Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1901-12-13 · Heft 48 (13.12.1901) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 48 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063062-3063110--01670-3068281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Oie Wahrheit. Nr. 48. Urtexte'werden tu minimalen Portionen übersetzt; die Volks¬ und Mittelschulen reichen ohne Privatunterricht nicht hin, geläufiges Lesen im Hebräischen zu erzielen; von rituellen Gebräuchen keine Spur; betreffs der Synagoge totale Unwissenheit, für die Geschichte der Juden keine Zeit — wo soll also das religiöse Gefühl Herkommen, und woher das jüdische Selbstbewusstsein der wettgeschichtlichen Mission des Judenthums? Während die christlichen Confessionen einen Zwang auf die Schüler ausüben, die Kirche regelmäßig zu besuchen, lasst die jüdische Confession dieses wichtige, erziehliche Moment ganz aus dem Auge. Da müsste in erster Reihe Wandel geschafft werden! In jenen Schulen, in denen ein größeres Contingent jüdischer Schüler existirt, müsste in der Schule ein regelmäßiger Gottesdienst eingeführt werden, da das Aufsuchen der hiesigen Synagogen seitens der Schüler wegen der allzu entfernten Lage von den Schulen nicht möglich ist. Der sporadische Jugendgottesdienst, der hier und dort stattfindet, ist ganz unzureichend und einfach eine Spielerei. An hohen Feiertagen, wo die israelitischen Schüler des Vormittags vom Schulbesuche befreit sind, müssen die Religionslehrer die positiven Beweise erhalten, dass die Schüler auch dem Gottesdienst in gewissen Gotteshäusern anwohnen, und sie dürfen nicht den Schlendrian dulden, dass die Schüler den halben Tag zu längerem Schlafen, zum Faullenzen und allerlei Allotria benützen. Der Religionsunterricht andererseits hat sich eng an das Gebetbuch auzuschließen, das den Mittelpunkt des ersteren bilde. Der Schüler muss lernen, woraus das Schachris-, Mincha- und Mariw-Gebet besteht, die einzelnen Gebete geläufig lesen und im Stande sein, dieselben, wie die Varianten für Samstag und Feiertage und die unvergleichliche Poesie der Psalmen, welche in den Gebeten vorkommt, durch Uebersetzung verständnisvoll zu bebegreifen. Das ist weit nothweudiger, als einige Kapitel aus Jesaias, Ezechiel rc. übersetzen, weil sie als Hastora gebraucht werden. Wenn man um die Stunden des Schulschlusses in der Herrengaffe zu Prag steht, sieht man zahlreiche jüdische Frauen ihre Kinder erwarten. Diese kommen aus der Piaristenschule. Es sei ferne von mir, diese vortreffliche Schule irgendwie zu beschuldigen, dass sie die jüdischen Zöglinge etwa in ihrem Glauben beirren will, im Gegentheile, es wird alles vermieden, was einen derartigen Verdacht erwecken kann. Aber die Schule ist und bleibt eine katholische Schule. Das Gebet vor und nach dem Unterrichte, die ganze Einrichtung der Anstalt muß den katholischen Einfluss zum Ausdrucke bringen und kann an dem jugendlichen Gemüthe nicht spurlos vorübergehen. Den ganz analogen Fall finden wir bei einer anderen Schule in Prag, der evangelischen Privatschule; auch diese wird von sehr zahlreichen jüdischen Kindern besucht. Die evangelische Gemeinde, die an Zahl nicht den dritten Theil der Prager Judenschast hat, besitzt eine eigene coiifcffioueUc Privatschule für ihre Kinder, und hier wie dort zahlen die schulbesuchenden Kinder ein gewisses Schulgeld. Man wird entgegnen: Auch die Prager Judengemeinde hat eine Talmud-Tora Schule. Wo aber existirt diese? In einem obscureu Winkel der ehemaligen Judenstadt, von den Wohnstätten der meisten Juden durch eine stundenweite Reise entfernt, und die Kinder sollen, nachdem sie ihre Schulzeit in den öffentlichen Schulen zugebracht haben, noch den weiten Weg machen, um etwas hebräisch zu lernen. Wie viele von den Tausenden jüdischer Kinder gehen dort hin? Wäre es nicht ein wirkliches Verdienst, nach dem Beispiele der evangelischen Gemeinde eine jüdisch-confeffionelle Schule in Prag zu schaffen, wo nebst den vorgeschriebenen Schulgegenständen auch ein zielbewusster hebräischer Unterricht stattfände? Die jüdischen Eltern würden gerne, wenn die Schule eine bessere Einrichtung bekäme, ein anständiges Schulgeld zahlen, von dem die Schule erhalten werden kann. Sehen wir doch an dem deutschen Lyceum für Mädchen, wie sich die jüdischen Kinder bei hohem Schulgelde in sehr großer Zahl in dasselbe drängen, obwohl trotz der Mehrzahl der jüdischen Mädchen nicht eine Lehrperson jüdischer Confession dort angestellt wird. Wie viele jüdische Kinder könnten auf. diese Weise dem Judenthum erhalten werden! Sowie in den nationalen Schulen die Begeisterung für die Nationalitäten' gepflegt und gefördert wird, so müsste in der jüdisch-confessionellen Schule das hohe sittliche Bewusstsein und die Liebe für das Judeuthum erstarken. Keine Fanatiker wollen wir erziehen, sondern Inden, die sich ihres Glaubens und ihrer Abstammung nicht schämen, im Gegentheile, die darauf stolz sind, einem 4000jährigen Stamm anzugehören, der in der Religion der Lehrmeister der ganzen civilisirten Welt geworden ist. Wie sieht es nun mit den Gotteshäusern in Prag aus? Prag hat ohne die Vororte 20.000 Juden. Als die Prager Judengemeinde nicht den dritten Theil jüdischer Seelen zählte, gab es in der ehemaligen Judenstadt, dem ausschließlichen Wohnsitze der Juden, vier Synagogen mit einem Flächenraum von je 400 Quadratmetern, fünf Synagogen mit einem Flächenraum von je 100—200 Quadratmetern und außerdem 32 Betstuben; diese mögen den damaligen Bedürfuißeu entsprochen haben. Heute aber, wo die größte Anzahl der jüdischen Ein-! wohner in anderen Stadttheilen, weit entfernt von der Juden- I stadt wohnt, wo die Auzahl der Juden die dreifache ist, die! Betstuben größtentheils aufhören, eine Synagoge bereits durch Assanirung verschwunden ist und noch 4 andere folgen werden, wo sollen da diese zahlreichen Israeliten ihr synagogales Bedürfnis finden? Wer den Gottesdienst an den letzten hohen Feiertagen im Wintergarten des Grand Hotels besuchte, bekam einen Begriff davon, wie nothwendig in Prag derartige Räume für den Gottesdienst sind. Welche Wonne war es, die Jugend bei den Vätern und Müttern andächtig dem erhabenen modernen Gottesdienste anwohnen zu sehen! Der Vorstand der Prager Cultusgemeinde miethet für die hohen Festtage ein Local, wo etwa 3 bis 400 Personen Platz finden, er sollte jedoch schon längst überzeugt sein, dass ein solcher Nothbehels nicht ausreicht. Dadurch, dass die meisten Synagogen bei kleinem Raume ein hohes Budget haben, werden die engen Sitze zu enormen Preisen hinaufgeschraubt und dabei wird verboten, die Kinder mitzubringen. Wenn nun ein nicht reicher Mann 5—10 fl. für einen Sitz opfern muss, so kann er, so er ieine Kinder bei sich haben will, nicht auch noch für 1 oder 2 weitere Sitze aufkommen. Und die Folge davon ist, dass die Jugend vom Gottesdienste ausgeschlossen und ferngehalten wirv. Als Erwachsene haben sie dann kein Bedürfnis und kein Verständnis für die Synagoge, auch nicht für ihre Religion, und so entwickeln sich die faulen Früchte, welche abfallen müssen. Die Josefstadt, recte Judenstadt, hat aufgehört, die Wohnstätte der Juden zu sein, die meisten Juden wohnen in der der ober» Neustadt; von dort aber bis zu den bestehenden Synagogen ist ein Weg von 30 bis 50 Minuten, und darum der mangelhafte Besuch der Prager Synagogen, die alle in der Judenstadt liegen. Die Cultusgemeinde Weinberge mit einer Bevölkerung von ca. 3000 Seelen hat einen großartigen Tempel gebaut, wo ein höchst würdiger und schöner Gottesdienst eingeführt ist; dieser Tempel und sein Gottesdienst werden stark frequentirt. Am Freitag Abends ist der Tempel ganz voll und am Samstagen anständig besucht, weil die Mitglieder in wenigen Minuten dahin gelangen können. Gehe Einer nun hin in die Gotteshäuser in Prag, mit Ausnahme des einen Tempels in der Geistgasse, der freilich an hohen Feiertagen nur für die reichsten Leute zugänglich ist — überall herrscht eine schreckliche Leere. In Berlin und Wien gibt es Tempel in den verschiedenen Stadttheilen, in Prag aber nur in der ehemaligen Judenstadt, und nirgends ist aus den entsprechenden Raum, noch auf die Entfernung der Mitglieder von den Gotteshäusern Rücksicht genommen. Der Synagogenverein, welcher stall des bereits demolirten Gotteshauses ein neues, größeres in der Neustadt erreichten wollte, wird weder vom Rabbinate noch von der Cultusgemeinde unterstützt, ja nahezu gehindert, trotzdem es

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.