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Die Wahrheit · 1901-12-13 · Heft 48 (13.12.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 48 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redartion lt. Administration tüten. II/l, Novaragaffe 27. X f. österr. Postsparcafla Ehklt-Conto Nr. 846LS1. ] nfitate: 20 Heller v»r Nouvareille ^eile. Adonneniciits- und Insertion-, betrüge sind in Wien zahlbar. ^abhängige Zeitschrift für Mische Interessen. Erscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" LezngLpniL: Ganzjährig . . St. 12.— Halbjährig ... St. 6.— Für Lultusbeamte: Ganzjährig ... fl. 10.— Für Ausland: Ganzjährig .... 8 Mark 6 Rubel oder 16 Frei. tlr. 48. Wien, 13. December INI. Inhalt r Wie gewinnen wir die Jugend für unseren Glauben? — Reisebriefe aus Holland. — ^Resurrexit. — Bitte! — Lttteratur. — Das Kaddischgebet. — Zur Cantoren-Organisation. — Verschiedene Nachrichten. Wir ersuchen die Könner und Ireunde unseres Akaltes, in allen öffentlichen Localen Hier und in der Krovinz „Kie WaHrHeit" zu verlangen. Oie Redaction. Megewmnen wir die Lugend surunseren Glauben? Prag, im December. Die massenhafte Fahnenflucht, die in der heutigen Prager Judengemeinde beobachtet werden kann, ist eine überaus traurige Erscheinung der Zeit, die um so bedauerlicher wirkt, als sie gerade in jenen Kreisen am meisten vorkommt, die am wenigsten Ursache dazu haben. Hohe Titel, Orden und Auszeichnungen aller Art werden an Juden verliehen, auch wenn sie ihrem Glauben treu bleiben, und liefern so den Beweis, dass das Judenthum nicht hinderlich ist, eine bedeutende gesellschaftliche Stellung zu erreichen. Warum also diese Fahnenflucht, warum die Massentausen? Man wird doch nicht glauben wollen, dass religiöse Neigung hiebei die Triebfeder ist; denn all diejenigen, die so leicht den Glaubenswechsel dnrchmachen, habe» überhaupt keinen Glauben, weder als Juden noch als Nichtjnden. Wenn nun irgend ein armer Schlucker zu diesem Mittel greift, um in der Staatsbeamten- Carriere rascher fortzukommen, so mag dies, wenn auch nicht entschuldbar, so doch noch halbwegs erklärlich sein, aber gerade in diesen Kreisen findet man Pietät für den angestammten Glauben, und den meisten Ausreißern begegnen wir in den reichen Familien, die niemals empfanden, was der Kamps des Lebens bedeutet und denen Religion mehr Sport als Herzensbedürfnis ist. Sollte es nun wirklich kein Mittel geben, dieser Massenflucht, die hier in Prag fast epidemisch wüthet, Einhalt zu thun? In der Neuzeit lässt man Epidemien nicht ohne Widerstand Hereinbrechen und alle möglichen Mittel werden angewendet, um sie fernzuhalten. Dieser ansteckenden Krankheit jedoch stehen unsere Seelenärzte passiv gegenüber: sie legen die Hände in den Schoß und trösten sich damit, dass das Abfallen der faulen Früchte für die gesunden von Vortheil sei. Aber dass die Früchte überhaupt nicht zu faulen beginnen, dem vorzubeugen, ist eben ihre Aufgabe, die sie in unverantwortlicher Weise ver- ° nachlässigen. Betrachten wir einmal andere Confrssionen und lernen wir von ihnendie sich ja auch so vieles von der jüdischen Religion angeeignet haben. Welche Anstrengungen werden da gemacht, um die Zahl ihrer Gläubigen zu erhalten, ja womöglich zu vermehren! Der Kamps der Kirche um die Schule ist ja bekannt. Was thun nun wir, um unsere Jugend zu gewinnen? Nichts, gar nichts! Aber die Jugend muss für die Consession gewonnen werden, und dazu sind zwei Mittel unbedingt nothwendig: 1. Ein wirksamer, zielbewusster Unterricht; 2. die Gewöhnung an den Gottesdienst, an die Synagoge. Die Kinder der christlichen Confessionen lernen in den Schulen in erschöpfender Weife ihren Ritus, jedes Kind kennt, wenn es die Schule verlässt, alle Gebräuche feiner Kirche und ist in der Ausübung derselben vollkommen versiert. Wie sieht nun der israelitische Religionsunterricht in Prag ans? Prag hat seit mehr als drei Viertel Jahrhundert Unglück mit seinem Religionsunterrichte. Vormals, als das Haus noch religiös war, wurde der Schüler damit geplagt, ganze Bande abstraeler Abhandlungen über Gott und seine Eigenschaften zu memorieren, und der Religionsgegenstand war der bestgehasste unter allen. Schüler, welche die ganze Bibel im Urtexte kannten und sogar in den Commentaren und im Talmud zuhause waren, wurden unbarmherzig mit den schlechtesten Noten clasfificirt, wenn ihr Gedächtnis nicht stark genug war, das überreiche Material von Gründen, Anschauungen und Beweisen nach vordiktiertem Wortlaute geläufig herzudeklamieren. Das Gefühl, die Urquelle aller Religiosität, wurde gar nicht beachtet. Wenn z. B. die Allgüte Gottes behandelt wurde, da hat der Lehrer sich nicht die Mühe genommen, dem Kinde durch Beispiele das gütige Walten der Gottheit zu Gemüthe zu führen, sondern der Schüler musste eine ihm unverständliche logische Definition, abstracte Beweisführungen in unendlichen Variationen und dazu noch einige Gedichte auswendig lernen. Was war aber der Effekt? „Wenn die Gottheit so allgütig ist", dachte mancher, „warum werde ich mit ernem solchen Ballafte geplagt?* Das Herz blieb kalt, und das Gedächtnis wurde gemartert. Dies eine Beispiel veranschaulicht den ganzen Plan des vormaligen Religionsunterrichtes, und wer sich noch der Zeit bis zum Jahre 1848 erinnert, wird dies vollauf bestätigen. Nun kam eine neue Zeit, in der man erkannte, dass ein derartiger Religionsunterricht zwecklos sei. Aber Schüler wie ehemals, in der Liturgie und Bibel rc. bewandert, gab es nicht mehr — jetzt sollte die Schule diesem Mangel abhelfen. Es wurde ein Lehrplan ersonnen, welcher im praktischen Schulleben, wo der Unterricht auf zwei Stunden wöchentlich beschränkt ist, undurchführbar war. Bruchstücke der Bibel im aut

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