Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 48 (13.12.1901)
- Date
- 1901-12-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.'48 Die lDahrhett. 'öette 5. Pflicht des Vorstandes ist, für den Gottesdienst seiner Mitglieder zu sorgen. Nachdem die Prager Judenschaft sich verdreifacht hat und nicht mehr im Judenviertel wohnt, sondern sich meist auf die Alt- und Neustadt vertheilt, wären gleich den katholischen Pfarrsprengeln in verschiedenen Stadtheilen Synagogen und Synagogensprengel zu errichten, und alle diese Synagogen müssten unter Aufsicht der Cultusgemeinde stehen, deren Ausgabe es ist, für die Errichtung und Erhaltung derselben auszukomme n. Die Synagogen müssen groß sein, damit auch der minder Bemittelte für einen geringen Beitrag einen Sitz erwerben kann, dann wird selbst bei niedrigen Preisen der Sitze das Budget aufgebracht werden. Große, auch der Jugend zugängliche Synagoge, in den von Inden meist bewohnten Bezirken werden die Frequenz im Allgemeinen befördern und die Jugend heranziehen, die dann im Gotteshause den im Religionsunterrichte erlernten Gottesdienst praktisch ausüben kann. Dadurch wird die Theilnahme am Gottesdienst und das Interesse am Juden- »hum gefördert werden und der crasse Unterschied gegen andere Confessionen verschwinden. Bei diesen sehen wir, dass je höher der Bekenner gestellt ist, er eine desto größere Anhänglichkeit an seinem Glauben bezeugt; wie verhalten sich aber die meisten unserer Millionäre gegenüber dem Judenthum? Dass Rabbiner und Gemeinde so passiv der Schaffung von Gotteshäusern gegenüberstehen, ,ist eine Unterlassungssünde, die sich schwer am Judenthume 'in Prag rächen wird und bereits böse Früchte gezeitigt hat. Neisebriese aus Holland. Von Jan van Düren. II. Das „Nordische Venedig"! Darin liegt viel. Wer den Zauber des Südens kennen und lieben gelernt hat, wird den Zauber des Nordens nachempfinden können. Die wonnevolle Romantik Venedigs mit ihrer Heimlichkeit und Schweigsamkeit, ihrem Patinabedeckterl Prunk und gravitätisch-friedlichem Luxus, die sonnendurchflossene, zauberisch-flüsternde Stimmung der Lagunenstadt darf man hier in Norden nicht erwarten. Und doch, welche Aehnlichkeit in manchen Stücken l Jetzt passiren wir die „Heereiigracht." Die Grachten, das sind die wasserdurchfllossenen Straßen Amsterdams. Lang hingedehnt ist diese vornehme Avenue. Zu beiden Seiten des Wassers stehen dichtgedrängt ehrwürdige Baumgreise, bemooste Häupter. Und dunkle Häuser ziehen sich zu beiden Seiten hin; braun, gelb, schwarz. Und aus dem dunklen Grunde blitzen die mächtigen, breiten, hohen Schiebefenster. Vor jedem Hause ein Treppchen nach aufwärts, eines nach abwärts; ersteres führt zu den Wohnräumen, letzteres hinab in den Tartarus der Küche und der Gesindestuben. Gegiebelt sind fast alle Häuser. Ohne jede Zier, puritanisch-einfach; und doch eindrucksvoll. Man sieht ihnen allen an, dass hier der Wohnsitz der Reichen und Sorgenlosen ist. Wirft man einen Blick durch die wundervoll klaren Fenster, dann gewahrt man glitzernde Reinlichkeit, gesättigten Wohlstand, freudige Helle. — Und Brücklein an Brücklein reiht sich, spannt seinen sanft geschwungenen Bogen über die Pracht. Langsam durchfahren Lastkähne die Brücken-Tunnels, wortlos verrichten die Träger ihr Tagwerk. Mau sieht nur w-nige Lastwagen, alles gleitet über das Wasser. Aber nun wird es lebhaft. Wir passiren einige mächtige Verkehrsstraßen der inner« Stadt und gelangen zum Ghetto. Pochenden Herzens. Tausend und abertausend Erinnerungen werden wach. Uriel da Costa's Geist tritt uns entgegen. Doch schweiget Gefühle; wir wollen sehen, hören und erzählen. Das Judenviertel ist wassersreis, vielleicht deshalb weniger sauber. — Die Hauptstraße betreten wir, die „Jodebreestraat". Welch Getümmel! Straßen auf, Staub lvallt aus! Lade»l an Laden', Bude an Bude, Wagen an Wagen, Mensch an Mensch; ein ohrenzerreißender Lärm. Alle bieten schreiend ihre Waaren feil: Fische, Butter, Käse, Obst, Gemüse, Brot, Milch, Eier, Kaffee, Zucker, Tabak; Stoffe, Kleider, Wäsche; Bücher, Schriften, Schreibrequisiten; Tefillin, Mesusoth, Megilloth, Kinnoth — Alterthum, Mittelalter, Neuzeit; Kraut und Rüben kunderbunt! Auf den Firmatafeln prunkt überall „Koscher onder rabbinaale Toezicht“ (Unter Rabbinatsaufsicht). Hier ist das Eldorado der jüdischen Hauswirthschaft. Kein Wunsch bleibt unerfüllt. Ja, wenn man will, kann man gebratene Fische frisch von der Pfanne bekommen. Der berühmte Berliner Weihnachtsmarkt ist nichts dagegen. Mächtig wälzt sich der Strom durch die Straße. Loblieder erklingen auf die Waaren. koste in gebrook, (vortrefflich praktisch), good gekocht (wohlfeil), mijn Heer, mijn Heer (gnädiger Herr), mevrou, mevrou! (gnädige Frau). Dazwischen durch hebräische Brocken. Witze fliegen hin und her, auch Scheltworte. „Man glaubt zu schieben und mau wird geschoben." In Amsterdam ist das gelobte Land des Kaschrnth. Selbst koschere Stiesel gibt es da. Das ist kein schlechter Witz, ist heilige Wahrheit. Hier ist es eine Birtuosenkunst für Juden, nicht koscher zu leben. Wie wird da für alles gesorgt, über alles gewacht; wie bequem ist Alles zu haben! Da gibt es jüdische Markt- und Fleischhallen. „Lasst, die Ihr eingeht, jede Hoffnung schwinden." Ihr findet beim besten, edelsten Willen nichts für den Trefoh-lustigen Magen. Gesiegelt und eingeschrieben ist Alles in das Buch des jüdischen Lebens. — Wer die Berliner Bolle-Klingel-Milchwagen, die Wiener Schwarzenbergmeierei- Fahrzeuge kennt, der findet hier ein stammverwandtes Gefährte: Weiße Milchwagen mit rother Aufschrift „koscher". Ja hier kann man fromme Milch und Denkungsart trinken. Bitter ist für den strenggläubigen Reisenden dabei die Erinnerung an heimatliches Berhältniße, die es erschweren, ein ehrlich-rituelles Stück Fleisch zu erstehen. Hier hätte Rabbi Meyersohn keinen Metzgerkampf zu fürchten. Hier fände er wahrhaftig Fleisch von seinem Fleische, Bein von seinem Beine. Die Amsterdamer Gemeinde ist sich ihrer Pflicht bewusst. Sie sorgt in gleicher Weise für den Magen, wie für die Seele ihrer Gemeindekinder. Alles verlässlich, pünktlich, in tadelloser Vortrefflichkeit. Nun biegen wir um die Ecke und gelange»! in die Ragenburgerstraat. Das ist die via sacra Amsterdains. Hier wohnt der weltberühinte Opperrabijn (Oberrabbiner), hier sind in dichter Aufeinanderfolge die öffentlichen Bauten der jüdischen Gemeinde zu sehen. Amsterdam zählt ungefähr 57.000 Juden; darunter ungefähr 5000 Sephardim. Alle übrigen stehen unter einem Seelenhirten, den »nan in den Niederlanden „de Hollendsche Paap“ (der Holländische Papst) nennt. Wir toerden diesem ehrwürdigen Manne, bei dem wir eine langwährende Audienz hatten, ein eigenes Eapitel widmen. Augenblicklich nimint unser Interesse noch immer das Jndenviertel gefangen. J»n Ganzen sieht es ärinlich aus. Auch ist die Armuth daselbst wirklich groß. Beltlerzüge verlegen den Weg. Auch darin hat es mit Venedig etivas gemeinsam. „Len Dubbelche, een Dub eiche mijn Heer!“ (eine kleine Gabe, 5 Cent, mein Herr), murmeln die armen Leute. Man erblickt erbärmliche Gestalten. Sie lagern vor den Synagogen, deren es neben zahllosen Minjan-Vereinen (Partikulieren), Beth- Hamidrasch-Bethäusern, Klausen zehn gibt. Echte Ghetto- Typen, die traurigen Figuren, deren es in einer echten jüdischen Gemeinde einige wenige gibt und mit denen in den kleinen Gemeinden in der Regel auch das altgläubige Judenthum ansstirbt. Das sind die Leute, die vom Sterben leben. Jahrzeitenhalter, Mischnajotlerner, Kaddischsager. Der Niedergang des Diamanten-Geschäftes hat in Amsterdam die Verarmung Tausender nach sich gezogen. Sie, die gewohnt gewesen sind, mit dem köstlichen Gestein zu hantiren, betteln um Brod. Ein grausames Schicksal! Bor einigen Jahrzehnten, als der Diamanten - Handel üppig blühte, floss das Geld in Strömen. Die althergebrachte Bescheidenheit und Frömmigkeit mussten in vielen Kreisen ausschweifendem Luxns und religiöser Zügellosigkeit weichen. Nun folgt die Rache der Geschichte. Die Leute verloren ihr Geld und ihren Glauben. Jetzt ist es wieder besser geworden.