Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 49 (10.12.1901)
- Date
- 1901-12-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 49. Die Wahrheit. Seite 5. „Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis in Wien" zuzuwenden, dem Verein zur Krankenpflege und Unterstützung Handlungsangehöriger Israeliten in Wien K. 2000, dem Vereine zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten K. 2000, der Armenanstalt der israelitischen Cultusgemeinde in Wien K. 5000, dem israelitischen Wohlthätigkeitsvereine „Frauenhort" im IX. Bezirke K. 2000, dem „Kinderheim". Verein für Heimstätten für verkrüppelte schwache und reconvalescente Kinder jüdischer Konfession K. 2000. Aus einer Zuschrift des Herrn Dr. Engen Ritter von B o s ch a n wird zur Kenntnis gebracht, dass seine am 13. d. verstorbene Mutter, Frau Antonie von Boschan, der Cultusgemeinde letztwillig einen Betrag von fl. 10,000 testirt habe, mit der Bestimmung, dass die Zinsen dieses Capitales alljährlich am 14. Februar an zehn arme Familien zur Vertheilung zu gelangen haben. Der Präsident verweist auf die Bedeutung der vorerwähnten Stiftungen und Legate und gibt im Namen des Gesammtvorstandes der Ueberzeugung Ausdruck, dass der Stifterin ein ehrendes Gedächtnis bewahrt bleiben werde. Budget pro 1902. Nach Verlesung der Einläufe gelangen die Voranschläge pro 1902 zu Verhandlung. Eingangs derselben bemerkt der Vorsitzende, kaiserl. Rath H. Klinger, dass die eingehende detaillirte Berathung der einzelnen Budgetposten schon vorher in den Commissionen und im Vertreter-Collegium erfolgt sei, woselbst das vorliegende Präliminare einstimmige Annahme gesunden habe. Der heutigen Plenarversammlung obliege es nun, die Beschlüsse des Collegiums zu genehmigen oder abzuändern. Nach Festsetzung des Voranschlages durch den Cultusvorstand wird derselbe, gemäß § 90 der Statuten, durch 14 Tage nach erfolgter Verlautbarung in der „Wr. Zeitung" zur Einsicht der Gemeiudemitglieder aufliegen und eventuell einlangende Erinnerungen seitens letzterer werden vom Vorstande in Erwägung gezogen werden. Hierauf erstattet der Obmann der Finanz-Commission, kais. Rath Hirsch, ein eingehendes Referat über das Budget pro 1902, indem er bei den Ziffern der einzelnen Capitel die correspondirenden Einnahms- und Ausgabsposten des Vorjahres hervorhebt und durch deren Vergleichung ein gedrängtes Bild vermehrter oder verminderter Thätigkeit in den einzelnen Verwaltungszweigen bietet. Der Voranschlag für das Jahr 1902 weist ein Gesammterfordernis von K. 2,077.520 51 und eine Gesammtbedcckung von K. 1,912.174'09, somit ein Deficit von K. 165.346'42 auf. A. Bethäuser, rituelle und Cultusangelegenheiten. Einnahmen K. 232.521, Ausgaben K. 417 264, Zuschuss K. 184.743. B. Unterrichtswesen. Einnahmen K. 56.278-28, Ausgaben K. 235.452-28, Zuschuss K. 209.174. 0. Armenwesen und Wohlthätigkeitsanstalten. Einnahmen K. 133.146 70, Ausgaben K. 534-105, Zuschuss K. 400.958 30. D. Finanzen und Controlle. Einnahmen K. 1,092.618-11, Ausgaben K. 451.025 97, Überschuss 611.592-14. E. Administration und Rechtsangelegenheiten. Einnahmen K. 7.110, Ausgaben K. 28.301, Zuschuss K. 21.191. E. Friedhofs- und Beerdigungswesen. b Einnahmen K. 390 500, Ausgaben K. 240.372 26, Überschuss K. 150.127-74 Besondere Auslagen: K. 141.000. Nach eingehender Beleuchtung aller jener Momente, die ein größeres oder geringeres Erfordernis im Budget erheischen, schließt kais. Rath Hirsch seine. Ausführungen mit folgenden Worten: „Angesichts dieser budgetären Lage werden Sie mir es gewiss nicht übel nehmen, wenn ich sage, dass sich meiner eine gewisse Unruhe bemächtigt. Die einzelnen Erforderniße sind knapp nach dem Ergebniße des laufenden Jahres aufgestellt und es wird Ihrer ununterbrochenen Anstrengung bedürfen, Ersparniße zu erzielen. Das Nothwendige und Wünschenswerthe haben Sie bereits in Ausführung gebracht und Sie dürfen sich nicht verleiten laffen, Wünsche und Bestrebungen, so billigenswerth diese an sich auch sein mögen, leichten Herzens zu erfüllen, sondern müssen scharf rechnen und nur das unumgänglich Nothwendige und Unabweisliche in den Kreis Ihrer Betrachtung ziehen, um endlich das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben herzustellen, durch welches allein die Grundlage einer gefunden Wirthschaftsgebahrung gewährleistet wird. Ich bitte Sie um Genehmigung dieses Voranschlages." Henerak-Aeöatte. lieber Wunsch der Versammlung wird eine General- Debatte über die Voranschläge eröffnet. Cultusvorsteher Ge witsch constatirt zunächst, dass das vorliegende Budget ihm finanziell nicht ungünstig und auch das Defizit nicht besonders erschreckend erscheine, aber die zunehmende Verschlechterung der Verhältniße der mittleren Schichten der jüdischen Bevölkerung Wiens, die Verarmnng des Kaufmannstandes rathen zur Vorsicht in der Einsetzung der Bndgetziffern für die nächsten Jahre. Durch die zum Theil in Berathung befindlichen, theils schon zur Geltung bestehenden Gesetze zum Schutze der landwirthschaftlichen Production, sowie durch confeffionelle Exesse in den Provinzen wird ein Zuzug jüdischer Händler aus Galizien und verarmter Kaufleute aus anderen Kronländern nach Wien verursacht, und durch das Verbot des Terminhandels eine weitere Verarmung der Product.'ubörse in Wien bedingt werden. Dies sind Momente, die eine schwere Erschütterung des Gemeindebndgcts herbeiführen können, und darum scheine es ihm geboten, für die nächsten 5—10 Jahre eine besondere Reserve anzulegen, um gegen alle Eventualitäten geschützt zn sein. Zum Schluffe seiner Ausführungen constatirt der Redner, dass das Budget im Allgemeiuen in allen Punkten correkt ausgestellt ist und der Finanzverwaltung der Cultusgemeinde Anerkennung nicht versagt werden kann. Bezirksschulrath Dr. spitzer bedauert zunächst das geringe Interesse der Gemeiudemitglieder an den Beratynngen für den Gemeindehaushalt. Durch die Anwesenheit bei denselben würden sie erst erkennen, in welch großartiger Weise die Cultusgemeinde für die mannigfachsten Bedürfniße sorgt Redner will jedoch das Lob nicht ganz uneingeschränkt eltheilen. Das vorliegende Budget zeigt eine merkwürdige Erscheinung. Während das Armenbudget fast 50 Percent sämmtlicher Slnereingänge absorbirt. nimmt das Cultusnnd Unterrichtsbudget kaum zwei Drittel dieses Betrages in Anspruch. Wohlthat zu üben, entspricht wohl dem jüdischen Herzen und der jüdischen, in der Wiener Cultusgeme nde stets hochgehalteneu Tradition, und gewiss hat auch der gegenwärtige Cultusvorstand Ausgezeichnetes auf diesen! Gebiete geleistet; aber durch die Armenpflege dürfen nicht Cnltus und Unterricht verkürzt werden. Auf der sorgfältigen! Pflege dieser beiden Zweige beruht die Existenz und die Zu-! kauft des Judenthums. Besonders auf dem Gebiete des Unterrichtes wäre noch! Manches zu wünschen übrig. Vor allem fehlt es uns an jüdischen Lehrern von Berns. Es wäre daher eine der wichtigste» Aufgaben des österreichischen Judenthums, eine jüdische Lchrer-! präparandie ins Leben zu rufen. Dann mangelt es au Vorj trägen über jüdische Litteratur und Geschichte. Da sollte die j jüdische Cultusgemeinde nicht nur jene Institutionen fördern, die nach dieser Richtung auf das Volk belehrend wirken, sondern auch selbst eine derartige Institution gründen. Um die griechische Sprache wird gegenwärtig ein harter Kampf geführt, und die hebräische Sprache, die viel höher steht und eine Litteratur voll erhabener Ethik besitzt, findet bei uns so geringe Pflege. Es ist zu staunen, wie wenig Begeisterung für jüdische Geschichte und Litteratur unter uns herrscht, und doch kann nur diese gute Juden bilden.