Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 49 (10.12.1901)
- Date
- 1901-12-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 49. standenen Interesse des localen jüdischen Gemeinwesens wäre dies allenfalls das einzige Mittel, die verschiedenen Misshelligkeiten zu beheben. Möge man doch Umschau halten in den ausländischen Curstädten, wie Kiffingen, Wiesbaden u. a. m., wo die localen Cultusgemeinden die jüdischen Anstalten in conservativem Sinne leiten und verwalten, wie da das ganze jüdische Gemeinwesen blüht und gedeiht! -Selbst die extremsten chassidischen Curgäste machen hier in religiöser Beziehung keinerlei Sonderansprüche. Sie haben vollkommenes Vertrauen zum Rabbiner, zur Schechita, wie überhaupt zu den Institutionen der Gemeinde, die sie auch ihren Verhältnißen gemäß unterstützen. Oft hört man in reformirten jüdischen Gemeinden den Vorwurf, dass die sogenannten „Frommen" die gemeinnützigen Anstalten am wenigste» unterstützen. Dies hat aber zum Theile auch einen religiösen Hintergrund. Der gesetzestreue Jude, dem die im historischen Judenthume wurzelnden Vorschriften und Anordnungen als Lebensgesetze gelten, betrachtet die Cultusresormen als religionswidrige Anstalten, die er nicht fördern und erhalten will. Selbst humanitäre und Wohlfahrts-- Institute, wenn dieselben unjüdisch verwaltet werden, wird der eonservative Jude nur mit Vorbehalt unterstützen. Doch wie gesagt, ein wohlthuender Umschwung zum jüdischen Conservatismus ist in den böhmischen Curstädten nicht zu erwarten. Die localen Cultusvorstände mögen es aber erwägen, ob es nicht ein löbliches Werk wäre, an den vielen tausenden conservativen Glaubensgenossen religiöse Gastlichkeit zu üben. Ein geräumiges Bethaus mit streng conservativem Ritus und unbedingt verlässliche Schochtim, das wären die wichtigsten Anstalten, und viele Tausende Glaubensbrüder aus allen Weltenden würden den Edelsinn und die religiöse Duldsamkeit dieser fortschrittlichen Gemeinden mit Genugthuung weit und breit verkünden. Allerdings müssten diese Anstalten in religiöser Beziehung auch von gesetztreueu Rabbinen beaufsichtigt werden. Dieser Umstand würde aber den einheitlichzn Charakter der Gemeinde durchaus nicht gefährden. Die conservativen Rabbiner, die in den Curstädten zeitweiligen Sommeraufenthalt nehmen, werden herzlich gern Louorio causa die Ueberwachung der Ritualien abwechselnd übernehmen. Die conservativen Curgäste hingegen würden es als religiöse Pflichtthat schätzen, derartig creirte jüdische Institutionen nach bestem Können zu unterstützen. Nicht unerwähnt sei noch der sehr deprimirende Umstand, dass die drei weltberühmten Badeorte nicht ein einziges rituelles Bad besitzen. Die Franzensbader Cultusgemeinde wäre am ehesten in der Lage, die Errichtung eines rituellen Bades zu fördern, und es unterliegt keinem Zweifel, dass der Eigenthümer eines Badehauses durch den nöthigen, mit ganz geringen Kosten verbundenen Zubau auch ein sehr rentables Geschäft dabei machen würde. Die Franzensbader Cultusgemeinde ist die kleinste in den drei Curstädten, hat aber den positiven Vortheil, dass hier die Reformen auf religiösem Gebiete keineswegs solche Dimensionen angenommen haben, als in Karlsbad und Marienbad. Die leitenden Männer dürften aus der eigenen Vergangenheit und aus dem Beispiele der Schwestergemeinden lernen, dass nicht in Cultusresormen das Heil eines jüdischen Gemeinwesens zu suchen ist. Guter Wille und gute Berathung könnte» hier ohne Schwierigkeiten recht bald bessere jüdische Verhaltniße einführen, und die Franzensbader Cultusgemeinde würde mir ihrer Intelligenz, mit ihren religiösen und humanen Anstalten als Muster und Vorbild dastehen. öudget der Wiener Cultusgemeinde. Die gewaltige Ausdehnung, die die Wiener Cultusgemeinde in den letzten Jahren genommen hat, findet einen beredten Ausdruck in den Ziffern des Voranschlages pro 1902, der in der am 15. d. stattgehabten Vorstandssitzung zur endgiltigen Beschlussfassung vorlag. Mehr als zwei Millionen Kronen beträgt das Gesammtersordernis, und diese gewaltige Ziffer zeigt einerseits von der großen Opferwilligkeit der Wiener Glaubensgenoffen und andererseits von der Vielseitigkeit der Agenden der Cultusgemeinde und der großen Summe der Arbeitsleistungen, die zur Bewältigung derselben nöthig ist Die Debatte, die sich, wie gewöhnlich bei derartigen Anläffen, in großen Zügen bewegte und manche Momente von hervorragendem allgemeinem Interesse bot, befasste sich weniger mit einer Kritik der eigentlichen Finanzverwaltung, die rechts und links vollste Anerkennung fand, sondern brachte principielle Anschauungen über die Art der Fürsorge für die einzelnen Verwaltungszweige und die diesbezüglichen Wünsche der verschiedenen Bevölkerungsschichten zum Ausdruck. Die Einen wollten dem Cultus, die Anderen dem Unterrichte, ein Dritter wieder dem Armenwesen eine intensivere Pflege angedeihen lassen. Das Richtige liegt wahrscheinlich auf jener goldenen Mittelstraße, die auf die mannigfachen Bedürfniße der Bevölkerung, auf die Tradition der Wiener Cultusgemeinde und das berzustellende Gleichgewicht im Gemeindehaushalte gleiche Rücksicht nimmt; und diesen Weg ist der Vorstand bei Aufstellung des Budgets auch gegangen. Im Nachfolgenden der Bericht: Spenden und Ginkärife. Aus den Einläufen wird zur Kenntnis gebracht an Spenden: Von Frau Pauline Bondy, zur Errichtung einer Bettstiftung für die Siechenabtheilnng des israelitischen Versorgungs- Hauses zur Erinnerung an ihren seligen Gatten, Herrn Philipp Bondy. über freundliche Intervention der . Frau Jda Diamant 12.000 Kronen; von Herrn^Moriz Karpeles, anlässlich der Vermählung seiner Tochter, für das Altersversorgungshaus 500 Kronen, für das israelitische Spital 500 Kronen, zusammen 1000 Kronen; von Herrn Max Weiner, für das Siechenhaus 1000 Kronen; von Herrn Wolf Pdlaczek, anlässlich des Ablebens seiner Gattin Frau. Charlotte Polaczek, für Arme 1000 Kronen; von Frau Rosa Kowanitz, als Legat ihres verstorbenen Gatten, für Arme 500 Kronen; von Herrn Alois Hofmann, zur Anschaffung von Heizmaterial für Arme 50 Kronen, znr Bekleidung armer Schulkinder 50 Kronen, zusammen 100 Kronen; von „Anonymus", für 5 arme jüdische Familien mit kranken Kindern 50 Kronen; von „C. B." für den Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis 6 Kronen,;fflv den israelitischen Waisenverein, 6 Kronen, für den Verein für arme Galizier 6 Kronen, zusammen 18 Kronen; von Herrn Eduard Gr et sch, für die Chewra Kadischa 10 Kronen, für die Armenanstalt 10 Kronen, zusammen 20 Kronen; von Herrn k. u. k. Oberstabsarzt Dr. Jakob Treulich, znr Ansspeisung armer Kinder 10 Kronen, für das Siechenhans 10 Kronen, zusammen 20 Kronen; von Herrn Bernhard G o ld m a n n, für den füe arme Brustkranke 10 Kronen; von Frau Laura Ehreufeld, für Arme 10 Kronen; von der Firma Mendel u. Löwy, Kanzleirequisiten für das israelitische Altersversorgungshaus. Ferner eine Zuschrift, mit welcher Herr Vorsteher Wilhelm Kuffner mittheilt, dass er betreffend einen von ihm zum Andenken an seinen verstorbenen Sohn Erwin Kuffner an der Wiener Handelsakademie errichteten Stiftplatz dem Cultusvorstande für einen Eventualfall das Nominirungsrechr eingeräumt habe. Des Ferneren wird ein Erlass der niederösterreichischen Statthalterei des Inhaltes mitgetheilt, dass die Herren Karl und Wilhelm Hirsch, Testamentsexecutoren nach Herrn Ernst Hirsch im Einverständniße mit dem Abhandlungspfleger Dr. Ignaz Stiedry beschlossen haben, von dem Legate des Herrn Ernst Hirsch per K. 80.000 den Theilbetrag von K. 60.000 nachstehenden Wohlthätigkeitsanstalten zuzuwenden, und zwar: dem Spitale der israelitischen Cultusgemeinde K. 12 000, dem Siechenhause der israelitischen Cultusgemeinde K. 12.000, dem israelitischen Bliudeninstitute in Wien K. 10.000, dem israelitischen Humanitätsvereine „Wien, Lnai Lritst" K. 13.000, mit der Bestimmung, den Theilbetrag von K. 8000 dem „Verein zur unentgeltlichen Verpflegung armer Brustleidender auf dem Lande" und den Theilbetrag von K. 5000 dem