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Die Wahrheit · 1901-12-27 · Heft 50 (27.12.1901) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 50 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 50 Die Wahrheit. Seite 7. Gebieten verbreitet sind. Frauen und Mädchen verstehen nichts Don der Hauswirthschaft, vom Kochen und Nähen und es wäre daher in erster Reihe die Gründung von Haushaltungsschulen in Angriff zu nehmen, in zweiter Reihe die Errichtung jüdischer Turnvereine. Es sei also nach zwei Richtungen hin erforderlich, einzugreifen, nämlich auf Linderung der momentanen Noth und iveiters auf dauernde Sanirung der Verhältniße. Der Redner empfiehlt sodann, solche Maßregeln zu treffen, durch welche die galizischen Juden in die Hausiiidustrie eingesührt werden. Er betont, dass diese wohl viele Gefahren in sich berge, dass es aber immerhin schon einen Fortschritt bedeute. So habe der galizische Hilfsverein die Hausweberei eingeführt, wodurch bei 700 Frauen und Mädchen Erwerb haben, ein vielversprechender Anfang. Die Korbflechterei, Bürstenbinderei und Cartonagewaarenerzeugung seien ebenfalls zu berücksichtigen, zunächst den dabei Beschäftigten Sauberkeit und Genauigkeit zur Pflicht rnache. Ein weiteres Mittel sei die Belebung und Förderung des Handwerkes. Um aber dem Ganzen ein Rückgral zu geben, sei die Errichtung von Spar- und Vorschusskassen unbedingt nothweudig. da diese dem Einzelnert Vertrauen geben. Redner erinnert an die geradezu märchenhaften Erfolge, die die neubegründete Prager Vorschuss-Cassa erzielt, welche nach kaum IV»jährigem Bestände bereits 505 Mitglieder mit einem Capitale von 48.000 K zähle. Als letztes Mittel wäre die Gründung jüdischer Consum- Vereine zu empfehlen, weil hiedurch die Solidarität unter den Juden weseittlich gestärkt werde. Unter den Rumänen und Ruthenen, ja unter den Huzulen bestehen bereits Reiffeisencafsen, Creditgenoffenschaften u. s. w. — unter den galizischen Juden aber nicht. Der galizische Hilfsverein hat im § 4 der Statuten die Einrichtung und Förderung der Landwirthichaft empfohlen. Dem stimme Redner, welcher die Stelle eines Generalsecretärs im „Deutschen Vereine zur Förderung der Bodencultur unter den Juden Deutschlands* bekleidet, voll zu, denn nur an einen jüdischen Bauernstand werde sich ein jüdischer Handwerkerstand leicht augliedern. Dort, wo die Juden in der Urproduction thätig seien, werden sie wirklich auf festem Boden stehen, trotzdem dagegen mannigfache Einwendungen erhoben worden seien. Er habe seinerzeit genau ansgesuhrt, wie die galizischen Juden zur Landwithschaft überzuführeil seien, wenngleich der polnische Adel viele Schwierigkeiten bereiten würde. Es sei dies möglich in der Form der jüdischen Siedlungsgenossenschasten; hieran würde sich die jüdische Industrie, die jüdischen Consum-Vereine anreihen, und dann wäre der Ring geschlossen. Zur Hebung der jüdischen Bevölkerung sei jüdisches Geld, jüdische Intelligenz und jüdischer Enthusiasmus erforderlich; das Fehlen eines dieser drei Facroren mache das Werk unmöglich. Dadurch, dass der galizische Hilfsverein diese drei Factoreu in den Dienst der Sache gestellt, habe er sich unauslöschliche Verdienste erworben. Der gebildete Jude des Westens studire jetzt das Antlitz des polnischen Juden und finde dabei, zu seinem größten Erstaunen, innig bekannte Züge und eine Unsumme vou Intelligenz. Dies sei die erste Etappe der Verständigung und eine Folge hievon sei die Bildung des galizischen Hilfsvereines, dessen Wirken ein culturelles Wirken ersten Ranges sei. Seine Sache sei eine Volkssache und Jeder, der Jude heiße, müsse diesem Werke beisteuern. Der Redner erwähnt, dass die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" mir dem galizischen Hilfsvereine durch mehrfache Personalunion verbunden sei und es mögen überall Ortsgruppen gebildet werden, die sich aber nicht blos mit dem Einsammeln der Beiträge zu befassen hätten. Das galizische Hilfswerk ist alles weniger, als ein Wohlthätigkeitswerk; es soll eine innige Verbindung zwischen den verschieden Elasten innerhalb der Judenheit Herstellen. Die persönliche Betheiligung sei hiebei unbedingt nothweudig, sie sei der Kern des Werkes. Trotz der Schmach und des Elends, in dem sich die galizische» Juden befinden, scheine das Margenroth über sie aufzusteigen, eine neue Epoche der Judenheit zu beginnen, deren Devise lautet: „Juden aller Länder vereinigt Euch zu Euerer eigenen Hebung!" Alle, alle werden kommen, denn noch nie gab es eine größere Aufgabe für die gesammte Judenheit: ein freies, ein selbstbewusstes, ein stolzes Juda! Ergäiyungs-Vaten zu dem Buche „Megurache Wien“ von Prof. Dr. David Kaufmann. Als im Jahre 1670 unter Leopold I. die Juden-Ausweisung erfolgte, flüchteten die Emigranten nach den verschiedensten Weltrichtungen. Prof. Dr. David Kaufmann bringt in seinem Werke „Megursche Wien" eine Zusammenstellung der Vertriebenen, und dürften folgende Daten als Ergänzung zu seinem Werke dienen. Unter den Emigranten befand sich auch Rabbi Salomon Mirls Neumark aus Wien, der mit seinem Bruder Wolf Benjamin Neumark nach Berlin zog, dort gemeinnützige Institutionen schuf und später im Jahre 1680 als Rabbiner der 3 Gemeinden Altona, Hamburg und Waudsbeck installiert wurde. Mirls Neumark hing aber mit besonderer Liebe an seinem Geburtsland, und wenn Fremde kamen, die ihm von seiner Heimat erzählten, fanden sie bei ihm besonder freundliche Aufnahme und Entgegenkommmen; denn dort ist sein Vater David Koppel Neumark im Jahre 1665 gestorben und im IX. Bezirk, Seegasse begraben, wo auch seine Borahnen ihren letzten Ruheplatz fanden. Einst wurde er (Mirls NeumarH in' s Hospital zu einem fremder» Kranken gerufen, welcher den Rabbiner bat, falls seines eiutretenden Todes feine Frau hievon zu verständigen. Rabbi S. Mirls Neumark machte sich sofort auf, um den Kranken zu besuchen, doch wer beschreibt sein Staunen, als er in dem Kranken seinen Neffen Rabbi Anschel Wimpfen aus Wien erkannte, der ebenfalls ans Wien ausgewiesen wurde und keinen festen Wohnsitz finden konnte. Rabbi Salomon Mirls Reumark ließ ihm gleich besondere Pflege angedeihen und in einigen Tagen genas er, denn es war keine wirklicheKrankheit sondern nur eine Entkräftung, die in Folge des Umherirreus und Reifens entstand. Mirls Neumark nahm ihn zu sich und nach kurzer Zeit ließ er auch dessen Frau nach Altona kommen. Rabbi Anschel Wimpfen wurde ein hochangesehener Man»», war Vorsteher der Gemeinde geworden,? und noch heute finden wir die Gräber der beiden in dem Begrädnisplatz zu Altona, wo die Worte am Ende der Grabsteine sich finden: „Rabbi Anschel Wimpfen Vorsteher der Gemeinden Schtadlen" (d. h. Fürsprecher seines Volkes) ,Mi Megurache Wien". Daneben ist das Grab seiner Frau, wo ebenfalls „Ni Meguroohs Wien" steht. Nach einigen Jahren 1716 starb Rabbi S. Mirls Neumark und seine Frau und wurden in derselben Reihe begraben, wo ihre beiden Wiener Landsleute ruhen. So fanden diese 4 aus einer Heimat stammenden Wiener in der Fremde einen gemeinsamen Boden zur letzten Ruhe. Gabriel Duckes. Litte! Viele hunderte israelitische Kinder in der Brigittenau sind der bittersten Noth preisgegeben, sie leiden Hunger und frieren. Nehmet Euch dirser armen zarten Kinder an und helfet nach Eueren Kräften, damit die im Locale XX., Dammstraße 8 bereits begonnene Ausspeisnng im nothwendigften^ Umfange fortgeführt werden könne. Spenden nimmt entgegen: Das gefertigte Comite für die Ausspeisung israelitischer Kinder in der Brigittenau und die Caffa der isr. Cultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 8. Dr. Alfred Berger Heinrich Weiner CultuSvorstand Armenrath I. Juden platz 8. XX., Wintergaffe 2S.

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