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Die Wahrheit · 1901-12-06 · Heft 47 (6.12.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 47 (6.12.1901)
Date
1901-12-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 47. schon nach einem kurzen Aufenthalte im heiligen Lande gewann de Saulcy die Ueberzeugung, dass die jüdische Nation die Künste bis zu^einem hohen Grade der Vollkommenheit gebracht hatte. Wenn auch die Juden auf dem Gebiete der bildenden Kunst nicht schöpferisch waren, da die Gotteslehre jedes Bild, jede Statue von Gott verbot, so hatte sie doch inmitten des Volkes der Juden und unter EintviMng ihrer Nachbarn, der Egypter im Süden und der Affv^r und Phönicier im Norden, eine Kunst entwickelt, die bis zu einem gewissen. Grade der Eigenthümlichkeit nicht entbehrte. Wie hoch musste bereits in den ältesten Zeiten die Kunst in Lstael geschätzt und geehrt worden sein, den Ausdrücken d^ Hochachtung nach zu urtheilen, in denen in der Bibel rn bnp% von dem Berufe des Künstlers gesprochen wird. Prädikat can, jene ehrende Bezeichnung, die der tiefe Forscher, der hohe Denker, der Weltweise erhält, dieselbe ehrende Bezeichnung wird auch dem Künstler, insofern er Meister seines Faches ist, zutheil. „Ein Mann weisen Herzens, dem Gott die Weisheit ins Herz gelegt", ist er. Alles was tüchtig ist und vollendet in seiner Art, hat das Judenthum von jeher geehrt und anerkannt. Sei es das Vollsühren der härteren, schweren Arbeiten, die man Handwerke nennt, oder sei es das Vollbringen der edleren und freien Künste, die den Sinn erheitern und erfreuen. * So war denn im Laufe der Jahrhunderte, besonders zur Zeit der Könige, gar manches Kunstwerk entstanden unter lebhafter Betheiligung einheimischer Kunsthandwerker, wenn auch unter der hervorragenden Mittvirkung von phönicischen, syrischen und später von griechischen Künstlern. „Den majestätischen Tempel Salomons mit seinen von gründlicher Kenntnis der Kunstformen zeugenden Altären und kostbaren Einrichtungsgegenständen für den culturellen Gebrauch; sodann das weitaus einfacher gehaltene, ernste, gleichsam die Leiden der überftandeneu Gefangenschaft zum Ausdruck bringende Heiligthum des Serubabel; endlich den mit verschwenderischer Pracht von Herodes dem Großen erbauten Tempel, ein Werk, in dem die Ueberseinerung griechischer «Sitte und der glanzvolle Luxus der Römer sich zu vereinigen schien." (De Saulcy pag. 45.) Es gibt auch noch eine große Anzahl von profanen Bauwerken aller Art, die Israel im Laufe der Zeiten geschaffen und die das Interesse der Gebildeten aller Zeiten und Völker wachrufeu. So seien nur beiläufig die Grabmäler Absaloms und Zacharias, das kunstvolle Mausoleum der Maccabäer zu Modi» erwähnt. Dass jedoch Israel in der Baukunst lange nicht so Hervorragendes leistete, wie in den übrigen Künsten, ist nur dem Factor erziehlicher Einwirkung zuzuschreiben. Die ersten Versuche bildnerischer Kunstthätigkeit sind bei allen Völkern mit ihrer Vorstellung von Gott verknüpft. Da Israels Gott ihm nicht nur unsichtbar, sondern auch undarstellbar war, entbehrte es auf diese Weise des wirksamsten Antriebes fzur bildenden Kunst. Aus der spiritualistischen Gottesverehrung ergab sich die Kunstentfremdung bei den Juden und infolge Nichtgebrauchs musste das Organ für bildende Kunst bei ihnen verkümmern. Damit ist jedoch nicht jegliches Kunstverständnis der bildenden Kunst . und alle Freude an ihr vollständig verloren gegangen. Es tritt uns auch keineswegs Kunstverachtung im jüdischen Volke entgegen. „Wo die Gefahr einer Vergröberung des Spiritualismus ausgeschlossen war, da fehlt es in Israel nicht an Kunstfreudigkeit und Kunstbedürfnis." Wie fteht's nun mit der Musik, oder Ton- und Dichtkunst bei den Juden? Das jüdische Volk hat, was die Poesie betrifft, eine zu jeder Zeit bewundernswerthe Höhe erreicht und ist in dieser Hinsicht allen anderen Völkern des Alterthums so weit vorgeschritten, als der Glanz seiner göttlichen Religion ihren Götzendienst verdunkelt. Es besitzt in Bezug auf Lyrik Denkmäler von unschätzbarem Werthe und seiner Poesie ging die Schwesterkunst, Musik, treu zur Seite. An das poetische Wort schmiegt sich unmittelbar der gesungene Ton. „Wie jedes andere Volk fanden auch die. Juden in der Musik ein Mittel zum Ausdruck^ gesteigerten Empfindens eines kräftig bewegten Herzens. Bef Festmälern, bei der Arbeit auf dem Felde, bei der Pflege der Herden, ja selbst in der Gefangenschaft ertönten die vom Saiten - spiel begleiteten Gesänge der Kinder Israels." Das gesangsfreudige Volk der Juden hat stets gesungen, und bei den hebräischen Dichtern singt jedes Gebilde der Schöpfung, Himmel und Erde, Berg und Thal, das Meer und die Küste, Wald und Flur und ihre Bewohner, alles ist stimmbegabt'und singt. Zu den Zeiten Davids wurde die Musik in ihr schönstes und heiligstes Amt eingeführt: „Die Herzen der Menschen zu Gott zu erheben." Bei ihm wirken Poesie, Musik und Religion zusammen und schließen sich wie die Fäden eines Gewebes aneinander. Seine Psalmen wurden das Text- und Notenbuch für alle Empfindungen der Menschenbrust, sie-wurden zum Erbauuugs- und Textbuch der Menschheit. Ans ihnen haben Luther und Cromwell, Milton und Klopfstock, alle großen Helden des Mittelalters Kraft, Muth und Trost in Kämpfen und Leiden geschöpft. „Der Gesang hatte im jüdischen Volksgeiste so tiefe Wurzel : gefasst, dass er weiter lebte, und war auch mit dem Falle des i Tempels ewige Trauer in des Volkes Mitte eingezogen, zu singen hatte es nie aufgehört." Ein elegischer Ton durchzieht , zwar ihren Gesang vom Anfang bis zu Ende; es liegt Geschichte i in diesem Tone, denn in ihm drückt sich der Schmerz des Volkes! aus, welches die rohe Gewalt zur Knechtesgestalt herabgedrückt hatte. Der Schmerz des bedrückten Volkes zittert in melancholischen Tonfolgen und in poetisch beschwingten Worten aus diesen Weisen hindurch. Weiter auf die Entstehung und Entwicklung der jüdischen Musik einzugehen, ist hier nicht der Ort. Wie Israel seine Thora mit sich trug von Volk zu Volk und von Land zu Land, so trug es auch seine Melodien, seine Gesangs - weisen überallhin mit sich. Die jüdischen Melodien haben immer den Weg zum Herzen zu finden gewusst, denn sie kamen aus den Tiefen des Herzens. In unserer Musik liegt für uns Juden ein culturhistorisches Moment, das ernster Beachtung werth ist. In der Synagoge und durch die Synagoge im jüdischen Hause war immer Gesang ein Element jüdischen Lebens! Die melancholischklagenden Lieder des Synagogengefanges, auf deren Schwingen das jüdische Herz beim Gebete zur Höhe der religiösen Weihe getragen wurde; diese reichen, traumumflossenen Klänge der Klage wirkten auf den Juden des Mittelalters und wirken noch heute mit mächtigem Zauber auf den echten, glaubenstreuen Juden. Das jüdische Gemüth ist, wie kein anderes, für die reinen Tönen der Musik besaitet. Das jüdische Volk hat zu allen Zeiten und namentlich in der Neuzeit seine Empfänglichkeit für die Tonkunst und seine reiche Schöpferkraft darin entfaltet. „Israel, das sangreiche, muß und wird als Menschheitspriester das neue Lied wahrer Freiheit anstimmen, wenn, vom Erdendruck und Erdenknechtessinn erlöst, der Mensch eins geworden mit seinem Gotte. Erde und Himmel in sich vermählt, Zeit und Ewigkeit, Sprache und Volk im Strome himmlischer Liebe und Seligkeit verbunden und verschmolzen haben wird." So wünschen wir denn unserem Volke auch fernerhin Künstler und Meister — aber jüdische Künstler und Meister, die neben dem Kunstsinn auch den jüdischen Gottessinn tragen, unter deren Schurzfell ein echt jüdisches Herz schlägt, deren Seelen gleich erglühen für die Ideale ihrer Kunst, wie sich auch begeistern für die Verherrlichung ihres Glaubens, für den Ruhm und die Größe ihrer Nation. „Die Begeisterung für die Lehre und Geschichte des Judenthums, das sei der granitene Sockel, auf dem sodann die Kunst ihre Statue hehr und edel aufrichte." Vas Golmano Ein altes Räthsel, das schon gar vielen Gelehrten Kopfzerbrechen verursachte, geht endlich seiner Lösung entgegen. Ophir, das vielgesuchte und sagenumwobene Land, äüs welchem Salomo der Weise Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen holen ließ und das man schon an den verschiedensten Punkten Asiens und Afrikas, ja sogar auf ' der Insel Haiti — so

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