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Die Wahrheit · 1901-12-13 · Heft 48 (13.12.1901) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 48 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 48 Die Wahrheit. Seite 7. Litte! Viele Hunderte israelitische Kinder in der Brigittenau sind der bittersten Noth preisgegeben, sie leiden Hunger und frieren. Wir bitten unsere Glaubensgenossen: Nehmet Euch dieser armen zarten Kinder an und helfet uach Euren Kräften, damit die im Locale XX., Dammstraße 8, bereits begonnene Ausspeisung im nothtvendigen Umfange fortgeführt werden könne. Spenden ilimmt entgegen das gefertigte Comita für die Ausspeisung israelitischer Kinder in der Brigittenau und die Cassa der israel. Cnltüsgemeinde in Wien, I., Seitenstettengasse Nr. 4. D r. A l f r e d Berger H e i n r i ch W e i n e r Cultusvorstand Armenrath I., Juden platz 8. XX., Winter gaffe 29. Litteralur. Der Kampf ums Licht. Dieser Tage erschien in A. Dreffel's Verlag, Berlin, ein dreiactiges Drama „Der Kampf ums Licht" von 21. Edon, das in weiten Kreisen der gebildeten Welt großes 2lufsehen erregt. Im, Mittelpunkte der an dramatischen Momenten reichen Fabel des Werkes steht eine Christusgestalt (Narzissus), die sich im Kampfe wider eine dem Untergange geweihte Welt, voll Pfaffen, rücksichtsloser Geldmänner und Lebedamen befindet. Die äußerst spannende Handlung, die formvollendete, schwungvolle Sprache sichern der Dichtung begeisterte Aufnahme in den der Aufklärung und dem Fortschritte geneigten Kreisen. In Oesterreich ist das Drama leider seiner Tendenz halber zur Aufsührung ganz ausgeschlossen. __ Da« Äaddischgebet. Von Bernhard Loewenthal. (15. Fortsetzung.) Als sie nach der Aufführung von „Margarethe" nach Hause kam, und die Mutter, welche nicht ins Theater gegangen war, da es sie zu sehr angegriffen hätte, ihr Kind in die Arme schloss, da sagte Else: „Weißt Du, Mama — es fehlt die Innigkeit!" Dann kam der große Sturm, der dieses junge, hoffnungsgrüne Leben zu zerstören drohte. Eine große, reine Liebe zu einem Künstler erfüllte das Mädchenherz; sie war zu jung, um die ganzen Jntriguen, die ganze Nüchternheit „hinter den Couliffen" begreifen zu können, und als sie betrogen, verrathen und verlacht aus ihrem ersten Liebestraum auftaumelte, da war nichts in ihr, als eine Oede und Leere, über die sie selbst erschrack. Sie war ernüchtert. Mit diesem Moment, in dem es ihr schien, als ob die ganze Welt aus den Fugen gehen müsste, als ob Alles in sich selbst zusammenstürzte, in diesem Augenblick des Entsagens wurde sie zum Weibe — sie wurde ruhiger, finster und gereift. Die weichen Regungen ihrer jungfräulichen Seele versteckte sie vor der Welt, selbst der Mutter gegenüber war sie oft nur die Schauspielerin, groß und erhaben, aber überlegend und kalt. Das Herz der Mutter krampfte sich zusammen vor Schmerz, als sie sah, wie ihr Kind litt, aber sie schwieg. Frau Munk wusste genau, hier waren Worte vergebens. Als Else Mank nach langer, langer Zeit wieder einmal die „Margarethe" sang, da schuf sie eine neue Gestalt — eine durchdachtere. Mau staunte ihre „Margarethe" au, man bewunderte ihre „Else von Brabant", man sah sie in jeder anderen Rolle eine Andere sein. Fast ironisch-lächelnd nahm sie den Beifall der Menge auf. Was wussten die da unten, die ihr so laut zujauchzten und zujubelten, wie es in ihr aussah — denen zeigte sie wohl die Seele und das Herz der Figuren, die sie darstellte — aber ihr eigenes Herz, ihre eigene Seele, die kannte Niemand mehr. Seit dieser Zeit erst war sie die „große Else Munk", und seit dieser Zeit auch war sie sich stets gleich geblieben, lächelnd — singend in sich selbst zurückgezogen. Sie machte Bälle mit, tanzte, sang aus Soirveen, taumelte von einem Vergnügen ins andere, um zu vergessen. Die Mutter aber litt mehr und mehr — sie sprach nicht mehr viel mit ihrer „großen Tochter", aber sie — weinte. Seit einigen Wochen jedoch schien in dem Wesen der Künstlerin eine Aenderung vorgegangen zu sein, sie lachte oft und oft sang sie abends, bevor sie ins Theater ging, sich selbst begleitend ein Volkslied, eins von den Liedern, die sie damals gesungen hatte, als sie mit der Mutter noch für das Geschäft stickte, tag aus tag ein, und doch so glücklich war. Frau Munk dachte über die Verwandlung nach. — Es war feit jenem Journalistenball — ja, ganz recht. Die Mutter konnte damals nicht mitgehen, doch dann, es war so gegen drei Uhr des Morgens, da hörte sie ein Geräusch in ihrem Zimmer. Sie schreckte auf. Ein blasses, durchgeistigtes Gesicht beugte sich über sie: „Else. Du? — was willst Du?" „Mama, liebe gute Mama", hauchte es da au ihrem Ohr, „ich will nur — ich will Dir nur gute Nacht sagen." Die Mutter schieu geträumt zu haben, denn am nächsten Morgen war Else so ruhig wie immer. — „Ja, ja", sagte sich Frau Munk, „ich habe geträumt." Und doch war es keine Phantasie gewesen und auch kein Traumgebilde, welches . in jener Ballnacht der Witwe vorgeschwebt hatte. Else war wirklich eine andere geworden. Seit jenem Abend lag etwas Weiches, etwas Sanftes in ihrem Wesen, sie wusste es selbst nicht so recht zu definieren — oft war es ihr so weh ums Herz, dass sie hätte aufschluchzen mögen, und oft wieder war ihre Seele so leicht, ihr Gemüth so froh, dass sie am liebsten jubeln und jauchzen wollte. In solchen Augenblicken sah sie dann die Mutter so eigenartig bewegt an, als ob sie die treue, beste Freundin fragen wollte: „soll ich es Dir? sagen — soll ich?" Aach Alice Gmkind, Leons beste Freundin, der selten eine Aenderung im Wefeir ihres Vetters entging, konnte eine ähnliche Wahrnehmung, wie die Hauvtmannswitwe bei ihrem Kinde, hier bei dem jungen Wild machen. Auch er sang oft, scherzte und lachte, und oft ließ auch er resiguirt den Kopf hängen. Seine schönsten Compositionen, die ihm, dem noch jungen Künstler, schon viel Ruhm u»ld Ehre gebracht hatten, konnten ihn oft nicht mehr erfreuen, und stundenlang konnte er sitzen und — träumen. Dann träumte er von jenem Abend, da er ihr zum ersten Male in das strahlende Auge blicken durfte, als er zum ersten Male den leisen Druck ihrer Hand fühlte. — Er lehnte sinnend am Thürpfosten des Ballsaales, als sie inmitten eines Kreises eleganter Herren eine lebhafte Conversation führte. Sie hatte für jeden ein Wort, für jeden ein Lächeln, und dem oberflächlichen Bewunderer ihrer Schönheit musste sich unwillkürlich der Gesaute aufdräugen: „Dieses blendende Weib da ist das verkörperte Glück, der personificirte Frohsinn". Leon dachte nicht so. Das Lächeln der Sängerin sagte ihm mehr, als ein ganzer Roman ihm hätte erzählen können, ihr Blick, der so strahlend schien, zeigte ihm ein unglückliches Menschenkind. Er wusste selbst nicht, wie er zu der Combination kam, dass Else Munk nicht glücklich sei, aber er war überzeugt, sei» Gefühl betrog ihn nicht. Der alte Musikreferent Dr. Ullbrich hatte ihn vor kaum einer halben Stunde der Sängerin vorgeftellt und es wäre für Leon ein Leichtes gewesen, Else in ein Gespräch zu ziehen. Er hatte es nicht gethan. Als er sah, dass sie von Verehrern fast belagert wurde, hatte er sich bald zurückgezogen. (Fortsetzung folgt.)

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