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Die Wahrheit · 1901-12-10 · Heft 49 (10.12.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 49 (10.12.1901)
Date
1901-12-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die WahrHsit Redaktion u. Administralion UmWngige Keilschrift für Msche JfoiBgspuit: Wien. 11/1, Novaragaffe 27. Jt k bsterr. Postsparcaffa Ganzjährig . . St. 12.— Halbjährig ... St. 6.— Ehe«!.Conto Nr. 846.251. > n fttai t: Jttfmjett. Für Lultus beamte: Ganzjährig ... St. 10.— 20 Heller ver Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: Abonnementsimb Insertion»» Ganzjährig .... 8 Rar! betrüge sind in Wien zahlbar. Motto: »Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 6 Rubel oder 16 Fret. Nr. 49. Wen, 89. Derember IM. Inhalt: Die jüdischen Verhältniße in den Curorten. — Budget der Wiener Cultusgemeinde. — Reisebriefe aus Holland. —Zur Organisation — Aufruf! — Verschiedene Nachrichten. Wir ersuchen die Könner und Ireunde unseres Blattes, in nssen öffentlichen Localen Hier und in der Krovinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Die Redaction. Die jüdischen Verhältniße in den Cnrorten. Von Dr. A. — Berlin, im December. II. In Karlsbad befindet sich allenfalls die bedeutendste Cultusgemeinde der weltberühmten böhmischen Curstädte und wenn hier die jüdischen Anstalten in jüdischem, d. h. religiösem Sinne functioniren würden, so wäre dies ein Segen für die weitesten jüdischen Kreise, die sich hier in den Sommermonaten unwillkürlich, aber doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit Rendezvous geben. Ich beufe nämlich an das gemüthvolle Gleichnis unserer Weisen: „Es ereignete sich einst, dass in einem Schiffe sich ein einziger Jude unter lauter Heiden befand. Da sprachen die Schiffsittsassen, als sie an einen Hafen gelangten, zum Juden, er möchte doch Geld nehmen und am Hasen etwas für sie einkaufen. Wie? meinte der Jude, bin ich denn nicht fremd in diesem Orte? Woher sollte ich denn wissen, wohin ich zu gehen hätte? Doch jene erwiderten: Ein Jude ist nirgends als Gast zu betrachten; deirn überall, wo Du hingehst, ist Gott Dein Begleiter; denn es steht geschrieben: Wo giebt es ein großes Volk, dem Gott so nahe ist, wie Gott unser Herr uns ist?" „Der Jude i st nirgends als Gast zu b e t r a ch t e n ", unter Juden aber ganz bestimmt nicht. Der jüdische Curgast, der noch Herz und Sinn für seiner Väter Religion hat, lässt sein Judenthum nicht zuhause^ Die praktische Pflege jüdischer Satzung, die er im Kreise der Seinigen bethätigt, will er auch in der Fremde, speciell im Curorte, wo er ein gemüthliches Leben führen möchte, nicht vermissen. Und die locale Cultusgemeinde hat die religiöse und moralische Pflicht, nach Maßgabe ihrer Verhältniße, den gesetzestreu lebenden Juden auf halbem Wege wenigstens entgegenzukommen. Was geschieht aber diesbezüglich in Karlsbad? Rein nichts! - . Wir wollen uns verständlich machen. Allerdings besitzt die Karlsbader Cultusgemeinde einen großartigen Tempel, einen Rabbiner, einen Obercantor rc. rc. Damit hat aber die Cultusgemeinde den wahrhaft religiösen Anforderungen, keineswegs Rechnung getragen. Man möge doch diesen officiellen CultuS bei Licht betrachten. An Wochentagen ist der öffentliche Gottesdienst fast ans Null reducirt. Am Sabbath sind es zum größten Theile — man verzeihe mir die Erwähnung dieser Thatsache — Nichtjuden und einige Orthodoxe, die sich aus Neugierde eine unentgeltliche Zerstreuung verschaffen wollen. Und doch sind in Karlsbad während der Saison permanent mehrere tausend Juden, die ganz bestimmt früh und abends nach herkömmlicher jüdischer Art ihre Gebete verrichten. Wäre es nun nicht eine echt jüdische That, ein Act wahrer Toleranz, diesen tausenden Glaubensgenossen die Möglichkeit zu bieten, in würdiger Weise den religiösen Obliegenheiten gerecht zu werden? Es hat vielleicht noch niemals ein Curgast den Vorwurf erhoben, dass die Cultusanstalten ihm zu wenig reformirt sind. Hingegen lehrt es die tägliche Erfahrung, dass der gesetzestreue Jude lieber in stiller Einsamkeit seine Andachten verrichtet, als dass er bei Orgel und Damenchor seinen Gott im Gebete suchen soll. Und nun erst gewisse Einrichtungen, die das religiöse Gefühl auf's Tiefste verletzen! Da werden z. B. am Sabbcuh von einem Tempeldiener — gewiss Nichtjude — Stöcke und Schirme in Verwahrung genommen, wofür der Tempelbesucher regelmäßig eine kleine Gebühr entrichtet. Kann aber eine solche Sabbath-Entweihung der Würde eines jüdischen Gotteshauses entsprechen? In jüdischen Kreisen werden selbstverständlich derartige Zustände in der abfälligsten Weise kritisirt; die officiellen Cultusmänner nehmen aber keine Notiz von diesen Auslassungen. Im Gegentheil. Von Zeit zu Zeit werden die „Heuchler" und „Frömmler" in salbungsvollen Predigten ganz tüchtig abgekanzelt. Und wie steht es mit den rituellen Wirthschaften ' dieses weltberühmten Curortes? Die officielle Cultusgemeinde thut absolut nichts in dieser Beziehung. Die als rituell anerkannten Gasthäuser haben ihren eigenen polnischen Schochet, .der in religiöser Beziehung bei den hervorragenden conservativen Rabbinen. die dort zur Cur weilen, sich legitimirt. Auch in Marienbad herrsche»: ähnliche Zustände, und es ist selbstverständlich, dass hier wie dort in puncfco Kaschruß mit der Vertrauensseligkeit der jüdischen Curgaste sehr häufig der^ schnödeste Missbrauch getrieben wird. Es ist aber leider nicht zu erwarten, dass die localen Cultusgemeinden dieser Curstädte, den conservativen Curgästen zuliebe, ihre religiöse,» Institutionen umgestalte» werden. Vom Standpunkte des wahren Judenthnms und selbst im wohlver-

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