Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1901-12-06 · Heft 47 (6.12.1901) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 47 (6.12.1901)
Date
1901-12-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063062-3063109--01663-3068273
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Allgemeine Canloren-Zeilung. Nr. 47. Meitage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. Der jüdische Cultusbeamte. „Cultusbeamter" ist ein Prädicat, unter dem man einen Beamten versteht, der diejenige» Obliegenheiten und Institutionen einer Gemeinde versieht, ohne welche eine jüdische Gemeinde nicht bestehen und ohne welche man sich eine solche überhaupt nicht denken kann. Es sind zum miudesteu die Aemter des * Cantor, Schochet, Lehrer, Baalkore, welche ein Cultusbeamter in einer Person zu vertreten hat, wenn nicht noch andere Anforderungen bedingungsweise an ihn gestellt werden. Dass der Herr Lehrer — das ist zumeist der Haupttitel — auch auch an Samstag und Feiertag einen “iijn? vorzutragen hat und bei Grlegenheit Casualreden halten must, versteht sich von selbst. Kurz, ein Cultusbeamter ist das Factotum der Gemeinde. Und was wird einem so vielbeschäftigten Menschen für all seine Dienstleistungen geboten? Sage: drei-, vier- oder fünfhundert Mark! Ist das nicht geradezu empörend? In einer Zeit, da ein standesgemäßes Leben so theuer ist, wo die Preise aller Producte so bedeutend gestiegen 'sind und die Löhne aller Arbeiter eine fast doppelte Höhe erreicht haben, da soll man einem Cultusbeamten noch dasselbe Gehalt wie vor 50 Jahren anbieten, ein Gehalt, das eine anständige Dienstmagd bei freier Kost und Wohnung bekommt? Freilich komme» auch noch die Nebenverdienste in Betracht, welche mau dem Cultusbeamten ebenfalls auf ungefähr 4—500 Mark anrechnet. Allein, gerade diese Nebenverdienste sind es, die den armen Cultusbeamten noch abhängiger machen, ihn unterjochen und zum Sclaven herabwürdigen. Diese Nebenverdienste, welche dun Cultusbeamten ad libitum verabfolgt werden und nach dem Grade der Gunst des Gebers ausfallen, sind die Geisel, welche ihm beständig droht und gegen manche ihm zugefügte Beleidigung den Mund schließt. Wehe dem Cultusbeamten, wenn er im stolzen Bewusstsein seiner Bildung sich auch nur gegen ein einziges Gemeindemitglied auflehnen und lieber auf dessen Gaben und Geschenke verzichten wollte, als sich seine Grobheiten gefallen zu lasten! (niwna) Am Anfang ist der Verlust allerdings gering und leicht zu ertrage», allein "nh mt man pam mam n'b rmt man man. Die Gemeindemitglieder stehen gewöhnlich entweder in verwandtschaftlicher, geschäftlicher oder auch in freundschaftlicher Beziehung einander nahe, und so zieht ein dem Cultusbeamten feindlich gesinnter 2".t2 zehn andere an sich. Die-Nebenverdienste vermindern sich und die Feindseligkeiten nehmer zu. Schon das Bewusstsen, dass der Cultusbeamte keine definitive Anstellung hat, dass es (ro) ein leichtes ist, ihm eine Kündigung in's Haus zu schicken, welche ihm sagt: (p •p) mache, dass Du von uns fortkommst, gibt Jedem das Recht und den Muth, sein Thun und Treiben zu bewachen und zu kritisiren. (kti) Er sieht es erst ein, dass er^ein Fremder und nur geduldet ist, er erkennt es bald, dass sein fernereres Bleiben ihm nur ein (nur *n) ein Leben voller Leiden und bitterer Enttäuschung dringen wird, und (nn^Vi) die Geburt dieser Erkenntnis ist der Gedanke, welcher in ihm auch den Entschluss reift, lieber selbst fortzugehen und nicht zu warten, bis (nStS*)) er geschickt und entlasten wird. So traurig aber die Stellung eines Cultusbeamten anch sein mag, finden sich dennoch trotz der schlechten Besoldung immer noch in unglaublicher Zahl Bewerber um solche Stellen, und es dauert oft lange, bis der arme Entlassene oder Verlassene wieder einen andere» Posten bekommt, wo er (atP'l) sich setzen. und niederlaffen kann. Aber nicht selten trifft ihn auch da dasselbe Geschick, und aus einer ähnlichen oder anderen Ursache ist er gezwungen, seine» Posten abermals aufzugeben und wiederum eine andere Stelle zu suchen. Wenn sedoch seine Familie zahlreich und er schon in vorgerückten Jahren ist, dann dürste es ihm schwerlich mehr glücken, überhaupt noch eine Stelle zu finden, und von Sorgen und Kummer gebeugt, schweift sein Auge in die Ferne, und mii einem schweren Seufzer aus tiefer Brust ruft er: m* Das ist also das (ppö) Ende eines Cultusbeamten. Es wird wohl niemand sagen können, (tw'i) er habe sich diesem Berufe genähert, gewidmet und (vn) ein Leben ohne Kränkung, gemeine Beleidigung und Herabwürdigung gefunden. Dieser Missstand lässt sich leider nicht aus der Welt schaffen, und solange oie Cultusbeamten nicht auch staatlich angestellt werden, was kaum zu hoffen ist, wird es auch weiter so bleiben. Es gäbe nur einen einzigen Weg zum Bessern, und der wäre: jedem jungen Manne, der sich seiner fünf gesunden Sinne erfreut, zu rathen, dass er jedes X-beliebige Handwerk dem zweifelhaft ehrenvollen Berufe eines Cultusbeamten vorziehen möge, und jeden, der zu diesem Berufe etwa Neigung fühlte mit all den Mißständen, welche mit demselben verbunden sind, bekannt zu machen. Jeder Handwerker gehört einer Zunft an, die ihn schützt. Schuster oder Schneider können Strike machen und Arbeitgeber zur besseren Bezahlung zwingen, sind freie Männer und verdienen immerhin das Doppelte, als der geknechtete Cultusbeamte. Nur dann, wenn der Mangel an Cultusbeamten sich fühlbar macht, werden die Gemeinden einen solchen besser zu schätzen und zu würdigen wissen und demgemäß auch honoriren *). (Schluss folgt.) *) Organisation der jüdischen Cultusbeamten in weitumfassenden Verbänden, einträchtiges Zusammenhalten auf dem Wege der Selbsthilfe, mit einem Worte energisches Streben nach jenen Zielen, die der allgemeine Cantorenverband verfolgt, und allgemeiner Anschluss an denselben sind die einzigen Mittel, um eine Besserung herbeizuführen. Die Redaction. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Verein zur Hebung der Gewerbe). Trotz desaußerordentlich schlechten Wetters war der große Festsaal des Gewerbevereines bei der am 1. d. M. abgehaltenen Plenar-Versammlung ziemlich gefüllt und selbst Damen aus den besten Wiener Kreisen ließen sich nicht abhalten, der Einladung dieses Vereines in gewohnter Weise zu folgen. Sehr belehrend und hochintereffant war der Vortrag des Schuldirectors Simon über das Thema: „Wie erziehen wir unsere Töchter zur Erwerbsfähigkeit?" dem auch ungeteilter Beifall sowie der Dank des Präsidenten in vollem Maße nachfolgte. Sodann ergriff die Präsidentin des Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchenhort, Frau kaiserl. Rath Dr. Bertha Kohn, das Wort, und lieferte in überaus geistreicher Rede den Nachweis, wie wenig in Stadt und Land für Lehrmädchen gesorgt sei, und beschrieb das von ihr ins Leben gerufene Heim, welches bereits glänzende Erfolge auszuweisen in der Lage ist. Nach ihr nahm die Präsidentin des Erholungsheim, Frau Stadtbaumeister Rosa Zifferer, das Wort. Sie gieng bei der Schaffung ihrer zeitgemäßen Institution von dem humanen Standpunkte aus, Mädchen und Frauen, die infolge ihres Berufes meist an der Nähmaschine sitzend^ leidend geworden, hinaus in die Sommerfrische für wenige Wochen zu schicken, von wo sie genährt und gestärkt wieder ihrem Berufe zurückgegeben werden. — Der Präsident, Herr Brod, dankte im Namen, des Gewerbevereines den beiden Stifterinnen und meinte, dass wohl selten Menschenfreunde in der Ausübung ihrer edlen Werke ohne vorheriges Einverständnis so wohlthuend sich ergänzt haben, wie die beiden Rednerinnen, indem die erstere eine Institution geschaffen, um die Menschen vor Armuth, die zweite eine solche, um die Menschen vor Krankheit zu schützen. Beide Präsidentinnen wurden allseitig beglückwünscht. Unter vielen anwesenden Gästen bemerkte man fast sämmtliche. Präsidentinnen und Vorstandsdamen der Frauen-Wohlthätigkeitsvereine, den Landtagsabgeordneten Dr. Kronawetter, Regierungsrath Kulka, die; Vorsteher Ellbogen, Ober-Ingenieur, v. Mises, Döcent Dr. Grünfxld, Adolf Stiassny, ferner kaiserl. Rath Dr. Kohn, Prediger Dr. Taglicht,^ Qrtsschulräth S. Heit, Pros. Dr. Kanitz, Prof. Stiassny, Rrdacteür Dr: Bloch, Commerzienrath Stiassny, Fabrikant Quittner und viele Andere.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.