Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 47 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 47. Lass es ein Anderes sei, in der Mitte seiner getreuen Demokraten zu sprechen, die auf jedes seiner Worte wie auf das Evangelium schwören, als wenn er unter Juden spricht, die sich nicht gleich ihm blos dann in ihren heiligsten Empfindungen verletzt fühlen, wen» man ihnen das Wort „Jude" ins Gesicht schleudert, sondern die es weit schmerzlicher und brennender empfinden, wenn ein Jude, der ein vollständiger Ignorant auf -dem Gebiet des Talmud ist, sich erkühnt, auf diesen herabzufehen. Jude gegenüber Antisemiten und Antisemit gegenüber Juden, das ist ein Zwitterding, das sich aus die Dauert, nicht behaupten kann. Wen» Herrn Lucian Brunner die Popularität, die er sich im Schweiße seines Angesichtes erworben hat, zu sehr bedrückt, dann spreche er öfters im „Jüdischen Volksvereiu" in ähnlichem Sinne; er wird sie dort leichter verlieren, als er dieselbe gewonnen hat. _ Aron Fürst. Die Mische Religion und ihre Mtenlehrrn- Welchen Anfeindungen und Stürmen unsere Religion von Seiten Andersgläubiger auch ausgesetzt war, wie sehr man auch ihre Anhänger zu allen Zeiten verfolgt und mißhandelt hat : vor ihren Sittenlehren, die durch ihre Erhabenheit und Offenheit stets die Herzen erwärmte, die Rauheit des Gemüthes in Sanftmuth verwandelte, mussten sie allesammt die Segel streichen. Wohl zerrten sie einige abgerissene Sätze aus dem verschrieenen Talmud hervor, um der jüdischen Moral Eins am Zeug zu sticken, doch auch diese zerrannen in ihr Nichts, bei Hellem Licht besehen. Welche Lehren könnten sich mit denen des Resch-Lakisch messen, der keinen Unterschied des Glaubens kennt, der auch dem Andersgläubigen gegenüber Liebe und Recht bewahrt wissen will. Ein Ausspruch von ihm lautet: „Das Recht des Fremden beugen, heißt: das Recht Gottes beugen; offene Schädigung an Nichtjudeu ist schlimmer als Raub au Juden, dem? jene ist zugleich Entweihung des göttlichen Namens." O, wenn unsere Verfolger diesen herrlichen Satz befolgt hätten, wenn sie mit demselben sich vertraut gemacht, ihn als Leitmotiv ihres Handelns genommen, wir würden über die zahllosen Martyrien nicht zu klagen haben; es gäbe aber auch dann keinen Antisemitismus, keinen Judenhass. Denn wenn wir auch als Fremdlinge gehalten werden, die an den christlichen Stamm sich nicht anschmiegen wollen; wenn wir auch allen Verlockungen stets Stand gehalten haben und nur in unserem Glauben Seelenheil und Beruhigung gesunden: dies allein konnte unseren Widersachern noch kein Anrecht auf Verfolgung und Verachtung geben; denn „das Recht des Fremden beugen, heißt so viel, als da» Recht Gottes beugen." Und trotz alledem wiesen sie bei allen Thätlichkeiten dem jüdischen Stamme gegenüber darauf hin, als geschehe dies zur Ehre Gottes, zu seiner Verherrlichung. Eine herrliche Moral, eine glänzende Rechtfertigung der scheußlichsten Verirrungen! „Schädigung an Nichtjuden ist schlimmer als Raub an Juden" lautet ein anderer Ausspruch desselben Talmudlehrers, und auch diese Maxime, würde sie von den Antisemiten befolgt, hätte den ganzen Hausen der racheschnaubenden Wölfe in zahme Lämmer verwandelt. Nicht nur körperliche Schädigung, sondern mehr noch geistige Wunden wurden uns beigebracht und nicht nur unser Eigeuthum war ein Raub der Beutegier, sondern auch an unseren heiligsten Empfindungen kühlten sie ihre Raublust, und dies alles zur Heiligung des göttlichen Namens. Und bis zum heutigen Tage werden sie nicht müde, unsere Religion fammt ihrer Moral in den Sumpf zu zerren, um derart ihr Treiben zu bemänteln. Doch Gott Lob, es wacht noch immer der alte Hüter Israels über seine Heerde! Jüngst hat ein christlicher Gelehrter, der frei von Vorurtheil ist, auf die edle und reine Toleranz in unserem Glauben hingewiesen. Graf H. Coudenhove hat in feinem lehrreichen Werke „Das Wesen des Antisemitismus" so manche Verkehrtheiten ausgemerzt, die dem Talmud unterschöben werden, und zugleich darauf hingewiesen, dass unser religiöses? Leben nicht in allen Dingen dem Talmud Liebesdienste verrichtet» Wenn auch einzelne Stellen von Hass gegen Andersgläubige zeugen, so habe»; dieselben nicht im geringsten Einfluss aus das moralische Wesen im Judenthume gehabt. „Der gute Jude ist gut und wohlthätig, trotz dieser Stellen, und der aufgeklärte sogar trotz jener, die zur Wohlthätigkeit und Toleranz mahnen, er wäre auch ohne die letzteren ebenso wohlthätig und edel." Der jüdische Glaube hat demnach in unserer Mitte derartig feste Wurzel geschlagen, dass zerstreute, der damaligen Zeit angemessene Aussprüche alter Lehrer seine Bekenner in den Hauptlehren nicht wankelmüthig machen können. Wie ein Heller Stern beleuchtet er unsere Pfade, und wie oft auch unsere Schritte im Gange gehemmt werden durch die Felsblöcke, welche der rauhe Pöbel uns in den Weg legt, der sittliche Adel, den die heilige Schrift auf unsere Stirne gedrückt, hat sich noch immer durch alle Fährniße Bahn gebrochen. Von Liebe und Wahrheit geleitet, hebt Graf Coudenhove in markanten Sätzen hervor: „Das Judenthum hat seine Gläubigen zu höchster Sparsamkeit, Enthaltsamkeit, Fleiß, Wissensdrang und gottergebener Geduld erzogen und die so musterhafte jüdische Familie herangebildet." Das ist das Werk der jüdischen Religion, das ist das Ergebnis ihrer Sittenlehren. Mag der Himmel mit schwarzen Wolken sich bedecken, mögen zuckende Blitze, das Heraunahen drohender Gefahren künden, wir werden in unserer Religion die sicherste Zufluchtsstätte finden, wie wir bis allher bei ihr geborgen waren. Unser Fleiß, unsere Sparsamkeit wird stets den Ruhm der Bessergesinnten ernten, wie sie den Hass der Nichtswürdigen erwecken, und auch die gottergebene Geduld hat uns schon oft gute Dienste geleistet und sie wird uns auch in Zukunft den Druck ertragen lehnen, dem der gläubige Jude ausgesetzt ist. Nur dürfen wir das Banner unserer Religion nicht sinken lassen, und die jüdische Moral muß alle unsere Handlungen bestimmen. Jung und Alt muß von der Erhabenheit des jüdischen Glaubens beseelt sein, und je mehr die Wölfe heulen, umso muthbeseelter müssen wir zur Wehr und Waffe greifen, die uns die Religion liefert; denn fällt diese, so fallen wir mit ihr! Dunaföldvar. Rabbiner Dr. Sam. Partos. Neisebriese aus Holland. Von Jan van Düren. I. Nichts Schöneres kann man sich denken, als einen milden, heiteren Wintertag auf den breiten Flächen Hollands; besonders gemüthlich sieht sich das erquickende Naturbild aus dem wohligbehaglichen Coupe des D-Zuges an, der uns von Zevenaar nach Amsterdam bringt. — Man braucht ja nicht allzulange, um das gesegnete Land zu durchqueren. Wenn diejenigen Frauen die besten sind, von denen man in der Oeffentlichkeit am wenigsten hört oder spricht, dann gilt dasselbe wohl auch zum Theil von Ländern. Man hört und spricht von Holland wenig. Und was hinausdringt, ist in der Regel Gutes. Merkwürdig, die Schilderungen aus den Niederlanden sind meistens schwach und unbedeutend. Es scheint, als wenn die dort sich darbietenden Bilder auf Auge und Gemüth der Vollkontinentalen -- die Holländer sind ja Küstenbewohner — nicht den richtigen Eindruck machten. Auch die Städte- und Bevölkerungs-Bilder leiden in der Regel an merklicher Leblosigkeit und Blässe. Und doch gibt es kaum herrlichere Städtebilder, interessantere und merkwürdigere Charaktere, als sie in den Niederlanden zu finden sind. Trotz der verhältnismäßigen Nähe zu Mitteleuropa ist das Land von Vergnügungsreiseuden wenig besucht. Das bekannte Rembrandt'sche Halbdunkel herrscht auch in der Kenntnis des Landes und seiner Bewohner im Allgemeinen, wie im Besonderen in der des holländischen Judenthums, dessen Gemeindeleben und der Litteratur. Wie lange hat es übrigens gedauert, bis die Geistesproducte dieses Landes in den allgemeinen Litteraturkreis gedrungen sind. Erst jetzt bemüht man sich Multatulis Muse vorzustellen. Das gleiche Schicksal theilt, und zwar in erhöhtem Maße, Alles, was das holländische Judenthum betrifft, oözwar . dieses mustergiltig und einzigartig in jeglicher Beziehung ist und von dem Judenthum des übrigen Europa sich durch so Vieles unterscheidet,