heute noch unsere Bewunderung und unsere Ehrfurcht verdient. Damals jubelte die ganze Gemeinde. Der Dichter Romein de Hooghe verherrlichte den Tag in lateinischer, holländischer und französischer Sprache. Damals lebte auch Spinoza noch, von dem übrigens heute nachgewiesen ist, dass er viel später, als man es ehedem glaubte, die Synagoge besucht hat und zur Thora gerufen wurde. Es war wenige Jahre vor seinem Tode. Doch zurück zum Rabbinate. Jene kleine Aschkenasim- Gemeinde hat heute die Führung. Nicht klein waren die Kämpfe, lche sich zwischen Sephardim und Aschkenasim abgespielt '. Sie zuckten noch im Jahre 1862 nach, als der jetzige 'bbiner als Rector des Seminars und 1874 als er eben sten Seelenhirten eingesetzt wurde. Stürme brausten waltige Orkane. Lange Jahre war das Oberrabbinat »sen. Die Neugründung des Rabbinerseminars, tzige Oberrabbiner als Neunundzwanzigjähriger das Niederländische Judenthum epochemachend. Noch lebten die Vertreter ältester Richtung; noch sprachen die Juden Jargon; Halbjargon war die Unterrichtssprache in den Religionsschulen; von methodisch-geordnetem Unterrichtssystem war nirgendwo , eine Spur. Wie geborstene Säulen eines antiken Palastes ständen die Reste alter Zeit da; morsch, bresthast, ruinirt. „Auch diese schon geborsten, kann stürzen über Nacht!" Die Pflege und Kenntnis der heiligen Litteratur .lag nur in zitternden Händen. Die Schlingpflanze der Reform drohte, sich an dem altersschwachen, entblätterten Baume emporzuranken. Neues Leben musste dem immerhin noch ergiebigen Erdreich eingeackert, verjüngende Kraft dem Urstamme eingeflöfit werden. (Fortsetzung folgt.) Das Massenelend der Inden in Galizien nnd die Bestrebungen zu ihrer Rettung. Vortrag, gehalten am 14. December 1901 anlässlich der ersten diesjährigen Versammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" von Dr. Ernst Tuch ans Berlin. In Galizien gibt es 300.000 Juden, die direct auf Almosen angewiesen sind, weitere 300.000 Juden sind nicht viel besser situirt wie diese und blos 200.000 Juden befinden sich in günstigeren Lage. Adel und Kirche, haben beide ein eminentes Interesse daran, den Hass der Bevölkerung gegen die Juden zu schüren und großzuziehen, wofür der Vortragende viele Beispiele ans der Geschichte anführt. Namentlich die Verpachtung der Zölle und Steuern an die Juden sei die Quelle vieler Uebel geworden. Unter diesen Abgaben waren aber auch solche, die speciell den Inden auferlegt waren, so z. B. die Steuer auf die Lichter, welche Freitag und Samstag in den Häusern der Juden brennen, und selbst diese Lichter wurden von den jüdischen Steuerpächtern gepfändet, wodurch Uneinigkeit unter der jüdischen Bevölkerung entstand. Ausgeschlossen von jeder Cultur musste sich der Jude naturgemätz auf das Studium der Gesetze verlegen; er verstand es, die kleinsten alltäglichen Handlungen unter das Gesetz zu stellen, wodurch das Leben verbittert wurde uud der Gesichtskreis der Juden eine große Einschränkung erfuhr. Zur Besprechung des wirthschastlichen Elendes übergehend, erwähnt Redner, dass die Juden den neunten Theil der galizischen Bevölkerung ausmachen und, sowie sie nicht Bettler sind, dem Handels- und Gewerbestande angehören. Es muß also jeder zehnte Mann in Galizien von neun anderen, die aber selbst arm sind, leben. Diese wenigen Ziffern lassen den Hass der Bevölkerung gegen.die Juden erklärlich erscheinen und es ist nur natürlich, dass unter solchen Verhältnißen der Antisemitismus leicht Wurzel schlagen kann. Zur Abwehr des als schädlich bezeichneteu jüdischen Zwischenhandels werden Consumvereine, sogenannte Kolka rolnicze gegründet, und diese haben bereits einen gewaltigen Zulauf zu verzeichnen, wodurch die Nothlage der Juden wieder eine größere -geworden ist. Die Regierung unterstützt diese Bewegung, wenn auch nicht offen, so doch indirect. Durch die Entziehung des Salzhandels und der Propinationspachtungeu wurden wieder viele tausende jüdische Familien brodlos. Die Schuld an diesen Ereignißeu liegt aber nicht an den Menschen der heutigen Generation, sie liegt in der ganzen Entwicklung, welche die Verhältniße so geschaffen hat, wie sie heute sind. Vor die Frage gestellt, ob man der jetzigen oder der kommenden Generation beistehen solle, ob man die Kinder unterrichten oder die Erwachsenen in den Stand setzen solle, sich selbst zu erhalten, ipricht sich der Vortragende mit der ganzen Kraft seiner Ueberzeugung für das letztere aus. Damit wolle er keineswegs etwa die von der Hirsch-Stiftung eingerichteten Schulen bemängeln; im Gegentheile, er wünsche denselben Gutes, da ja in diesen Schulen den Kindern der Unglaube ausgetrieben und ihnen Selbstgefühl und Selbstachtunz eingeprägt wird. Durch die Errichtung dieser Schulen sei aber noch lange nicht alles gethan; dringender als all dies ist die wirthschastliche Hebung der heutigen Bevölkerung, die Erziehung der Erwachsenen, unter denen noch gefährliche Vorurtheile und Unwissenheit out '

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