Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 49 (10.12.1901)
- Date
- 1901-12-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Dte Wahrheit. Nr. 49. Cultusvorsteher Salo Cohn findet den Vergleich der griechischen Sprache mit der hebräischen nicht zutreffend. Die griechische Sprache ist die Grundlage der modernen Bildung, und wenn auch die erhabene Ethik der jüdischen Litteratur unbestritten bleibt, so kann dennoch die hebräische Sprache nicht auf eine . Stufe mit der griechischen gestellt werden. Cultusvorsteher Dr. Berger hält die Errichtung einer Lehrerpräparandie solange nicht für zeitgemäß, als die Grundlage für dieselbe fehlt. Vorerst müsse die Talmud Thora- Schule ausgebildet und erweitert werden. Was die hebräische Sprache betrifft, so ist ihre Diction, namentlich bei den Propheten, eine so erhabene, dass kaum eine zweite Sprache mit ihr sich mcffeu kann. Cultusvorsteher G e w i t s ch dankt Herrn Dr. Spitzer für feine Ausführungen namens jener Kreise, die nicht nur israelitisch sondern auch jüdisch fühlen. Es ist ein Jrrthum, wenn man sagt, dass die hebräische Sprache eine tobte sei, sie ist vielmehr eine Verkehrssprache Hunderttausender von Glaubensgenossen. Nach einer Bemerkung des Herrn kaiserl. Rath Hirsch, der aus den divergirenden Anschauungen der Vorredner auf eine Divergenz der Ansichten der Bevölkerung schließen zu können glaubt, wird die General-Debatte geschloffen. Speciat-Aevatte. A. Bethäuser, Cultns- und rituelle Angelegenheiten. (Wird ohne Debatte angenommen). L. Unterrichtswesen. Vorsitzender kaiserl. Rath H. Klinger: Herr Cultusvorsteher Gcwitsch, der ein sehr eifriges Mitglied der Schulcommiffion ist, wird in derselben gewiss die Ueberzeugung gewonnen haben, dass diese Commission dem Judenthume und dem Unterrichte ausgiebige und sorgfältige Pflege angedeihen lasse. Cultusvorsteher G e w i t s ch constatirt den guten Willen der Schulcommiffion, dankt für die ihm seitens des Präsidenten ertheilte Anerkennung und lenkt die Aufmerksamkeit des Vorstandes darauf, dass es nothweudig sein werde, für die Vermehrung der Besuchsstunden der Bibliothek eine besondere Reserve ins Auge zu fassen, da die in der Reserve eingestellten 1000 Kr. nur für Bücher-Auschaffungen und Vermehrung des Inventars bestimmt sind. Vicepräfldent Dr. Kohn bestätigt die Richtigkeit dieser Bemerkungen und erklärt, dass die Commission in Bälde genöthigt sein werde, mit einem diesbezüglichen Anträge an das Plenum heranzutreten. Kais. Rath Wilhelm Pollak freut es, den Ausführungen des Herrn Dr. Spitzer bezüglich der Schule zustimmen zu können, und fühlt sich gedrungen, bei Gelegenheit der Budgetdebatte in öffentlicher Sitzung Einiges über den Religionsunterricht an den Mittelschulen vorzubringen, um den vielfach zu ihm dringenden Klagen der Eltern Ausdruck zu verleihen. Vor mir liegt sowohl die alte, als die neue Instruction für den Religionsunterricht; bei einem blos oberflächlichen Blick in dieselbe muß man zugestehen, dass sie seitens der Mittelschullehrer auf den Kopf gestellt wird. Dieses Vorgehen ist aber geeignet, die Jugend dem Judenthum eher zu entfremden, als wirkliche Religiosität, wirkliche Begeisterung für die angestammte Religion bei den Mittelschülern zu erwecken. Ich begrüße daher den Schritt, der gemacht werden soll, und wenn er auch für die Cultusgemeinde mit größeren Geldopfern verbunden sein sollte, die Mittelschullehrer in ein gewisses Verhältnis zur Cultusgemeinde zu bringen. Ich erwartete von dem Eintritt eines hervorragenden Schulmannes in den Cultusvorstand Großes auf diesem Gebiete, glaube aber, dass er durch die Behandlung des Stoffes arbeitsmüde geworden ist. Die Ueberwachuug des Unterrichtes durch Schulinspectoren, in deren Reihen sich ausgezeichnete Männer befinden, ist ungenügend, denn die Jnspectoren sind durch Unterricht und andere amtliche Functionen verhindert, ihren Obliegenheiten in jener Weise nachzukommen, welche die Wichtigkeit der Sache erheischt. In Deutschland ist man längst darauf gekommen, die Schulinspectoren von jeder anderen Beschäftigung loszuschälen, damit dieselben sich diesem Berufe voll und ganz widmen können. Ich halte es für Pflicht der Cultusgemeinde, gerade bei der Schule zu beginnen und ihr Hauptaugenmerk auf diese Stätte zu lenken, damit die Jugend, erfüllt von den Aufgaben des Judenthums, gekiäftigt durch die historische Bedeutung desselben, auf 'den schweren Weg durchs Leben vorbereitet, nicht aber durch bloßes Auswendiglernen von Vocabeln und grammatikasischem Ballast, eine Sprachkenntnis erwerbend, der wahren Religion entfremdet werde. Die Kinder können oft trotz papageienhaft eingedrillter Vocabeln bei Trauerfällen kaum Kaddisch sagen und sind über die wichtigsten Vorkommniße der Liturgie im Unklaren. Ein fernerer Uebcl' stand ist es, dass das Princip: „Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebenten Tage ruhen!" bei den jüdischen Schulkindern nicht zur Geltung kommt. Wenn wir auch als Minorität im Staate nicht verlangen können, dass der Samstag geheiligt werde, so könnte doch der Sonntag für die Schulkinder bei einigem guten Willen und Inanspruchnahme des Säckels der Cultusgemeinde durch Vermehrung der Lehrer freigehalten und so der Ruhetag geschaffen werden, dessen die in der Entwicklung befindliche Jugend so sehr bedarf. Wenn das jüdische Kind im Leben naturgemäß einen schwereren Kampf zu bestehen haben wird, so muß man doch dafür sorgen, dass es nicht schon in der Schule empfindet, dass ihm größere Lasten auferlegt sind als den übrigen Staubgeborenen. Und die Schüler sollen auch wissen, dass der Cultusvorstand ein warmes Herz für ihre Empfindungen und Bedürfniße hat; der Gemeinde wird es sicherlich zur Ehre gereichen, wenn sie speciell für die Schuljugend ihr ganzen Kräfte einsetzt. Ich erwarte von den neuen Vorstandsmitgliedern, welche wir so freudig an der Arbeit theilnehmen sehen, dass sie auch in dieser Richtung ihren neuen Geist und ihren mächtigen Einfluss zu Gunsten der Jugend geltend machen werden. Der Vorsitzende kais. Rath Klinger glaubt, dass es nicht die Absicht des Vorredners sein könne, die . Mittelschullehrer anzugreifen; dies seien Männer, welche die unbedingte Achtung verdierren und die ihre schwere Anfgabe mit Gewissenhaftigkeit erfüllen. — Der Präsident müsse immer, nach wie vor, darauf zurückkommen, dass die Grundlage für den israelitischen Religionsunterricht und mancher Widerstand gegen denselben in der Familie selbst zu suchen sei. Herr kais. Rath Pollak sei Mitglied der Schulcommissinn und habe dort Gelegenheit, seine Beschwerden vorzubringen und Verbesserungen zu beantragen. Cultusvorsteher Dkrector Simon ergreift gegen seine Neigung das Wort, da jedoch Herr kais. Rath Pollak sich auf seine Person bezogen habe, sehe er sich bemüssigt, die Ausführungen desselben in einigen Punkten richtig zu stellen. In der Schulcommiffion habe er jederzeit das größte Entgegenkommen gefunden und keineswegs sei er die einzige Person, die in der Schulcommiffion arbeite, sondern mit ihm auch die beiden Vorsitzenden und -ein Vorstandsmitglied, das man das „Gewissen der Schulcommiffion" nennen darf. Wenn Jemand für das, was bisher nicht geschehen ist, verantwortlich gemacht werden kann, so ist es nur der Gesammtvorstand. Was die Religionslehrer betrifft, ist es nur ein Zufall, wenn Einer ein guter Lehrer ist. Es fehlt der Antrieb zur Begeisterung. Unsere Religionslehrer haben Hungerlöhne, sie müssen an verschiedenen Schulen unterrichten, und haben, was sonst nirgends vorkommt, dreißig Unterrichtsstunden wöchentlich. Dass wir kein Lehrerseminar besitzen, ist auch nur unsere Schuld, uostra oulxa. Ein diesbezüglicher Antrag des Redners, die Goldschmidt-Stiftung ausschließlich für die Errichtung einer derartigen Lehranstalt zu verwenden, wodurch dem Stifter ein Denkmal ävrv