Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1901-12-27 · Heft 50 (27.12.1901) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 50 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063062-3063112--01695-3068308
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 50. Die Wahrheit. Seite 5. 14. — Der schließlich« Sieg des Judenthums besteht nicht darin, dass alle Menschen Juden werden — das ist auch unmöglich, und in aller Ewigkeit wird die Menschheit in ver« schiedene Rassen und Stämme getheilt sein, — sondern darin, dass man die ewigen Wahrheiten des Theismus und die hohe sittliche Forderung der Heiligung des Lebens allgemein anerkennen wird, und dass man sie allgemein als ideale Mächte preisen wird, die alles Leben beherrschen müssen. Gin neuer Komet am ungarische« Himmel. Seit einigen Tagen zerbrechen sich unsere Astronomen die Kopse und können es bei all' ihrer Gelehrsamkeit und liefen Weisheit nicht herausklügeln, was der neue Komet am pechschwarzen Himmel Ungarns zu bedeuten habe. Gut Jnformirte wollen es wissen, dass er weder Krieg noch irgend welche Pestilenz sür's Judenthum im Gefolge haben wird, zumal der Plagen und Geschwüre schon genug sind, mit denen wir heimgesucht wurden. Der Antisemitismus, der in allen Ländern an Breite zugenommen, hat auch hier sein Zelt aufs Neue aufgeschlagen. Die Volkspartei, die angeblich als Wächterin des Volkes sich gerirt, weiß ihre Dienste nicht besser zu verwerthen, als dass sie bei jeder Gelegenheit den Boden zu unterwühlen sucht, den der ungarische Juoe mit großer Mühe der Wildnis abgerungen hat. Wo das Terrain gut placirt ist, da scheuen sie! sich nicht, mit offenem Visir aufzutreten, wo aber das Fcld erst j gepflügt und ausgegraben werden muß, da beginnt die Maulj wurfsarbeit im Finsteren. Seit einigen Jahren hörte man von allen Seiten das volltönende Feldgeschrei: das ungarische Land ist in Gefahr, seine Bürger zu verlieren, da sie von den Chasaren ausgesaugt, endlich zum Wanderstab greisen müssen, um in der Fremde ihr Glück zu probieren, das ihnen der heimatliche Boden versagt. Und dieser Klageruf fand bei der obersten Behörde ein williges Echo, und so begann die Ruthenfrage eine ständige Misere zu sein, angeblich für das Chasarenvolk, im Grunde aber für die ungarische Jndenheit. Denn wir dursten doch unseren Patriotismus nicht verleugnen und so mussten wir nolens volens Egan und seine Helfershelfer in den Comitaten erbarmungslos hausen lassen, ohne dass der Hilfeschrei, der von unseren Brüdern zu! unseren Ohren drang, das jüdische Herz in Bewegung setzte.! Nun hat er seine Arbeit redlich vollbracht und die Antisemiten alle singen ihm Lobeshhmnen ob seiner Wachsamkeit, seiner Hingebungsvollen Thätigkeil, und als er einem höheren Ruse Folge leistend das Scepter niederlegen musste, hörte man die Dunkelmänner in Jammertöne ansbrechen, dass die Chasarenbrut wieder den ruthenischen Himmel versinstern werde, und sie rasteten und ruhten nicht eher, bis sie den Vertreter Egans gefunden^hatten, der die begonnene Arbeit getreulich und in dem vorgezeichneten Stile fortsetzen werde. Der neue Komet führt den Namen Josef Kazy, hat sich — wie die neueste Entdeckung lautet — beim Ackerbauministerium seit Jahren unsterbliche Verdienste erworben, und kein geeigneterer Mann wäre im ganzen Lande zu finden gewesen, der die armen Ruthenen in das gelobte Land führen könnte. Die Fama will aber auch wissen, dass der erwählte ruthenische Eomissär ein Mann von überaus noblen Eigenschaften sei, ihn sollen Menschen- und Gerechtigkeitsliebe zieren und er dürfte die Wahrheit über Alles Hochhalten. Wir wollen, daher mit unserem Urtheile vorläufig noch zurückhalten, denn hoffentlich werden wir noch Gelegenheit finden, die Thätigkeit dieses Auserwählten näher in Augenschein zu nehmen. Sollte er seine Kraft und sein Wissen dem Aufblühen des geliebten Vaterlandes weihen, sollte er gegen das Judenthum nichts Arges im Schilde führen, so werden wir und mit uns die ganze ungarische Judenheit die Ersten sein, welche seinem Eifer und seiner patriotischen Dienstbeflissenheit den gebührenden Zoll entrichten. Denn dessen mag der neugewählte Ministerialrath gewiss sein, dass wir den Freund vom Feind gut zu Unterscheiden wissen, da unsere traurige, ereignisreiche Leidensgeschichte uns sattsam belehrt, wen wir zu unseren Freunden zu recht«,» haben. Sollte aber wider Erwarten Herr Kazy in die Fuß stapfen seines Vorgängers treten, so können wir schon jetzt ihm sein Mitleid ausdrücken, dass er seine lobenswerthen Eigenschaften auf ein unfruchtbares Brachfeld vergeudet, von de» keine genussreichen Früchte zu erwarten sind. Wir werden aber auch mit wachsamen Auge» jeden seiner Schritte verfolgen, auf dass die Fluth die Dämme nicht niederreiße, die mit Aufwand unserer besten Kräfte Jahre hindurch aufgeführt wurden. Er möge ja die Schmiede nicht aufsr^hen — und das rathen wir ihm in Freundschaftlichkeit — wo die Waffen verfertigt werden, mit denen man gegen das ungarische Judenthum zum Streiche ausholt. Wer ohne Nebeurücksichten ein neuer Sohn des Vaterlandes sein will, der kann unserer Mithilfe stets gewärtig sein, wer aber confessiouellen Hass auÄstreut, der vergeht sich an dem Vaterland, welches alle Bürger ohne Rücksicht aus Sprache und Confessio» umschließt. Unsere besten Wünsche begleiten den neuernannten Commiffär auf das Feld seiner Wirksamkeit, er fasse die Zügel nicht allzustramm und nehme zuweilen zur Menschenliebe Zuflucht, wenn die Nachteulen ihn umschwärmen. Den Schweif des Kometen mögen anch jene verspüren, die von Hass und Lieblosigkeit sich nähren. Dr. Sam. Partos-Dunaföldvar.! Neisedriese au« Holland.! Von Jan van Düren.! IV. Das Haus dir. 6 der »Jonas Daniel Meyer Plyn" ist das Rabbinat. Wie alle allen holländischen Häuser ist auch dieses schmal, schlank, hoch. Breite Fronten sieht man nur in den modernen Straßen, deren es ja schon genug'gibt. Der iuteressanie Charakter wird dem Stadtbilde durch diese moderuen Straßen genommen. Man geht daran, die Wasserstraßen zu verschütten. Die „Moderne" kennt auch hier keine Rücksicht und Pietät. Der wachsende Verkehr fordert andere Wege. „Meine Gedanken sind nicht die Euren, meine Wege nicht Eure Wege", spricht auch die Neuzeit zu den begeisterten Liebhabern des Alten. Die Zarfati-Straße ist solch' ein moderner Protz,.! der sich breitspurig hinlegt; eine Straße, wie jede Großstadt sie aufweisl; dieselbe Styllosigkeit dis auf wenige Bauten. Schablone/ Mischmasch, trotzdem sich die Secession bemüht, einen eigenartigen Styl durchzusetzen. Das Rabbinatsgebäude aber ist ein recht holländisches Haus und ist auch von gleich ehrwürdigem Rahmen eingesäumt. Hier also hält das Rabbinat seine täglichen Sitzungen ab. Es besteht aus dem Oberrabbiner Dr. Josef Hirsch Dünner und den Rabbinen Wijnkoop, Onderwijzer, Hamburg; alle drei Schüler des Oberrabbiners, der gleichzeitig Rector des königlich niederländischen Israelitischen Seminars ist. So ist in einer Hand die Seelsorge und die Heranbildung der Seelsorger vereint. Woher aber, so fragt man billig, soll der Oberrabbiner einer mächtigen Gemeinde die Zeit nehmen, zwei so große Ämter zu bekleiden? Die Antwort wird, wenn sie auch paradox erscheint, nicht schwer sein. Wenn die Hoffnungen, Erwartungen, Voraussetzungen erfüllt werden sollen, die einem großen geistlichen Oberhaupte gegenüber gehegt werden, dann darf die Kraft nicht tausendfach zersplittert werden. Die Obliegenheiten müssen alle in das Gebiet der religiösen Belehrung, Erziehung und Untermeisung fallen. „Der Traum ist einer, die Deutung eine". Der Rabbiner darf dann, eben nicht durch Geschäfte gestört werden. Er muß so gestellt sein, dass er möglichst unabhängig, ein starker, freier Mann sei.. Stark durch seine unentwegte lleberzengungstreue, frei durch seine Parteilosigkeit und finanziell in absolut unabhängiger Position. Mir einem Worte der Oberrabbiner und Lehrer der Jünger der Theologie soll weder Trauungen vollziehen noch anch Leichenreden halten. Allerdings, Schätze kann er dann nicht sammeln. Er soll es auch nicht. Ist er doch ein Schatzgräber höherer Artung. In großen Gemeinden kommt der Oberradbiner nicht zu sich. Er verbringt Tage auf dem Friedhofe, Tage in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.