Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 50 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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I Seite 4. Die tDayryeu. Nr. 50. if i ’ g % ■i / fr Werke über Christenthum und Kirche, und es wäre selbst fraglich, ob man berechtigt wäre, Moses den Maimons Milloth Ha-Higgajon oder die von einem unbekannten Mathematiker herrührende und aus dem neunte» und zehnten Jahrhundert stammende geometrische Schrift Mischnath ha-Middoth in eiuer jüdischen Litteraturgeschichte zu nennen. 4. — Und wieso kämen — wenn es richtig wäre, dass die Juden blos eine Religionsgenosseuschaft oder eine Kirche bildeten, und nicht in erster Linie ein Volk,seinen Stamm oder eine Nation, oder wie mau es sonst wolle — wieso kämen die Juden, die in der Geschichte der Entdeckung von Amerika genannt werden, oder die in der neueren Zeit als Staatsmänner sich Ruf und Namen erworben haben, oder die als Musiker oder als ausgezeichnet auf anderen künstlichen und wissenschaftlichen Gebieten Ruhm sich errangen, in eine Geschichte der Juden oder des Judenthums? Und mit welchem Rechte könnten unsere modernen jüdischen Zeitschriften so laut und so nachnachdrücklich Und mit solchen Jubelsanfareu es verkünden, dass Se. Majestät der deutsche Kaiser irgend einem jüdischen Industriellen den rotheu Adlerorden vierter Claffe verliehen habe? oder dass er allerdings geruht habe, kund zu thun, dass irgend ein greiser hochverdienter jüdischer Gelehrter mit dem Titel Professor bezeichnet werden dürfe? oder dass in irgend einer Stadt in den vereinigten Staaten wieder einmal „einer von unseren Leuten" zum Bürgermeister erwählt wurde? Was hat denn solches mit der jüdischen Religion zu thun? 6. — Das jüdische Volk, der jüdische Stamm ist das Gegebene, das Bleibende, das nothwendige Substrat, der substanzielle Kern. Die jüdische Religion ist ein diesem Kerne Anhaftendes, Eigenschaftliches; — ein Accidens, wie es die Logiker heißen. Der Begriff Judenthum — in seinem engeren Sinne, als Rel gion gefasst — erhält daher eine vollkommen richtige und adäquate Definition, wenn man sagt: Judenthnm, in diesem engeren Sinn, ist die Religion der Juden. Der nähere Inhalt dieser Religion, — das ist eine andere Frage. 6. — Das Judenthum ist nicht eine Universalreligion; es ist, richtig verstanden, Nationalreligion. Ohne Juden gibt'» kein Judenthum. 7. — Aber das Judenthum enthält gewisse universale Elemente, gewisse absolute und ewige Wahrheiten. Es behauptet, dass gewisse Theile der unter dem jüdischen Volke zum Ausspruch und zur Herrschaft gelangten methaphsischen Sätze und gewisse ethische Principien desselben zuu Gemeingut der Welt bestimmt seien, und es hofft, dass sie einst Gemeinbesitz aller aller Völker sein werden. 8. — Auch auf diese universalen Elemente, die, zum Theile wenigstens, heute schon unter anderen Völkern anerkannt sind, beschränkt sich das Judenthum nicht. Wollte es in die Erscheinung treten, so bedurfte es der Manifestationen nach außen hin, — eines gewissen eigenthümlichen Cultus, einiger national festgesetzter Tage der Weihe, einiger bestimmter nationaler Symbole und Ceremonien. Die Wahl des siebenten Wochentages als eines geheiligten Tages der Ruhe und der Seelenerhebung, die jüdischen Festtage, der jüdische Kalender, und dergleichen wehr, sind blos national-jüdisch, haben keinen universalen Charakter, und es wäre mehr als thöricht, für derartiges einen Anspruch auf universale Anerkennung erheben zu wollen. 9. — Wollte man aus dem Judenthum alles Nationaljüdische ausscheiden, den herkömmlichen Sabbath, die überlieferten Feste, die in ganz Israel noch bestehenden gemeinsamen Elemente im Cultus u. s. w., und wollte man sich auf das beschränken, was man das Ewige, das Bleibende, das Universale im Judenthum nennt, dann hätte Ulan freilich eine Kirche oder eine Religionsgenossenschaft, die auf der Basis des Theismus ruhen und eine sehr sublime Ethik lehren uud fordern würde. Daun hätte man eine Weltreligiou, wie sie diejenigen anstreben, welche den Satz bestreiten, das Judenthum sei zu allernächst eine Stammesgemeinschaft, und welche an dessen Statt es als einw Fuudamentalsatz hinstellen möchten, das. Judenthum sei eine Mligion und nichts weiter als eine Religion. 10. — Aber wird mau unter der Herrschaft solcher Gedankengänge nicht dazu getrieben werden, die Conseqnenzeu zu ziehen? — Bereits gibt es ungemein viele jüdische Stammesangehörige, die keiner jüdischen Gemeinde sich angeschlossen haben und keiner solchen sich anzüschließen gewillt sind, oder die bereits solchen freireligiösen Genossenschaften beigetreten sind, deren Mitglieder nicht ausschließlich dem jüdischen Stamme angehören. Hört man auf die Reden dieser, so sagen sie, es sei für solche Juden, in deren Kreisen der Gedanke an einen Racenzusammenhang mit den übrigen Juden gänzlich geleugnet und ein Racenunterschied zwischen Juden und arischen Volksstämmen entschieden in Abrede gestellt wird, oder auch für solche, bei denen der nationale Gedanke gänzlich gestorben ist, auch nicht der allergeringste Grund vorhanden, die Schranken zwischen jüdischen Theisten und nichtjüdischen Theisten aufrecht zu erhalten, und man möge, ja man solle diese »schranken fallen lassen und zur Niederbrechung derselben voranschreiten. 11. — Das Judenthnm in seiner Selbstbeschränkung und als eine Nationalkirche ruht auf einem viel vernünftigeren und gesunderen Fundament, als es der Fall sein könnte, wenn es sich zu einer sogenannten Weltreligion answeiten würde. In der jüdischen Nationalreligion ist die natürlich gegebene Zugehörigkeit zum jüdischen Stamm das alle zusammenhaltende und einigende Band, und innerhalb derselben kann für den Einzelnen die unbeschränkteste Gedanken- und Forschungsfreiheit und für die Gesammlkirche die unbeschränkteste Entwickelungsfreiheit bestehen. Es braucht innerhalb einer Nationalkirche keine Dogmenstarrheit zu existiren. Auch in der altgriechischen Nationalreligion gab es keine erstarrte und sestformnlirte Dogmatik. Auch in der altgermanischen Religion gab es kein Credo und keinen Katechismus. Wären diese alten Nationalreligionen nicht durch die christliche Weltreligion und die sie begleitenden Dogmen verdrängt worden, so hätte die fortschreitende Cnltur und die wachsende Erkenntnis auch hier befreiend gewirkt und anhaftende zeitliche Jrrthümer und Unhaltbarkeiteil ausgestaltet, und auch diese alte Religionen wären za klarern Höhen emporgestiegen. 12. — Auch nichtjüdische religiöse Gemeinschaften, welche von Dogmenzwang vollkommen frei sind, werden tu der Gestaltung ihrer Culte und ihrer sonstigen Formen sich von den geographischen und geschichtlichen Bedingungen desjenigen Volkes bestimmen lasse > müssen, iu dessen Mitte sie existiren. Eine solche Religionsgemeinschaft im hohen Norden wird nicht den Palmzweig, wohl aber den Tannenbanm zu cultuellen Zwecken verwerthen; in einem Lande mit der Vegetation einer wärmereil Zone wird es sich umgekehrt verhalten. In Nordamerika wird man ein Herbstfest im October oder November feiern, in Argentinien oder Brasilien dagegen im März oder April. In den Vereinigten Staaten wird man am 4., und in Frankreich am 14. Juli nach lvie vor ein dem Gedanken der Freiheit geweihtes Fest seiern; unter den Juden dagegen, und blos unter den Juden, am 15. Nissan. Solche verschiedene und doch innerlich verwandte freie und nationale Religionsgenossenschaften können und werden freundschaftlich und sich gegenseitig fördernd nebeneinander hergehen. „Indem die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten." Und indem jede nationale Religion selbst immer wächst in Licht und Wahrheit und immer mehr fördersam einwirkt auf die betreffende Nation, trägt sie zur Schmückung der ganzen Menschheit bei. 13. — Durch eine sogenannte Universalreligion ist die Menschheit immer der großen Gefahr ausgesetzt, dass für sie Geistesketten geschmiedet itub dadurch freies Denken und Streben und Sichentwickeln vielfach gehemmt werden könnte. Denn die Bekenner einer solchen Religion müssen doch jedenfalls irgend etwas Gemeinsames haben. Und was kö.tnte dieses Gemeinsame sein? Was anders als eine verpflichtende Dogmatik? Aber wo es bindende Dogmen gibt, da gibt es auch Ketzer, und tvo es Ketzer gibt, da gibt es auch Ketzergerichte, eventuell: Entsetzung von religiösen Lehrämtern, Excommunieationen u. s. w. Und der Boden ist dann dazu vorbereitet, dass auf ihm Intoleranz, Fanatismus und andere Giftblumen erblühen können.