Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 47 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47. Die Dahrheu. Seite 5. Lass es beinahe nicht mit demselben verglichen werden kann. Das klingt übertrieben. Die weiteren Ausführungen und Beschreibungen jedoch sollen den Beweis dafür reichlich erbringen. Die über ein Jahrhundert in Kraft getretene und zu Recht bestehende Emanzipation verlieh dem Juden Hollands kraftvolles Selbstbewusstsein, Mark und Rückgrat. War doch die Zeit der Tolerirung seit der Besiedelung in dem gastlichen Lande der Zusincht bis zum Momente der wirklichen Emanzipation schon frei und duldsam. Und nur in der Freiheit vermag sich ein biederer Bürgersinn zu entwickeln. Freie Bürger sind treue Bürger; unfreie Sclaven oder Unzufriedene. Der weitschweisende Blick, des Beschauers streift mit befriedigender, ungestörter Ruhe über die gedehnten Flächen. Sie sind, trotz Winter, grün überhaucht; die nur leicht beeisten hunderte Wasserlinien glitzern und leuchten wie Silberstreifen aus der Ferne. Gebüsch, Gesträuche, Haine säumen die Horizontlinie ein. Ein weiter, reiner Himmel wölbt sich über die Ebene; Windmühlenarme und die Thürme der zahlreichen Dörfer ragen in den Luftraum. Das sind die Mühlen, die langsam, aber sicher mahlen; bedächtig und verlässlich, wie die Holländer und deren Charakter; schwerfällig, aber solide und getreu. Es muß schon ein kräftiger Wind sein, der sie zur Eile jagt, selten aber stehen sie ganz stille. Sie sind immer beschäftigt, auch wenn man es kaum merkt. Heute haben auch die Juden Hollands schon echt holländischen Characler, selbst die spanisch-portugiesischer Abkunft. Letztere sind allerdings auf den ersten Blick zu erkennen. Ihr Typus ist südländisch geblieben, wenn sie auch holländisch sprechen. Die Namen zumal rufen die Heimat, das „Rabenmutterland" ins Gedächtnis. Wie stolz klingen sie uns in die Ohren: Texeira, de Mendes, de Pinto, Fonesca, de Castro, da Silva, Pardo, Morteira, Santa Cruce(!), della Christo (!), um nur einige aus edelstem Geblüt zu nennen. Diese athmen geschichtlichen Geist und erinnern uns an die Zeit der Gründung des Amsterdamer Rabbinates, wo Saul Morteira, Jsak Aboob und Manasse ben Israel die geistlichen Oberhäupter waren. Der Geist Spinozas taucht auf. Wie ergreift uns auch der Anblick seines Standbildes im Haag, dieser herrlichen, unvergleichlichen, funkelnd reinen Stadt. Das edle Denkeranlitz blickt auf eine neue Zeit, aiibere Menschen forschend nieder; ausgeglichene Seelenruhe, wohl nach schweren inneren und äußeren Stürmen, liegt auf der prächtigen Stirne. Beim Vernehmen der Namen dieser edlen Geschlechter fliegen glänzende und schauerliche Bilder an uns vorüber. Wir hören Klagetöne, sehen Flammen lodern und vernehmen Dankgebete. — Manasse's imposante Figur schreitet gravitätisch an uns vorüber, und tief versenkt in ernste Betrachtungen stehen wir vor feinem Grabdenkmal in Ouderkerk. Doch davon später. — Wir kommen glücklich in Amsterdam, Neu-Jerusalem an. Arnhem, die liebliche Gartenstadt, sehen wir vorläusig nur vom Coupefenster aus; wir kommen auch dorthin noch. Amsterdam! rufen die holländischen Schaffner. — Aufs Höchste sind unsere Erwartungen gespannt. Von frühester Jngend an klingt uns der Name, vertraulich zwar, doch abenteuerlich. „Kannitverstan" höxen wir als Echo aus jener schönen Erzählung vom armen, reichen Manne. Und hässlich klingt der slavische Zuruf nns^ entgegen, den man in Böhmen und Mähren noch heute hört: Lido bjez do Amsterdamu, „Jude, geh' nach Amsterdam"! Ah, welch ein Unterschied! Die Stickluft der Intoleranz Mitteleuropas und die Freiheit der Niederlande! „Der Geist Gottes schwebt über den Gewässern." Das ist wohl auch der Geist der Freiheit, der uns vom nahen Meere entgegenströmt. Kräftig, erquickend ist die Luft. — Hier ist die Welt offen, hier strömen Menschen aller Sprachen zusammen. Ein buntes, Gewimmel und Getümmel erfüllt den Hafen „Plot Y" (sprich!: Ei). Majestätisch liegen die Dampfer Bord an Bord. Geschäftig eilen Matrosen, Lastarbeiter, Kaufleute hin und her — wir erkennen zahlreiche Glaubensbrüder unter ihnen. Fremd schlägt das eigenthümliche Idiom an unser Qhr, doch bald verstehen wir manches Wort. Die Kenntnis des Plattdeutschen kommt uns ein wenig zugute, die wir aus Reuter gelernt. — Ein flinker Wagen bringt uns vom Bahnhofe in unser Absteigequartier; er führt uns viel zu rasch. — Denn schon erkennen wir, dass wir im „Nordischen Venedig" sind und anderseits durchqueren wir das wundersame Judenquartier. (Fortsetzung folgt.) Die Häufte, besonders Daudimst und Musik, «ad das Indenthum. Von Director P. Klibansky-Frank furt a. A». Es ist der Zug der Zeit, in der Wissenschaft Beerdigung zu suchen für den nach den höchsten und letzten Graden spähenden Geist, und in der Kunst für daS alle Tiefen d^ Empfindungen umschließende Gemüth. Dass beide nur den Menschen himmelwärts ziehen, blos die Sehnsucht nach dem Unendlichen empsindenlassen, nicht aber den Himmel zur Erde herabbringen, nicht das Göttliche wahrhaft offenbaren, wie das die Religion thut; dass Wissenschaft und Kunst die Cherubim sind, die auf ihren ausgespauuten Fittigeu die Seele blos bis zum Grenzgebiete des Allerheiligsten tragen, wo nur die Religion noch den Flug in höhere Regionen unternimmt, das wollen unsere Aufgeklärten, die Anhänger der Ethik, nicht zugebeu. All die Künste, die . nicht bloße Ausnützung, sondern die Veredlung des Erdenlebens zum Zweck haben uud dem Sinnlichen den göttlichen Stempel der Vollendung, der Schönheit aufdrücken wollen, sind von der Religion genährt unb gepflegt, wenn nicht geradezu geschaffen worden. Baukunst, Sculptur, Malerei, Musik und Poesie danken dem Eintritte des Göttlichen in die Welt, der Hinwendung der Völker zu demselben ihre Entstehung und Entfaltung bis fast zu dem höchsten Grade der Vollenvung hin. Wir finden, wen» wir den Ursprung iuib Fortgang der Kunst auch nur flüchtig ins Auge fassen, überall diese Wahrnehmung bestätigt. In der ersten Periode ihres Daseins namentlich weilen die Künste fast ausschließlich in den Hallen des Glaubens, als Dienerinnen des Göttlichen und Vermittlerinnen seiner Herrlichkeit. Die Künste erhalten die erste Pflege und Nahrung von der Religion und haben daher auch zunächst einen gemeinschaftlichen Inhalt mit dieser. Dies ist die Grüße und Würde der Kunst, dies ist es, was dieselbe mit Wissenschaft und Religion aus den Gipfel menschlicher Geistesthätigkeit stellt und die höchste Weihe über sie ausströmt. Wenn die alten Egypter vor Jahrtausenden jene kolossalen Spitzsäulen, jene riesengroßen Palmenhaine von Stein in der Gestalt von Tempeln aufführten, so wollten sie nicht spielend mit der Künstlerhand der Gottheit weiteifern — nein, sie wollten der erhabenen Gottheit, wie sie sie empfanden, ein würdiges Haus bauen. Und das thaten die Griechen mit ihren lichten Zeus- oder Apollotempeln und die Kirche des Mittelalters, als sie die alten halbdunklen Fichtenwälder der Germanen in den hohen, spitz- und rundförmigen Domen und buntbemalten Kirchen zu verewigen suchte. So war es auch nicht freies Spiel künstlerischer Kraft, sondern Drang der höchsten religiösen Begeisterung, der einen Phidias^ und Praxiteles antrieb, die edelsten Meisterwerke menschlicher Würde und Schönheit für alle Zeit aus Stein zu meißeln. Und wollten Michael Angela, Correggio und Raphael blos ergötzen und entzücken mit der Zauberkraft ihres Pinsels? Nein! Sie selbst waren hingerissen von der Glut religiöser Ueberzeuguug, bezaubert von der Hoheit ihres religiösen. Urbilds, und so schufen sie unübertroffene, ja unübertreffliche und wohl unerreichbare Bilder himmlischer Verklärung des Menschenantlitzes. Gibt es auch eine jüdische Kunst? „L’art judaique n’existe pas; il n’a jamais existe.“ „Es gibt keine jüdische Kunst, sie hat nie bestanden l" Mit diesen Worten beginnt Felicien de Saulcy, der berühmte französische Archäologe, sein bekanntes Werk: „L’histoire do l’art judaique“. Von dieser vielfach verbreiteten Anschauung war der französische Archäologe befangen, als er vor ungefähr 4L Jahren eine wissenschaftliche Reise nach Jerusalem angetreten hatte. Aber