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Die Wahrheit · 1901-12-10 · Heft 49 (10.12.1901) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 49 (10.12.1901)
Date
1901-12-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 49 vie Wahrheit. Seite 7. xsreumuZ gesetzt worden wäre, wurde vom Cultusvorstande abgelehnt, weil man das Geld für andere Zwecke brauchte. Die Inspektion im Nebenamt, die bei uns in Hebung ist, taugt nichts und ist auch anderwärts zumeist aufgegeben worden. _Dann ist anderwärts der Schuldirector eine Mittelperson zwischen Lehrer und Inspektor, hier aber stehen manche Directoren dem Jnspector feindselig gegenüber, und Niemand nimmt sich die Mühe, ihn zu unterstützen. Wir haben einen gutgemeinten Lehrplan und ausgezeichnete Instructionen, aber sie stehen nur auf dem Papier. Baurath Stiaßny sieht sich veranlasst, gegen zwei in der heutigen Debatte gefallene Bemerkungen Stellung zu nehnren. Die vom Herrn kais. Rath Pollak gegen die Mittelschullehrer vorgebrachten Anklagen scheinen ihm nicht begründet, denn er habe in maßgebenden Fachkreisen niemals abfällige Aeußerungen über dieselben gehört, und auch die Ausführungen desselben Redners über das Studium der hebräischen Sprache fordern eine Entgegnung heraus. Es wurde gegen den Unterricht in der hebräischen Sprache geradezu ein Sturmlauf unternommen. Derartige Bewegungen müssen auf das richtige Maß eingeschränkt werden, 'wenn der mühsame Aufbau der letzten zwanzig Jahre nicht niedergeriffen werden soll. Das Vokabelstudium wurde abfällig beurtheilt, aber ohne Vocabeln ist die Kenntnis einer Sprache nicht möglich. Es wurde auch ein Vergleich der griechischen und hebräischen Sprache angezogen und in dieser Hinsicht maße er sich ein wenn auch nicht autoritatives, doch bcachtenswerthcs Urtheil an. Und er müsse aus eigener Erfahrung constatiren, dass das Studium der hebräischen Sprache ihm jederzeit vollste Befriedigung gewährt habe. Die Erhabenheit ihrer Diction ist unerreichbar und sie kann auch nicht als todte Sprache hingestellt werden, da zwei Millionen Juden nur aus derselben ihre Kenntnis der Litteratur und Geschichte schöpfen. „Lassen Sie", so schließt Redner seine Ausführungen, „der hebräischen Sprache den ihr in der Schule gewidmeten Spielraum, Sie werden damit den Kindern großes Wohlwollen beweisen. Das Judenthum ist auf einer viel größeren Basis als auf der der 160.000 Wiener Juden aufgebaut und ein wichtiger Baustein dieser Basis ist die Kenntnis der hebräischen Sprache." Kaiser!. Rath Wilhelm Pollak: Herr Baurath Stiaßny hat mit seiner bekannten Liebenswürdigkeit auch dieser Sache liebenswürdige Seiten abzugewinnen gesucht. Ick möchte ihn wohl nicht den Beschwichtigungshofrath, aber den Beschwichtigungs-Baurath nennen. Aber wer die Klagen der Eltern in der Schulfrage nicht hört, der muß die Ohren mit Watte verstopft haben. Meine Absicht in dieser Frage geht keineswegs dahin, das Lehrziel und die Kenntniße des Hebräischen herabzudrücken, sondern ich wende mich nur gegen das unnütze Vocabel-Lerneu und Auswendigbüffeln. Denselben Standpunkt nehmen ja auch die vom Vorstande verfassten Jnstractionen von 1894, auf die ich hiemit verweise, ein. Diese Instructionen sollen nur streng gehandhabt und von den Schul-Jnspectoren gehörig überwacht werden. Vicepräsident Dr. Ko hu: Die heute vorgebrachten Klagen stammen aus einer Zeit, in welcher der neue Lehrplan noch nicht bestanden hat. Die Wirkungen des letzteren konnten bisher noch nicht zur Geltung gelangen, da derselbe erst am 15. September d. I. die behördliche Genehmigung erlangte. Durch diesen Lehrplan, an dessen Abfassung auch die so arg verfehmten Mittelschullehrer mitgewirkt haben, wird allen Anforderungen und Erwartungen entsprochen werden. Die angebliche Kaltstellung des Schuldirector Simon in der Schulcommiffion ist von ihm selbst schon berichtigt worden, aber auf ein anderes Moment müsse noch hingewiesen werden. Die Schuleommiffion fasst in erster Linie nur die Bedürfniße der Schule im Auge, der Gesammtvorstand hingegen müsse sich auch von anderen Rücksichten leiten laffen, und darum können die wohlgemeinten Anträge der elfteren nur allmälig zur Durchführung gelangen. Die Vokabelplage mag in einzelnen Fällen vorgekommen sein.aber durch die neuen Instructionen wurde eine Remedur geschaffen, welche die Ursachen der bisherigen Klagen sicherlich beheben wird. Die Kenntnis der hebräischen Sprache ist aus mehrfachen Gründen absolut nochwendig. Die hebräische Sprache ist ein einigendes Band für das gesammie Judenthnm, sie ist für den Gottesdienst unentbehrlich und sie birgt auch im Originaltexte Schönheiten, die bei einer Uebersetzung niemals zur Geltung kommen. Und der Unterricht in der Sprache muß von unten aufgebaut werden. Herr kais. Rath Pollak hat auch darüber Klage geführt, dass die Kinder selbst am siebenten Tage nicht ausruhen können. Dies ist jedoch nicht eine Folge der finanziellen Verhältniße, auch nicht des Mangels an Lehrkräften, sondern ist in der Institution der Sammelschulen begründet. Jüngst wurde in her Schuleommiffion ein Lehrer gerügt, weil er am Samstag Unterricht ertheilt und dadurch vom Gottesdienste in der Synagoge fernbleiben muß. Allen kann man es eben nicht recht machen. Bezüglich der Schulinspection theilt Vicepräsident Dr. Kohn vollkommen die Ansichten des Herrn Schuldirector Simon, aber zur Verwirklichung derselben bedarf es großer finanzieller Opfer, die erst in einer späteren Zeit möglich sein werden. Dass die Mittelschullehrer Hungerlöhne beziehen, ist ebenfalls richtig, und cs wird in nächster Zeit ein auf eine, wenn auch nur geringe Besserung dieser Verhältniße abzielendcr Antrag dem Plenum vorgelegt werden. Hierauf erfolgt die Abstimmung über das Unterrichtsbudget, wobei die Voranschläge einstimmig angenommen werden. . 6. Armen wesen undWohlthätigkeits- Anstalten. Cultusvorsteher E l t b o g e n ist der Ansicht, dass die Erhöhung der gegenwärtige» Cultussteuer-Eingänge, die auf das Conto des neuen Wahlcensus gesetzt wird, und die Entsendung so ausgezeichneter Mitarbeiter auch ohne das den Höchstbesteuerten eingeräumte Wahlprivilegium erfolgt wäre. Die Erhöhung der Cultussteuer beträgt 300.000 Kronen, ist man aber in gleichem Maße den Wünschen der Steuerträger gerecht geworden? Haben wir neue Tempel nach Bedürfnis gebaut? Haben wir neue Religionsschulen errichtet? Haben wir für rituelle Einrichtungen, für die Beschaffung von Koscherflefich 2c Sorge getragen? Alle diese Fragen müssen verneint werden. Daraus kann aber keineswegs der Finanzverwaltung ein Vorwurf gemacht werden, sie hat gespart, wo sie nur konnte, aber die Verwendung der zur Verfügung gestellten Beträge war keine richtige. In erster Linie müsse auf die religiösen Angelegenheiten Rücksicht genommen werden. In den 20 Bezirken Wiens bestehen nur fünf Gemeinde-Bethäuser, während es dringend wäre, dass in allen Bezirken, wo keine Gotteshäuser bestehen, solche errichtet werden. Redner beantragt schließlich, die freiwillige Steuer in der V. Curie aufzulaffen und statt derselben die obligatorische Fünf-Gulden-Steuer einzuführen. Hiedurch würden seiner Berechnung nach circa 10.000 Steuerträger herangezogen werden können. Die hiemit verbundene Erweiterung des Wahlrechtes wäre ebensosehr im Jntereffe der Gemeinde als deren Finanzen gelegen. Vertreter Oberfinanzrath Dr. Rappaport erinnert daran, dass im ganzen nur vier Personen sich zur Leistung der freiwilligen Stener gemeldet hätten und von den 14.000 Steuerträgern werden viele Gesuche um Nachlass eingebracht. Mittelst der neuen Statistik werde es wohl möglich sein, neue Kreise zur Steuerleistung heranzuziehen, aber der Effekt werde nicht so groß sein. Allerdings ist es nothwendig, dass die Cultusgemeinde für die religiösen Bedürfniße Sorge trägt, allein, wenn man sieht, dass die bestehenden Tempel leer bleiben, wäre es ein gewaltiges Unrecht, unseren reichen Glaubensgenossen Millionen für den Bau neuer Tempel zu erpressen. Mit den Vertretern dieser Kreise find tüchtige Männer in den Vorstand gelangt, deren Arbeitsfreudigkeit und Gedankenreichthum Jedermann erfreuen muss. Bor die Frage gestellt.

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